Macht doch was Ihr wollt!

Von Stefan Tillmann am 10. August 2013

Das Land schläft ein. Bundestagswahlen? Na und! Doch die vermeintliche Lethargie ist mehr als der übliche Politikverdruss. Die Krise in Europa hat zu einem Kulturwandel geführt:  vom Politikerglauben zu einer neuen Lust auf Selbstständigkeit. Und das ist auch eine Chance

2013 ist vermutlich ein gutes Jahr, um etwas zu gründen – und sei es zunächst nur ein winzigkleines Projekt. Denn während in diesen Tagen und Monaten die Menschen besonders laut klagen, über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, über planlose Politiker und skrupellose Manager, so lässt sich diese Zeit der Krisen auch deuten als historische Chance: für einen Aufbruch, ja: für eine neue Emanzipation.

Klar ist: Das etablierte System ist überfordert. Der Deutsche Bundestag verliert im Spiel mit den europäischen Regierungen zunehmend an Bedeutung. Auch deswegen finden die Politiker in Wahlkämpfen für Bundestagswahlen immer weniger Gehör. Aber auch Europas Regierungen können vielfach nur reagieren: auf die Finanzakteure, die im Hochfrequenzhandel zocken, und auf die großen Steuerberatungsfirmen, die den Weltkonzernen immer neue legale Steuerlöcher zeigen.

Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa erlebt momentan einen stillen, aber doch wesentlichen Kulturwandel. Im katholisch geprägten Europa, in dem die Menschen auch deswegen traditionell weniger individualistisch sind, verlieren die Bürger ihr Vertrauen in Obrigkeiten. Sie misstrauen Politikern, aber auch den Unternehmen, die ihnen Arbeit geben sollen, bei denen sie etwas kaufen sollen. Das kann man Vertrauensverlust nennen oder auch eine Chance.

Denn während die einen unter der Überforderung zusammenbrechen, bauen sich immer mehr Menschen die Welt, wie sie ihnen gefällt. Da sind die Hobbygärtner, die lieber im eigenen Garten ihre Möhren hochziehen als im Supermarkt einzukaufen. Da ist die so genannte Maker-Bewegung, die am PC Produkte designt und mit  3-D-Druckern selbst produziert. Und da sind die vielen IT-Startups in ganz Europa, die längst mehr sind als ein kleiner Hype. In Europas Krisenländern wird es zwar immer schwieriger, einen ordentlichen Job zu finden, dank digitalem Austausch war es aber noch nie so leicht, eine Firma zu gründen. Es scheint, als entdecke eine sinnentleerte Dienstleistungsgesellschaft etwas wieder, was lange abgeschoben wurde: die Produktion.

Auch die vermeintliche Krise des Journalismus kann man als eine große Chance sehen – ist sie doch vor allem eine Krise der Verlage, deren Erlösmodelle sich nicht mehr rechnen. Journalismus ist keineswegs in der Krise, Inhalte sind gefragter denn je zuvor. Und so sind die Journalisten gefragt und müssen sich selbst vermarkten. Dass das technisch nicht so schwierig ist, hat die Musikbranche vorgemacht.

In diese Zeit hinein startet der Opinion Club. Eine Seite für anspruchsvolle Meinung und Analyse. Hier gibt es keinen News-Strom, vielmehr schreiben Autoren Texte zu wichtigen Themen. Kommentare und Analysen zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – kurz, klar, kontrovers. Wichtig ist: Wir haben keine redaktionelle Linie, es gibt linke und konservative Autoren, und solche, die es selbst nicht genau wissen. Wichtig ist, dass jeder Leser mitdiskutieren soll und jeder Kommentar bewertet werden kann – auch der der Leser. Demnächst werden wir eine kostenpflichtige Mitgliedschaft einführen. Damit dieses kleine Projekt wachsen kann.

Stefan Tillmann ist Gründer des Opinion Clubs. Er war Redakteur bei „Financial Times Deutschland“ und „Capital“. Er kündigte, anstatt auf die Einstellung der FTD zu warten. Heute arbeitet er als Textchef und Autor, u.a. beim „Tagesspiegel“-Magazin „zitty“ und bei „Cicero“, baute den Opinion Club auf und schrieb einen Roman. „Nie wieder Fußball! Die Geschichte einer Selbsthilfegruppe“ erscheint 2014 im Werkstatt-Verlag.

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