Keine Angst vor China

Von Claudia Wanner am 14. August 2013

Chinesen kopieren, Chinesen klauen, Chinesen machen unsere Wirtschaft kaputt. Genauso, wie es dereinst die Japaner taten. So das gängige Vorurteil. Ein albernes Vorurteil. Denn es gibt keinen Grund für die Parole „Kauft nicht bei Chinesen“. Denn die Volksrepublik hat ihre ganz eigenen Probleme

“Hütet Euch vor den Japanern”, pflegte mein Religionslehrer zu predigen. “Fotografieren alles ab, bauen es zu Hause nach – so machen sie unsere Wirtschaft kaputt.” 25 Jahre später mutet das skurril an. Wer hat noch Angst vor Japan?

Die Sorge vor der vermeintlichen Gefahr aus dem Osten ist indes geblieben. Das Land der Mitte hat die aufgehende Sonne abgelöst. Das Knipsen haben die Chinesen längst hinter sich. Die öffentliche Meinung: Unternehmen aus der Volksrepublik kopieren nach Lust und Laune westliche Marken und Patente, Louis-Vuitton-Taschen genau so wie komplette Shops von Apple. Dank menschenverachtender Produktionsmethoden unterbieten sie die Preise auf dem Weltmarkt, der Apple-Auftragsfertiger Foxconn gilt als Paradebeispiel. Und sie unterwandern mit ihrer besser werdenden Technologie den Westen, Telekomausrüster wie Huawei und ZTE bekommen deshalb keinen Fuß in die USA.

Die Hysterie treibt wilde Blüten – und ist genau das: Hysterie. Der Sicherheitsausschuss des britischen Parlaments hat vor einigen Wochen „schockiert” festgestellt, dass British Telecom mit dem Feind, sprich Huawei, zusammen arbeitet. Wohlgemerkt: Ein gutes Jahrzehnt machen die beiden Verträge, keinesfalls im Geheimen. Derweil äußern US-Senatoren ernsthafte Bedenken, ob sich das Land nicht hoffnungslos an China ausliefert, sollte die geplante, 5 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Schweinefleisch-Verarbeiters Smithfield Foods durch Shuanghai International zustande kommen.

Doch das Motto “Kauft nicht bei Chinesen” ist albern. Nationale Industrien sind in der heutigen vernetzten Welt nicht einfach aus dem Ärmel zu schütteln. Der gestrig anmutende Vorschlag von Politikern, ein deutsches Google zu starten, um der umfangreichen Kommunikationsüberwachung der Amerikaner zu begegnen, macht das ebenso deutlich wie die fehlende Akzeptanz für De-Mail, die sichere Alternative für Emails. China hat schließlich, genau wie andere Staaten in Südostasien, Südamerika, Afrika viele Pfunde, mit denen das Land wuchern kann. Eine relativ junge, emsige Bevölkerung ist eines davon.

Zudem genießen die Firmen des Landes längst nicht den Komfort, der ihnen vielfach unterstellt wird. Staatskonzerne und Zukunftstechnologien mögen lange gepäppelt worden sein, auch dank der starken Hand des Staates im Bankensektor einfach an Finanzierung gekommen sein. Doch diese Phase geht zu Ende. Suntech, lange gefürchtet als Nemesis der deutschen Solarindustrie, ist vom Rang des weltgrößten Herstellers der Branche direkt in die Insolvenz geschlittert. Oder Cosco: Die größte Reederei des Landes, halbstaatlich, hat 2012 das zweite Jahr in Folge heftige Verluste geschrieben. Ein weiteres Minus-Jahr und es droht das Delisting von der Börse – und keine schützende Hand ist in Sicht.

Die Probleme der beiden sind beispielhaft für Anbieter aus Chemieindustrie oder Werften, Zementproduktion oder Unterhaltungselektronik: massive Überkapazitäten, die Folge von langjährigen Zuschüssen. Mit dem langsameren Wachstum der Volkswirtschaft – 7,8 Prozent Plus im vergangenen Jahr markierten den schwächsten Wert seit 13 Jahren – werden diese Fehlallokationen deutlicher. Experten beobachten Kannibalisierung in zahlreichen Branchen, einen Wettlauf um immer niedrigere Preise, Verluste.

Gleichzeitig macht sich die neue Führungsriege um Präsident Xi Jinping daran, Auswüchse des Wirtschaftssystems zu bereinigen. Die gezielte Verknappung von Krediten Mitte Juni ist nach Überzeugung vieler Beobachter erst ein Vorgeschmack, auch wenn die schärfsten Einschnitte nach Turbulenzen an den Märkten wieder etwas zurück gedreht wurden. Die Botschaft: Banken sollen in die Schranken gewiesen, Kreditwürdigkeit strenger geprüft und damit die Unternehmen zu nachhaltigerem Wirtschaften gezwungen werden.

Das Experiment muss nicht klappen. Seit Jahren sagen Kassandras der Volksrepublik China eine Implosion von Wohnungsmarkt, Banken, Industrie voraus. Geht die Kalkulation der Führung aber auf, wird die Wirtschaft weniger rasant wachsen, eine Bereinigung durchlaufen. Und sich in vielerlei Hinsicht normalisieren. Dann dürfte irgendwann auch das Misstrauen gegenüber den Chinesen abflauen, ähnlich wie es vor drei Jahrzehnten bei Japan der Fall war. Andere Anbieter werden dem Reich der Mitte einzelne Spitzenpositionen wieder abnehmen.

In der Zwischenzeit müssen Wettbewerber und Kunden in jenen Industrien, die ihnen als kritisch gelten, an Regeln und Sicherungsmechanismen arbeiten. Aber vor Pauschalverurteilungen sollten sie halt machen. Schließlich tröstet das Beispiel Japans: Die Firmen aus dem Inselreich sind anders als einst gefürchtet keineswegs in allen Industriezweigen top. Ihre Fotoapparaten sind allerdings spitze.

 

Ein erster Besuch in Beijing und Shanghai 2004 weckte die Lust auf Asien. Drei Jahre später machte sich Claudia Wannernach Stationen als Finanz- und Logistikredakteurin der „Financial Times Deutschland“, auf nach Hongkong – und lebt seitdem in der Millionenmetropole am südchinesischen Meer.

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Jürgen Mustermann am 20. August 2013

Die Autorin hat Recht: Hysterie ist sicher fehl am Platz, in der Tat. Wahrheiten auszusprechen, auch wenn sie nicht schön sind, ist aber doch legitim. Ohne mich der Xenophobie verdächtig zu machen: Daß wir von den "westlichen Freunden" flächendeckend ausgespäht werden, mit der Zielrichtung Industriespionage sicher nicht weniger als mit Bezug auf "Terrorbekämpfung", darf man glauben (und über die scheinbare Gleichgültigkeit der Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland kann man sich nur enttäuscht wundern!) - aber das nimmt der vergleichbaren Aktivität aus China doch nichts an Bedeutung und Bedrohung? Die Ressourcen eines Milliardenvolks, trotz aller "marktwirtschaftlichen Elemente" zentral orchestriert durch eine diktatorische "kommunistische" Partei und eingesetzt zum eigenen Vorteil (kollektiv, der Nation, wie individuell, wie die Milliardenvermögen im Ausland aller wesentlichen Spitzenfunktionäre zeigen) besitzen mit Sicherheit eine Durchschlagskraft, der eine reale Bedrohung innewohnt - daß ZTE und Huawei als Lieferanten zentraler Kommunikations-Infrastruktur da in England oder den USA keine Begeisterung wecken, ist verständlich. Natürlich gilt dies ebenso für die Abhängigkeit der Europäer z.B. von Cisco - ein Schelm, wer Böses dabei denkt, daß kein open-source-Produkt bisher wesentliche Bedeutung in zentralen Netzinfrastrukturbereichen erlangt hat! (Hinweise auf Facebook & Co. sehe ich in diesem Zusammenhang übrigens als Mißverständnis an, denn der Datenstriptease auf solchen Plattformen entspringt ja immer noch der Freiwilligkeit mehr oder weniger reflektierter Nutzer).

Der Vergleich der Autorin von China mit Japan aber (oder besser: die Gleichsetzung beider Nationen in ihrer Analyse mit der Zielsetzung einer "Entwarnung" bezüglich Chinas) geht meines Erachtens hingegen fehl: er übersieht den Effekt der schieren Größe. Auch wenn die Kontraste in China groß und erhebliche Teile des Landes noch "Entwicklungsland" sein mögen: Deutschland hat etwa 82, Japan 127, China 1335 Millionen Einwohner. Anders ausgedrückt: die intelligentesten 6% der Chinesen sind so zahlreich wie die gesamten Einwohner der Bundesrepublik... je nach politischer Zielsetzung kann China innerhalb weniger Jahre mehr bestausgebildete Ingenieure, Ärzte, Forscher oder irgendeine andere Berufsgruppe auf ein Ziel ansetzen, als alle Europäer zusammen! [ja, auch Spione oder Hacker, aber darum geht es hier ausnahmsweise nicht]

Es braucht also gar nicht (nur) des ungehemmten Kopierens und Ideenklaus (die nach meinem Eindruck aber auch, und immer noch, massiv stattfinden) - neben der aus dem unglaublich großen Absatzmarkt resultierenden Stärke (mehr Chinesen als Europäer nutzen Mobiltelefone, das Wachstum der globalen Autoindustrie findet in China statt, etc.) und der schlagkräftigen politischen Steuerung der nationalen Ressourcen (die in der Industriepolitik ihren Vorteil ausspielt, wiewohl ich sie als Diktatur verabscheue) besitzt China schlicht ein derartiges Übergewicht an intellektuellen Ressourcen, daß sich der Vergleich mit Japan m.E. verbietet. Ich habe wenig Zweifel daran, daß China die dominierende Weltmacht des 21. oder 22. Jahrhunderts werden wird - und kann nur hoffen, daß sich bis dahin das "westliche" Verständnis von Menschenrechten, Demokratie und Freiheit auch bei der chinesischen Bevölkerung stärker verbreitet hat!

Insofern, auch wenn ich die Faszination des derzeitigen Wohnorts der Autorin nachvollziehen kann: Hysterie nein, aber Wachsamkeit ja!

Claudia Wanner am 28. August 2013

Wachsamkeit ist immer ein guter Ratgeber ... Aber sie sollte einher gehen mit der noetigen Offenheit und Dialogbereitschaft, die genug Raum laesst, Chancen zu erkennen. Und in der Auseinandersetzung mit China ueberwiegt doch haeufig die Hysterie (auch wenn es als Gegenpol mitunter auch die unreflektierte Glorifizierung der "neuen, starken Wirtschaftsnation" gibt).
Das Beispiel Japan hinkt natuerlich, wie ja in Sachen Groesse China ohnehin einzigartig ist. Aber was Japan durchaus deutlich machen kann, ist das die Zukunft keineswegs immer so glasklar ist, wie sie scheinen mag. Wer haette 1988 damit gerechnet, dass dem Land der aufgehenden Sonne zweieinhalb Jahrzehnte Stagnation bevor stehen? Angesichts der massiven internen Probleme (Schuldenstand, Korruption, Blasenbildung) ist entsprechend laengst nicht ausgemacht, dass die Volksrepublik sich kontinuierlich zum unangefochtenen neuen Superstar aufschwingen wird. Viel plausibler sind Hoehen, die abwechseln mit Tiefen. Entscheidend erscheint mir, das Land dabei aufmerksam zu begleiten, Chancen wahrzunehmen, Dialog zu suchen, moeglichst EInfluss zu nehmen. Und nicht vor der vermeintlichen gelben Gefahr die Tueren zu schliessen.