Der Mann, das Lustobjekt

Von Joachim Helfer am 15. August 2013

Werbung wirkt nicht? Von wegen. Werbung kann so richtig aufregend sein, findet Joachim Helfer. Jedes Mal, wenn er am Werbeplakat einer Pharmafirma vorbei kommt, schwillt ihm der Kamm. Weil er sich als Mann zum Lustobjekt der Frauen degradiert fühlt – von den Werbern. Und dann will auch noch seine kleine Tochter wissen, was es mit dem Plakat auf sich hat

„Jeder 5. Ist betroffen“ verkünden seit einigen Wochen überall riesige Werbeplakate. Darauf zu sehen ist ein Strichmann, der eine betrübte Strichfrau in seine – mutmaßlich tote – Unterhose blicken lässt. Thema der betont seriös gehaltenen Kampagne ist der vorzeitige Samenerguss. Auftraggeber ist jedoch nicht, wie die Aufmachung vermuten lassen könnte, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, sondern Berlin Chemie, ein Unternehmen der Pharmaindustrie. Zur Lösung des Problems gibt es rezeptpflichtige Salben, die den Penis stumpf machen. Für schwere Fälle auch Psychopharmaka, die den Orgasmusreflex im Hirn lähmen. Die wollen die Berliner nun an den Mann bringen. Oder, und da wird es fragwürdig, an die Frau.

Mich ärgert dieses Plakat jedes Mal mehr, wenn ich es sehe. Meine erste Reaktion war Achselzucken: Ich gehöre zu den glücklichen 80 Prozent, bin selbst nicht betroffen. Als meine siebenjährige Tochter mich fragte, worum es bei den beiden auf dem Bild da gehe, habe ich es ihr erklärt, so gut ich konnte: Froh, dass man über sexuelle Gesundheit heute so offen und entspannt sprechen kann wie über Karies. Nur blieb bei mir ein Gefühl von Betroffenheit zurück, von Beschämung und Herabwürdigung, wie ich es so, in meiner Rolle als Mann und Vater, bisher noch nicht kannte. Ein stumpfer Schmerz, wie früher in der Schule, wenn die Mitschüler einen „schwule Sau!“ riefen. Männerrechte, Maskulinismus gar – das habe ich bisher eher als antifeministische Polemik oder Provokation, denn als ernsthaften Gegenstand notwendiger Debatten wahrgenommen.

Heterosexuelle Männer, so stellte ich es mir vor, gehören nun wirklich nicht zu den Entrechteten und Benachteiligten dieser Gesellschaft. Wenn mich etwas dazu bringt, neu darüber nachzudenken, ob Gleichberechtigung nicht auch Ungerechtigkeiten zu Lasten von Männern beseitigen müsste, dann dieses so harmlos und unschuldig daherkommende Strichmenschenpaar und die Website späterkommen.de, auf die es verweist. Klar, wenn ein Mann darunter leidet, dass er zu früh kommt, dann soll ihm geholfen werden. Nur zeigt das Plakat, verweist auch die zugehörige Webseite ausdrücklich auf die Frau, die Partnerin. Ihre Bedürfnisse werden in Bild wie Text in den Mittelpunkt gerückt: Nicht, dass der Mann zu wenig vom Sex hat, ist das Problem, sondern dass es für die Frau zu schnell geht. Nicht die Lust des Mannes ist Gegenstand, sondern die der Frau: Wer als Mann, so stellt es die Website ausdrücklich dar, seinen Samenerguss nicht zu beherrschen lernt, riskiert seine Beziehung. Das mag bei einigen Paaren so sein, bei anderen eher nicht. Und klar, wenn ein Mann das Bedürfnis hat, seiner Partnerin ein ausdauernderer Liebhaber zu sein, so soll mit ihm auch gern ihr geholfen werden. Was aber sagt es über das Bild vom Mann, über seinen – zumindest symbolischen – Stellenwert in unserer Gesellschaft, wenn er derart ungeniert und in aller Unschuld als bloßes Mittel zur Befriedigung von Frauenbedürfnissen aufgefasst wird?

Wer diese Interpretation übertrieben findet, möge sich die Sache umgekehrt vorstellen: Ein Plakat, auf dem ein erigierter Strichmann sichtlich enttäuscht vor einer ihn abweisenden Strichfrau steht. Jede 5. Frau ist von Frigidität betroffen! Frauen, die keine lustfördernden Salben schmieren oder in hartnäckigen Fällen Psychopillen schlucken, riskieren ihre Beziehung! Ginge das? Nein, das ginge nicht. Ein Aufschrei wäre die Folge, vom Werberat bis zur Ethikkommission der Ärzte, von Links bis Rechts, von der „Emma“ bis zum „Münchner Merkur“ – und zwar völlig zu Recht! Was so entsetzt wie angewidert verteidigt würde, wäre nichts weniger als die Würde des Menschen: Frauenkörper sind keine Mittel zur Männerlust. Punkt. Nur: Warum gilt es nicht auch umgekehrt?

 

Joachim Helfer, Jahrgang 1964, leidet nicht an vorzeitigem Samenerguss, dennoch fühlte er sich betroffen, als er ein bestimmtes Werbeplakat sah. Jenseits dieses Gefühls lebt er als Schriftsteller, Übersetzer und Publizist in Berlin. Neben Romanen, Erzählungen und Essays für den Buchmarkt hat er stets auch politische und kulturkritische Kommentare und Analysen für das Tagesgeschäft veröffentlicht, regelmäßig insbesondere im legendären Netz-Feuilleton „Voice of Gemany“ der „Netzeitung“.

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Daniels, Thomas am 19. August 2013

Völlig richtige und schlüssige Betrachtungsweise. Unser Blick scheint dafür verschlossen und es wird Zeit ihn zu öffnen!

Jürgen Mustermann am 20. August 2013

Ja, die "Zweckorientierung" von Sexualität, die in der angesprochenen Werbung zum Ausdruck kommt, finde ich auch kritikwürdig, ebenso wie die zu Recht monierte einseitige Sichtweise, die sich in der Tat bei vertauschten Geschlechtern deutlich zeigen würde. Netter Artikel! Das Produkt, mit dem er sich beschäftigt, ist zudem ein Paradebeispiel für die breitere Tendenz zur Pathologisierung jeden Verhaltens als Mittel zum Zweck der Absatzförderung von Pharmaka - was man hier auch hätte thematisieren können, aber vielleicht wurde darüber auch schon zu viel geschrieben (nein, ich weise jetzt nicht auf ADHS und Ritalin hin... ;-)