Hau rein, Münte!

Von Andreas Theyssen am 16. August 2013

SPD-Urgestein Franz Müntefering verabschiedet sich aus dem Bundestag. Vorher hat er aber seiner Partei noch einmal so richtig einen eingeschenkt – wie so oft in den letzten Jahren. Nachruf auf den unterhaltsamsten Sozialdemokraten der Neuzeit

Wie er das wieder hingekriegt hat. Zwei, drei knackige Sätze – schon steht die deutsche Sozialdemokratie Kopf. Die Konservativen beklopfen vor Häme ihre Schenkel und die Grünen, der SPD-Wunschkoalitionspartner, ihre Köpfe. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen.

Dabei hat Franz Müntefering lediglich gesagt, was jedem aufgefallen ist, der sich im letzten Dreivierteljahr auch nur zwei Mal mit der deutschen Sozialdemokratie und ihrem Kanzlerkandidaten befasst hat: „Der Start war misslungen. Mir standen die Haare zu Berge.“ Jau, wo er recht hat, hat er recht.

Nun ist es aber ein Unterschied, ob CSU-Chef Horst Seehofer oder Forsa-Chef Manfred Güllner oder eben Münte solch einen Satz sagt. Und so rätselt die SPD, wen der große alte Mann mit dieser Aussage wohl beschädigen wollte? Den Kandidaten Peer Steinbrück, diesen Fachmann für Malheurs? Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der ausplauderte, dass Steinbrück den Merkel-Gegner machen muss? Parteichef Sigmar Gabriel, dessen erratische Alleingänge die ganze Partei nerven? Oder doch eher Generalsekretärin Andrea Nahles, die den Wahlkampf verantwortet. Im Zweifel meinte Müntefering alle vier, aber das ist egal, denn darum geht es hier nicht.

Münte ist ein Held, weil er es wie kein zweiter schafft, eine eigentlich solide strukturierte Partei ruckzuck in einen aufgescheuchten Hühnerhaufen zu verwandeln. Das hat er nicht nur diese Woche bewiesen, er hat es in den letzten Jahren oft demonstriert. Sozis aufschrecken – das ist sein Lebenswerk.

Unvergessen wie Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 vorpreschte und Münte mit eiserner Hand dafür sorgte, dass auch die notorischen Bedenkenträger diese Zumutung für Sozialdemokraten im Parlament durchwinkten.

Unvergessen, wie er 2005 den Genossen den Parteivorsitz vor die Füße warf – bloß weil er nicht den Generalsekretär bekam, den er gerne wollte.

Unvergessen, wie er 2006 als Vizekanzler unter Angela Merkel seine Partei mit der Rente mit 67 überrumpelte. Diese schwere Kost hat die deutsche Sozialdemokratie bis heute nicht verdaut.

Unvergessen, wie er 2007 – aus überaus ehrenwerten privaten Motiven – sein Regierungsamt aufgab und dadurch nicht nur die eigene Partei, sondern auch Koalitionspartnerin Angela Merkel schwerstens verwirrte.

Unvergessen, wie er ein Jahr später in die Politik zurückkehrte und beim Putsch gegen Parteichef Kurt Beck die Strippen zog. Er wurde dann auch dessen Nachfolger.

Franz Münteferig wird unvergessen bleiben als der unterhaltsamste aller Genossen (Peer Steinbrück bleibt uns ja nur noch sechs Wochen erhalten). Als ein Genosse, der ein einzigartiges Talent dafür hatte, den eigenen Laden nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Und nun geht er, verabschiedet sich traditionsbewusst mit einem Hühnerhaufen-Interview aus der Politik. Schade eigentlich.

In diesem Sinne: Münte gut. Partei konfus. Glück auf!

 

Andreas Theyssen hat als politischer Redakteur unter anderem der „Woche“ und der „Financial Times Deutschland“ Franz Müntefering gut 15 Jahre lang journalistisch begleitet. Und ist immer noch fasziniert von dem SPD-Mann: So brachial Münte öffentlich auftritt, so freundlich und verbindlich ist er im persönlichen Umgang.

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