Studenten zur Kasse!

Von Stefan Tillmann am 20. August 2013

Deutschland könnte viele Probleme lösen, wenn nicht so viele Menschen studieren würden. Umgekehrt müssten Ausbildungsberufe und die vielfach öffentlich finanzierten Jobs in der Pflege und der Erziehung aufgewertet werden. Studiengebühren können dabei helfen, diese Elitenbevorzugung abzubauen

Im sogenannten Land der Dichter und Denker lässt sich mit dem Ausbau von Bildung immer noch gut Politik machen. Seit einigen Jahren versuchen die jeweiligen Landesregierungen möglichst viele Menschen eines Jahrgangs an die Universitäten zu bringen. Die OECD forderte einst, in Deutschland sollten wie in anderen Ländern 40 Prozent eines Jahrgangs studieren. Die Universitäten bekamen eine größere Autonomie, sodass sie heute pro Absolvent eine Prämie bekommen. Und die Politiker wähnen sich am Ziel.

Dabei ist 40-Prozent-Ziel das falsche Vorbild. Schließlich ist in anderen Ländern wie Frankreich oder in Skandinavien für Berufe wie der Krankenschwester oder der Erzieher ein Hochschulstudium notwendig. Die traurige Wahrheit heißt vielmehr: Deutschland braucht weniger Studenten. Es fehlen zwar auch Ärzte, Ingenieure und Informatiker, vor allem aber gut ausgebildete Krankenschwestern und Pfleger, Erzieher und inzwischen auch immer mehr Handwerker. Von einem Mangel an Historikern, Medienwissenschaftlern, Anwälten und Steuerberatern kann kaum die Rede sein. Und wer sagt denn, dass nicht viele der unzähligen Germanistik-Studenten – traditionell nach BWL das zweitbeliebteste Fach – als Erzieher oder Handwerker besser aufgehoben wären, auch finanziell.

Während das Studium im Zuge der Bologna-Reform immer verschulter wurde und wissenschaftliches Denken in der Lehre kaum noch stattfindet, bräuchte es das Gegenteil: weniger Studenten mit besseren Studienbedingungen sowie eine Aufwertung der Ausbildungsberufe. Natürlich braucht Deutschland auch in den abwegigsten Fächern Forschung und auch Studenten, die Frage ist nur: wie viele. Schließlich sind die größtenteils öffentlich finanzierten Berufe in der Erziehung und im Gesundheitswesen chronisch unterbezahlt. Und die Handwerksberufe bekommen längst nicht die Anerkennung, die sie verdienen würden. Schließlich ist ein gut ausgebildeter deutscher Handwerker eine weltweit gefragte Arbeitskraft. Stattdessen werden abertausende Studienplätze geschaffen und gefördert, die langfristig kaum einen gesellschaftlichen Nutzen haben. Die Akademikerarbeitslosigkeit ist zwar nach wie vor gering. Aber viele Absolventen arbeiten unterbezahlt, weil das Land der Dichter und Denker keine tausende Lektoren braucht.

Jeder Handwerker muss für seinen Meister kräftig zahlen – und sich für die Eröffnung seines Betriebes verschulden. Einem Studenten, der einfach nur mal ein paar Jahre auf Steuerkosten an der Uni herumirren will und sich notfalls einen zahlungskräftigen Ehepartner sucht, will die Politik dagegen keine Studiengebühr zumuten. Dabei sollte ein Student einen Betrag von 500 Euro pro Halbjahr auch mit Nebenjobs finanziert bekommen. Und wenn er einen Kredit aufnehmen müsste, würde ihn das wenigstens zum Nachdenken bringen, ob sich ein Studium für ihn tatsächlich lohnt. Nichts anderes machen Bäcker auch, bevor sie ihren Beruf ergreifen oder ein Geschäft eröffnen.

 

Stefan Tillmann ist Gründer des Opinion Clubs. Er hat gerne studiert und damals auch gegen Studiengebühren demonstriert. Inzwischen denkt er, dass Qualität ihren Preis hat und wundert sich, dass diese Bevorzugung der Elite vor allem durch Linke verteidigt wird.

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Dagny Hildebrandt am 20. August 2013

In der Tat, vermutlich braucht es keine "tausenden" Lektoren, aber einer kann manchmal nicht schaden.

Stefan Tillmann am 20. August 2013

1:0, ist geändert.

Jürgen Mustermann am 20. August 2013

Wunderbar entlarvend, dieser Epilog: "Stefan Tillmann ist Gründer des Opinion Clubs. Er hat gerne studiert und damals auch gegen Studiengebühren demonstriert. Inzwischen denkt er, dass Qualität ihren Preis hat und wundert sich, dass diese Bevorzugung der Elite vor allem durch Linke verteidigt wird." aka "Na klar, nachdem ich nicht mehr davon betroffen bin, ändere ich auch meine Meinung! Schließlich wäre ich inzwischen nicht mehr Empfänger dieser 'Bevorzugung', sondern als Steuerzahler ihr Finanzier!"

Im Ernst: Ich teile ja die Einschätzung, daß die "Pseudo-Akademisierung" von Berufen wie Krankenschwestern oder Kita-Erziehern eine Fehlentwicklung darstellt - ebenso wie die Verschulung und ausschließliche Orientierung des Zuschnitts von Studiengängen an "effizienter Belieferung des Arbeitsmarkts" (beide wären allenfalls für eine dann bitte noch deutlicher "berufsqualifizierende" - aber eben nicht forschungsorientierte - Fachhochschule angebracht, aber nicht für eine Universität, die Wissenschaft betreiben will.

Die Konsequenz darf aber m.E. nicht "Studiengebühren" lauten - diese zementiert leider nur die in Deutschland ohnehin schon außergewöhnlich hohe "Vererbung" des Bildungsstatus, sprich: die Diskriminierung der Kinder weniger wohlhabender und gebildeter Eltern - sondern eine fachlich und persönlich fundierte Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen - gerade unabhängig von ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit.

Linda am 20. August 2013

"Dabei sollte ein Student einen Betrag von 500 Euro pro Halbjahr auch mit Nebenjobs finanziert bekommen."
Klar, Miete und Hunger sind völlig überbewertet.
Wie genau hast du dein Studium finanziert?

Stefan Tillmann am 20. August 2013

@Linda: durch Eltern und Nebenjobs. Ein Studium ist wegen Lebenshaltungskosten so oder so eine Investition in die Zukunft. Da machen 500 Euro, also weniger als 100 Euro pro Monat, wohl keinen großen Unterschied. Vor allem wenn man sich überlegt, was andere Berufsgruppen wie Physiotherapeuten etc. zahlen müssen.

Linda am 20. August 2013

Geht's den einen schlecht, sollen die andern auch bluten ---
Dein Modell gehört vom Kopf auf die Füße gestellt: Eine anständige Ausbildung und die Möglichkeit, unverschuldet ins Berufsleben zu starten, egal ob studiert oder als Handwerker mit Meisterbrief.
Vielleicht müssen im Finanzplan Eltern auftauchen, um so zynisch 500 Euro pro Semester auch noch klein zu rechnen.

Stefan Tillmann am 20. August 2013

Natürlich ist es immer besser, wenn alles umsonst wäre. Um die Studiengebühren geht es ja auch nicht primär, sondern um den meiner Meinung nach überholten Anspruch, alle Menschen an die Uni bringen zu wollen. Die Rolle der Eltern ist so oder so problematisch. Andere Länder (z.T. in Skandinavien) behanden alle 18-, 19-Jährigen wie unabhängige Erwachsene, egal ob reiche oder arme Eltern. Sie geben ihnen einen staatlichen Ausbildungskredit, den sie nach ein paar Jahren im Berufsleben zurückzahlen (ähnlich dem Bafög) - nur dass ihn eben alle bekommen und die Unis auch Studiengebühren verlangen. Dann müssen sich die Leute eben genau überlegen, was sie machen. Leider erschwert das System, dass manche Talente erst an der Uni entdeckt werden, aber das ließe sich vielleicht auch regeln (kostenfreie erste Semester etc).

Cornelius am 20. August 2013

„Studiengebühren“, heißt es im Vorspann, „können dabei helfen, diese Elitenbevorzugung abzubauen.“ Gleichzeitig sollen Studierende aber auf die Eltern und Nebenjobs zurückgreifen? Gerade solche Verhältnisse sind doch eine Elitenbevorzugung allererster Kajüte, denn eine Unterstützung der studierenden Kinder werden sich in erster Linie Akademiker leisten können, während der Nachwuchs aus dem Handwerkerhaushalt auf der Strecke bleibt.

Das Statement, dass Deutschland viele Probleme lösen könnte, „wenn nicht so viele Menschen studieren würden“, hat ebenfalls nicht so viel mit der Realität zu tun. Deutschland hat keine weltrelevanten Rohstoffe. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchen wir einen innovativen Mittelstand mit neuen Erfindungen und Patenten. Daher ist es weiterhin wichtig, Talente zu fördern und vielen Menschen eine gute Bildung zuteil werden zu lassen.

Insgesamt ist der Artikel Ausdruck eines allgemeinen Geisteswissenschaftler-Bashings (das unter anderem in der Polemik der „abwegigsten“ Fächer gipfelt – wer will das beurteilen? Wo bleibt der Respekt vor der Wissenschaft an sich? Und wie misst man überhaupt den gesellschaftlichen Nutzen?), das ein sehr trauriges Licht auf das einstige Land der Dichter und Denker wirft. Da muss man sich nicht wundern, wenn die klugen Köpfe irgendwann das Land verlassen. Denn aus einem guten Lektor wird leider nur ein mittelmäßiger Handwerker ohne Chance.

Der Vergleich mit dem Handwerkermeister oder dem Bäcker ist schräg, denn jeder, der sich selbstständig macht, sieht sich einem finanziellen Risiko gegenüber. Das gilt auch für Absolventen.

500 Euro mögen für einen Normalverdiener nicht viel sein. Aber man muss von der Lebensrealität der Studierenden ausgehen. In einer Stadt wie Hamburg betragen die Studentenlöhne etwa 10 Euro, teilweise auch nur 8 Euro. Ein Student darf maximal 20 Stunden die Woche arbeiten. Das bedeutet ein Monatseinkommen von etwa 650 bis 850 Euro, so man aufgrund seines engen Semesterwochenplans überhaupt die zulässige Arbeitszeit ausnutzen kann. Und das alles bei den üblichen Lebenshaltungskosten. In den großen Städten sind insbesondere die Mieten für viele Studierende zu einem großen Problem geworden, und in den strukturschwachen Regionen gibt es nur wenig Möglichkeiten eines Zuverdiensts.

Es bleibt dabei: Studenten sollen ihre Energie fürs Studium aufbringen und ihre Zeit nicht damit vergeuden, eine willkürlich festgesetzte Studiengebühr zu erwirtschaften. Aber diese Diskussion ist zum Glück eh längst geführt, mit dem Ergebnis, dass die allgemeinen Studiengebühren Land für Land wieder abgeschafft wurden. Mit der Streichung der Gebühr in Bayern 2013 und in Niedersachsen voraussichtlich 2014 ist diese Skurrilität der neoliberalen Nullerjahre dann Geschichte. Der Artikel kommt mindestens zehn Jahre zu spät.

Stefan Tillmann am 20. August 2013

Hm, einfach mal die Neoliberalismus-Keule rauszuholen, geht auch nicht immer. Geisteswissenschaftler-Bashing war es nicht. Ich habe ja geschrieben, dass es vermutlich ebenso zu viele Steuerberater gibt. Und als abwegiges Fach können Sie meinetwegen auch Neuroinformatik nehmen. Auch dort wird es eine Anzahl an Studierenden geben, die den Bedarf deckt (ab dann wird es eben schwierig für den Arbeitsmarkt, Preis/Lohn als Regulativ etc.). Ich habe übrigens selbst Politikwissenschaft studiert, auf Magister mit allem was dazu gehört, und würde das auch wieder so machen, wenn es denn noch ginge. Denn diese Form von wissenschaftlichem Studium gibt es in Deutschland inzwischen gar nicht mehr. Und wenn ich mich nicht irre, steckten dahinter tatsächlich irgendwelche neoliberalen Hintergedanken (genauso wie Privatisierung der Lehre und Forschung, wovon ich gar nicht gesprochen habe).

Linda am 21. August 2013

@Stefan: Selbst wenn es "nicht primär um Studiengebühren" geht, instrumentalisierst du sie durchaus, um im Ergebnis die o.g. "Vererbung des Bildungsstatus'" zu zementieren.
Es ist immer noch arrogant, den Anspruch, alle Menschen an die Uni zu bringen, für überholt zu halten, aber gleichzeitig dem PoWi-Magister hinterher zu trauern.
Allen kostengünstig viel und umfangreich Bildung zu ermöglichen, ist ein Anspruch, der mehr als berechtigt ist, in einer Gesellschaft, die auf Leistung setzt und noch immer glaubt, Leistungsträger durch Zeugnisse und Titel zu erkennen.
Statusdenken über Beruf und Qualifikation - darin liegt die eigentliche Kritik, in der wir uns einig sind.
Auf den Rücken der - künftigen - Studenten gehört sowas aber freilich nicht.

Joachim Helfer am 21. August 2013

Im Moment muss die Kassiererin bei Lidl dem Sohn des Professors das Studium per Steuern mitfinanzieren, für den Kita-Platz ihres Kindes aber auch noch was abdrücken. Das ist krass ungerecht. Wenn das Geld nicht für alle und alles reicht, sollte es zunächst denen zugute kommen, die es am meisten brauchen. Studiengebühren sind genau dann in Ordnung, wenn sie nicht vorab gezahlt werden müssen, sondern als Kredit gewährt werden, der erst dann zurückgezahlt werden muss, wenn das Einkommen entsprechend hoch ist.

Cornelius am 21. August 2013

Das Scheinargument mit der Lidl-Kassiererin hat man auch mindestens einmal zu oft gehört, denn umgekehrt finanziert auch der kinderlose Professor das Studium der Lidl-Kassiererin-Tochter (nachdem er auch schon ihren Schulbesuch finanziert hat).
Über nachgelagerte Studiengebühren ließe sich vielleicht reden, wäre da nicht die große Gefahr, dass der Staat dann mal so richtig hinlangt. Warum sollte man nicht beispielsweise fünf_tausend_ Euro pro Semester nehmen, wie in England? Die Absolventen verdienen doch so gut. So kommen dann leicht 40.000 Euro Schulden zusammen, selbstverständlich mit Zinsen. Kaum jemand, zumindest nicht die Kassiererintochter, wird dann noch studieren wollen, denn auf die mehrjährige finanziell entbehrungsreiche Studienzeit folgt eine mehrjährige entbehrungsreiche Erwerbsphase, während deren man sich fragt, wozu man eigentlich studiert hat, wenn es dank Tilgung weiterhin nur fürs Nötigste reicht. Und nebenbei: Kaum ein Akademikerpaar wird sich dann noch Kinder leisten können.

Joachim Helfer am 21. August 2013

Wenn der deutsche Sonderweg, auf Studiengebühren zu verzichten, so sozial ist, dann fragt sich doch, warum ausgerechnet in Deutschland der Zusammenhang zwischen dem Bildungserfolg der Eltern und dem der Kinder enger ist, als irgend sonst in der westlichen Welt? Warum die soziale Mobilität ausgerechnet im ach so sozialen Deutschland besonders niedrig ist? Der Verzicht auf Studiengebühren führt eben faktisch nicht dazu, dass mehr Arbeiterkinder studieren, sondern nur dazu, dass Akademikerkinder ihr Studium von Arbeitern bezahlt bekommen. Die deutsche Praxis hat gar nichts mit Chancengerechtigkeit, dafür alles mit Standesdünkeln und Privilegien zu tun.

Cornelius am 21. August 2013

Sonderweg? In Dänemark gibt es keine Studiengebühren, in Finnland nicht, in Griechenland (für Einheimische) nicht, in Norwegen und Schweden nicht, in Österreich nicht, in Polen an staatlichen Hochschulen ebenfalls nicht, in Tschechien nicht (wenn man auf Tschechisch studiert) und auch nicht in der Slowakei. Da befinden wir uns doch in guter Gesellschaft.
Und das Bild vom Arbeiter, der dem Akademikerkind das Studium bezahlt, ist eine polemische Zuspitzung, die man nicht weiterverbreiten sollte. Sie wurde seinerzeit gerne von neoliberalen Denkfabriken ins Land gesetzt, um die einzelnen Bevölkerungsschichten gegeneinander auszuspielen.
Aber wie gesagt, die Diskussion um Studiengebühren in Deutschland ist Geschichte und lohnt daher keine Aufregung mehr.