Keine Angst vor Parallelgesellschaften

Von Martin Benninghoff am 21. August 2013

Früher galt: Nur wer Deutsch spricht, ist gut integriert. Dieser Glaubenssatz stimmt schon lange nicht mehr, denn Sprachkenntnisse sagen wenig darüber aus, wie gut sich Zuwanderer in Deutschland eingelebt haben. Das hat inzwischen sogar die Justiz erkannt

 

Deutschlands Integration ist ein Evolutionsprozess. Wie bei jeder Evolution überleben die stimmigen Konzepte, derweil die untauglichen ausgemustert werden. Was gestern vielleicht noch notwendig war, gilt heute nicht mehr.

Vor ein paar Jahren galt vielen die deutsche Sprache als Allheilmittel in der Einwanderungsdebatte. Demnach konnte nur derjenige gut integriert sein, der Deutsch spricht. Andersherum, wer nur radebricht, bleibt fremd und ein Zeichen gescheiterter Integration.

Das ist nicht ganz falsch. Zweifelsohne ist es besser, wenn Einwanderer gut Deutsch sprechen. Wie sonst sollten sie sich beim Bäcker mit der Verkäuferin unterhalten, wie sonst in Kontakt mit ihren Nachbarn treten? Es war richtig, das Beherrschen der Sprache als wichtigen Integrationsfaktor einzuführen, zumal das so manche Betonköpfe aus dem linken und rechten politischen Spektrum – natürlich aus verschiedenen Beweggründen – damals überhaupt nicht einsahen.

Mittlerweile brauchen wir aber keine starren Regeln mehr. Es wird Zeit, mit unseren selbstgesetzten Glaubenssätzen etwas gelassener umzugehen.

In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt: Nicht jeder Einwanderer, der Deutsch spricht, ist ein guter Mensch im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Salafisten etwa. Oder wortgewandte Islamistenfunktionäre mit fragwürdiger Haltung in Sachen Frauenrechten. Oder orthodoxe Homosexuellenhasser. Oder Schlepper im Ruhrgebiet und in Berlin, die sich mit der Not osteuropäischer Armutsflüchtlinge eine goldene Nase verdienen.

Sprachprobleme haben die in der Regel nicht. Nur: Deutsch schützt eben nicht vor Skrupellosigkeit.

Umgekehrt gilt dies genauso, wie ein aktueller Fall aus der Rechtsprechung zeigt: Nicht jeder, der kaum Deutsch spricht, ist schlecht integriert. Es geht um eine ältere Türkin, die mit ihrem Mann seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebt, einen Lebensmittelladen betreibt, Steuern zahlt und noch nie Sozialleistungen bekommen hat. Das Ehepaar hat fünf Kinder, die allesamt Deutsche sind, Berufe erlernt und studiert haben.

Dennoch wollte sie der Staat zu einem Integrationskurs zwingen – bestehend aus einem Sprach- und einem Orientierungskurs in Landeskunde. Die Frau, die gesundheitliche Probleme hat und zudem Analphabetin ist, klagte – und verlor zunächst. Eine zweite Instanz hob das Urteil auf, weil die Frau eben keinen Integrationsbedarf mehr hat. Und das, obwohl sie fast ausschließlich nur mit Türkischstämmigen zu tun hat, die Türkisch sprechen.

Das Gericht hat zu Recht festgestellt, dass es ihre Privatsache ist, mit wem sie in welcher Sprache spricht. Das klingt banal, ist es aber in der Realität nicht. Die Forderung, Einwanderer müssten Deutsch sprechen, wird in den Augen mancher Kritiker dadurch abgeschwächt.

Ein Irrtum. Sie wird nur auf ein vernünftiges Mittelmaß reduziert, und das ist ein Fortschritt.

Die Deutschen haben zwar Angst vor Parallelgesellschaften, in denen Russen mit Russen und Türken mit Türken zu tun haben, sonst aber kein Kontakt zum Rest der Gesellschaft besteht. Diese Angst ist unbegründet, wie die klassischen Einwanderungsländer USA und Australien zeigen. In den USA sind Straßenzüge normal, in denen ausschließlich koreanische, chinesische oder italienische Produkte angeboten, Gerichte gegessen, Themen besprochen werden. In Peking existiert ein Stadtteil, wo Russen leben, arbeiten – und ihre Geschäfte auf Russisch bewerben.

Meist sind solche homogenen Stadtteile ohnehin nur Durchgangsstationen auf dem Weg des sozialen Aufstiegs. Das zeigt auch der geschilderte Fall der Türkin, deren Kinder – sprachlich, kulturell und staatsbürgerlich – schon längst aus der türkischen „Parallelwelt“ ausgebrochen sind, übrigens mit Hilfe der Mutter.

Es gibt allerdings Negativbeispiele: Aus dem Libanon stammende Clans in Berlin etwa, die zum Teil mit eigener „Gerichtsbarkeit“ das staatliche Gewaltmonopol zumindest für ihren Einflussbereich auszuhöhlen versuchen. Solchen Auswüchsen ist mit Sprachkursen aber ohnehin nicht beizukommen. Dafür hat der Staat andere Mittel.

 

Martin Benninghoff hat schon oft erfahren, dass die Unkenntnis der Landessprache kein Hinderungsgrund ist, in einem Land zurecht zu kommen. Zum Beispiel bei Konzerten mit seiner Band THE SMU in China oder bei seiner Arbeit in einem Waisenhaus in Indien. Und heute lebt der gebürtige Bonner sogar in Hamburg.

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Peter Seidel am 21. August 2013

Super Stück, Martin!

Dagny Hildebrandt am 22. August 2013

Schön gedacht und schön gemacht. Danke.

Jürgen Mustermann am 22. August 2013

Auf die Gefahr hin, eine Einzelmeinung zu vertreten: Ich kann den Tenor "Früher galt: Nur wer Deutsch spricht, ist gut integriert. Dieser Glaubenssatz stimmt schon lange nicht mehr." nicht nachvollziehen - auch nicht, daß der Inhalt des Artikels diesen stützen würde.

Letztlich hängt es aber natürlich daran, was man unter "integriert" versteht. Für *mein* Verständnis ist die türkische Dame, die im Artikel als Gegenbeispiel/Beleg angeführt wird, eben gerade *nicht* integriert. Ihre Kinden wären es, nach dem, was in der Presse zu lesen war, wohl auch nach meinem Verständnis - sie selbst aber nicht. "Integriert" heißt für mich: mit der Kultur und den Menschen des "Gastlandes" (das ja faktisch zum neuen Heimatland geworden ist) im Austausch stehend, jedenfalls aber in der Lage, sich mit ihnen auszutauschen - was m.E. die Sprachbeherrschung zwingend voraussetzt.

Zu meinen besten Freunden zählen einige "Deutsche mit Migrationshintergrund" - sprich: "Türken in 2. oder 3. Generation" - sie alle sind allerdings (in meiner obigen Definition) vollständig integriert, typischerweise mit Hochschulstudien oder wenigstens Abitur, sprechen perfekt deutsch - und befürworten ausnahmslos für ihre eigenen "Landsleute" einen Zwang sowohl zu Sprachtests bzw. Sprachkursen zur Zeit der Zuwanderung, wie auch eine Zwang zur Kita (mit Sprachförderung) ab dem 3. Lebensjahr für hier aufwachsende Kinder solcher Familien.

Ich denke, Ihre Meinung ist gut begründet.