Ungebremste Abzocke

Von Christian Salewski am 22. August 2013

Der Mieter ist immer der Blöde. Er muss sich entblößen und Provision an einen Makler bezahlen, den er gar nicht beauftragt hat. Ein Gesetzentwurf im Bundesrat wollte das ändern. Doch die Bundesregierung blockiert und will lieber den Mietpreis kontrollieren – ein ordnungspolitischer Fehler

Wer schon einmal in München, Hamburg oder Berlin eine bezahlbare Wohnung in halbwegs brauchbarer Lage gesucht hat, dürfte das Prozedere kennen: Man gibt seine Suchkriterien in einem Immobilienportal im Internet an und lässt sich passende Angebote per E-Mail schicken. Klingt einfach. Doch zum Besichtigungstermin wird nur geladen, wer zuvor eine detaillierte Bewerbung ausgefüllt hat.

Bei dieser geht es schon lange nicht mehr um einen banalen Einkommensnachweis, nein, gefordert werden, gerne im Befehlston, eine Schufa-Auskunft (vom Mieter zu zahlen), eine Bestätigung des bisherigen Vermieters, dass man auch immer pünktlich gezahlt hat (vom Mieter zu besorgen), ein gestempeltes Formular des Arbeitgebers (beschafft der Mieter) und ein paar freundliche Zeilen zu Hobbys (Musikinstrumente?), Freizeitgestaltung (Party?) und Familienplanung (Kinder?).

Hat man sich derart entblößt, besteht die Chance darauf, sich mit drei Dutzend anderen Entblößten durch eine oft noch bewohnte Wohnung zu schieben und bei vierstelligen Abstandsforderungen für Einbauschränke zustimmend zu nicken. Beim Rausdrängeln dann der Moment der Wahrheit: Man darf dem Herrscher des Verfahrens sein dringendes Interesse bekunden (Tolle Wohnung! Genau das, was wir suchen!). Mit Glück landet man so auf der Shortlist, fliegt aber wieder runter, sobald man nicht am nächsten Tag zu fest bezeichneter Stunde noch einmal telefonisch bestätigt (selbstverständlich ruft der Mieter an), den Vertrag sofort und zu allen diktierten Konditionen (Staffelmiete) unterschreiben zu wollen.

Sollte es am Ende dieses darwinistischen Hürdenlaufs tatsächlich zu einem Mietvertrag kommen, überweist man dem Makler 2,38 Kaltmieten für seine freundlichen Dienste. Stand ja schon in der Wohnungsanzeige: „Die Provision ist verdient.“ Wer wäre der Mieter, da zu widersprechen? Selbstverständlich gerne!

Das Problem ist nur: Der Mieter hat den Makler nicht beauftragt. Er hat ihm bloß die Arbeit abgenommen. Beauftragt hat ihn der Vermieter, der seine Wohnung nicht selbst an den Mann bringen wollte. Er hat eine Dienstleistung bestellt und in Anspruch genommen, nur bezahlen soll das gefälligst jemand anderes: der Mieter. Der Makler indes gewinnt immer. Das ist nichts anderes als organisierte Abzocke.

Es gibt eine Lösung für dieses Problem. Es heißt „Bestellerprinzip bei der Wohnungsvermittlung“ und bedeutet: Wer bestellt, zahlt. Also der Vermieter. Der würde so, ökonomisch gereizt, vielleicht auf die Idee kommen, eine günstigere Hausverwaltung zu beauftragen oder sich seine Mieter gar selbst zu suchen. Anfang Juni hatte der rot-rot-grün dominierte Bundesrat einen Gesetzentwurf verabschiedet, der genau das vorsah. Mitte Juli dann leitete die Bundesregierung ihn ans Parlament weiter. In ihrer ablehnenden Stellungnahme schwurbelte sie etwas von Vertragsfreiheit, die gefährdet sei und beerdigte damit die Sache. Vor der Bundestagswahl hat die Initiative jetzt so gut wie keine Chance mehr, im Bundestag beraten zu werden. Die Tagesordnung ist dicht. Dabei könnten durch das Bestellerprinzip die Mieter einfach und handfest entlastet werden.

Stattdessen begeisterte sich die Kanzlerin zwischenzeitlich für die Mietpreisbremse der SPD. Sie sei „die letzte“, die das verhindern würde, nur weil „die SPD mal als erste ’ne gute Idee hatte“. Vertragsfreiheit? So wichtig dann wohl doch nicht. Die Mietpreise von Staats wegen zu regeln, scheint Angela Merkel immer noch lieber als ein kontroverses Wahlkampfthema. Den Makler wird’s freuen: Er kassiert vom Mieter weiterhin eine fünftel Jahresmiete, steigt in seinen Porsche und braust ungebremst davon.

Christian Salewski arbeitet als Journalist in Hamburg und hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, eine bezahlbare 3- bis 4-Zimmer-Wohnung in akzeptabler Lage zu finden. Von privat, versteht sich.

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Joachim Helfer am 22. August 2013

Ordnungspolitisch ist die Kritik berechtigt, klar. Nur: Das Bestellerprinzip gilt zum Beispiel in England. Ist mieten dort günstiger? Nein, teurer. Der Vermieter legt die Vermarktungskosten selbstverständlich auf den Mietpreis um - und zwar egal, ob er das selber macht oder einen Makler beauftragt. Gegen den Mietpreisanstieg in den begehrten Metropolen hilft am Ende nur Neubau.

Jürgen Mustermann am 22. August 2013

Absolut zutreffendes Statement, das "Bestellerprinzip" liegt doch auf der Hand.

Dem Vorkommentator hingegen möchte ich widersprechen: Aus dem Vergleich der Mietpreise "in England" mit jenen "in Deutschland" (was schon allein aufgrund dieser Pauschalität bar jeder Aussagekraft wäre) Schlußfolgerungen in Bezug auf die Frage ziehen zu wollen, ob die Maklerkosten überwälzt werden (und wenn ja, zu welchem Anteil), ist abwegig: wie wollte man denn eine "Bezugsbasis" für die Preise mit und ohne Maklergebühren definieren, die man dann in beiden Ländern vergleichen könnte? Logisch schlicht Unsinn.

Und "Gegen Mietpreisanstieg ... hilft ... nur Neubau": auch das ist etwas kurz gesprungen: Wer sagt denn, daß die neugebauten Objekte zu niedrigeren Preisen angeboten werden, als dem bisher bereits erreichten Preisniveau entspricht? (Die Verkürzung der Theorie vom Marktgleichgewicht auf "mehr Angebot senkt die Preise" ist leider etwas zu einfach, zumal die theoretischen Voraussetzungen eines perfekten Markts mit beiderseit vollständigem Wettbewerb nie vorliegen).

Viel wahrscheinlicher ist doch das Gegenteil: der existierende Wohnraum ist im wesentlichen abgeschrieben, die Investitionen in die Neubauten wollen aber erst einmal zurückverdient werden - und vermutlich sind sowohl die Baukosten aufgrund der gewählten Design-Standards ("Luxus-Objekte") wie die Grundstückskosten höher als im durchschnittlichen Bestand, was zu noch einmal höheren Preisen führt. Neubau senkt also keineswegs per se die Mietpreise, ganz im Gegenteil.

Tatsächlich und gesichert preissenkend wirken sich ausschließlich zwei Maßnahmen aus: 1) Neubau im öffentlich geförderten Bereich ("sozialer Wohnungsbau") mit begrenzten Miethöhen, oder 2) Preis- oder Preiserhöhungsgrenzen für den Bestand wie unter dem Stichwort "Mietpreisbremse" diskutiert - letztere allerdings senkt langfristig das Angebot.

Letztlich bleibt also nur die Rückkehr zu einer deutlich stärkeren Rolle des "sozialen Wohnungsbaus" in öffentlicher Hand, um den Wohnbedarf (Grundrecht!) des Bevölkerungsanteils angemessen zu decken, der nicht zu den "Besserverdienern" gehört - alle anderen können dann ja ihre Luxuswünsche in Wunschlage gerne zu beliebig hohen, freien Marktpreisen (incl. Maklergebühren ;-) decken!

Joachim Helfer am 22. August 2013

Dass der Vergleich mit England nichts beweist ist geschenkt. Nur ändert das nichts daran, dass für den Vermieter Vermarktungskosten Kosten wie alle anderen auch sind, die er auf die Miete umlegen muss. Ich bin ja für das Bestellerprinzip, warne nur vor der Schlussfolgerung, dass es die Mieter spürbar entlasten würde. Gerade im derzeitigen Vermietermarkt in den Metropolen, wo die Nachfrage nach Wohnungen das Angebot übersteigt, wird doch eher der Mieter als der Vermieter der Besteller sein.