Die Freiheit nehm‘ ich Dir

Von Andreas Theyssen am 26. August 2013

Google, Facebook, Microsoft – wir sind empört, weil sie Kundendaten an die Geheimdienste liefern. Sie sind nicht die einzigen Unternehmen. Rechnen Sie also damit, demnächst folgendes Informationsschreiben zu erhalten:

Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde!

Die völlig überzogene, einseitige und in vielen Bereichen falsche mediale Berichterstattung der letzten Wochen veranlasst uns, Ihnen dieses Informationsschreiben zukommen zu lassen.

Zunächst einmal ist es im Grundsatz zutreffend, dass die Sicherheitsbehörden NSA, GCHQ, BND sowie FSB Zugriff auf die Kundendaten unseres Kreditkartenunternehmens haben. Keine (sic!) Zustimmung erteilt haben wir dem Militärgeheimdienst der Volksrepublik China; er hat sich die Daten selber von unseren Servern gezogen.

Völlig überzogen sind hingegen die Angaben über das Ausmaß der bei uns getätigten Datenabfragen. Von unseren weltweit 13 Millionen Kunden wurden in den letzten sechs Monaten lediglich 25 Millionen Datensätze abgefragt. Zwei Datensätze pro Kunde halten wir nicht für unzumutbar, und wenn man diese Zahlen hochrechnet auf unsere 63-jährige Unternehmensgeschichte, dann kann man sogar mit Fug und Recht sagen: Es wird kaum abgefragt.

Unverständlich finden wir die Empörung darüber, dass auch unser Kreditkartenunternehmen den Behörden bei der Sicherstellung der öffentlichen Sicherheit behilflich ist. Unser Unternehmen ist mindestens genauso renommiert wie Facebook, Google oder Microsoft. Und selbstverständlich ist auch eine Kreditkarte ein so sicherheitsrelevantes Produkt wie eine Email. Damit lässt sich nicht nur feststellen, wofür Sie Ihr Geld ausgeben, sondern vor allem auch wo. Wir sind sehr stolz darauf, dass aufgrund unseres ausgefeilten Produkts sehr exakte Bewegungsprofile erstellt werden können.

Ganz davon abgesehen: Was glauben Sie eigentlich, was Autohersteller mit den GPS-Daten Ihres Navigationsgerätes machen? Oder haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, weshalb selbst ein Espressoautomat einen Mikrochip hat? Eben. Nur bei einer Packung Brühwürfel oder einer Tüte Gummibärchen können Sie sicher sein, dass diese keine Daten übermitteln. Zumindest solange sie nicht mit einem RFID-Chip ausgestattet sind.

Hand aufs Herz: Sie als Kunde wollen doch Sicherheit, schließlich gehen Sie mit einer Kreditkarte in einen marokkanischen Souk und nicht mit einem Bündel Bargeld. Sicherheit bekommen Sie also auch, wenn beispielsweise die NSA vor einem Flug alle Passagiere scant, die ihr Ticket mit einer Kreditkarte bezahlt haben. Insofern sollten Sie in uns nichts anderes sehen als in den freundlichen Damen und Herren, die an Airports Ihr Gepäck durchleuchten und Sie abtasten, wenn der Metalldetektor piept. Wir wollen doch nur Ihr Bestes.

Genau genommen, sollten Sie uns sehr dankbar sein. Wer nichts zu verbergen hat, der kann ja wohl nichts dagegen haben, wenn seine Daten ein wenig überprüft werden – es dient der Sicherheit Ihrer Privatsphäre! Und all die anderen, die dennoch glauben, rumnörgeln zu müssen – kündigen Sie doch Ihr Kreditkartenkonto, machen Sie doch Tauschhandel auf dem Flohmarkt, wenn Ihnen unsere fruchtbare Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden nicht passt. In der Steinzeit sind wir schließlich auch ohne Geld ausgekommen!

All den anderen aber sagen wir: Vertrauen Sie uns!

Mit freundlichen Grüßen

Meisterkart

– Kundenservice –

 

Andreas Theyssen, Jahrgang 1961, hat ein Herz für Geheimdienste. Er verzichtet bewusst auf ein Profil bei Google+, da NSA & Co mit seinem Facebook-Profil und seinen Email-Accounts schon genügend ausgelastet sind. Er lebt als Autor und Berater in Berlin, war zuvor unter anderem Politikchef und Kolumnist der „Financial Times Deutschland“.

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