Bürger an die Waffen!

Von Stefan Tillmann am 27. August 2013

Die Wehrpflicht ist abgeschafft, die Reform scheint durch. Das ist ein Fehler. Die Bundeswehr war immer eine Parallelwelt und droht nun, sich weiter abzuschotten. Dabei braucht Deutschland Bürger und keine Zivilversager im Einsatz. Eine Lösung wäre ein Bundeswehr-Praktikum

Das Thema scheint durch. In den sogenannten Regierungsprogrammen von CDU und SPD taucht das Wort „Wehrpflicht“ gar nicht mehr auf. Eigentlich ein politischer Witz: Der einstige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schaffte der Konservativen liebstes Kind ab, weil er Reformwillen für höhere Aufgaben beweisen wollte – und die Union folgte ihm zähneknirschend. Nun müssen sich nicht nur ein paar Verwaltungsbeamte mit der Umsetzung rumschlagen. Dem ganzen Land fehlt eine neue Definition, welche Rolle die Armee künftig in der Gesellschaft spielen soll.

Die bisherige Wehrpflicht war überholt, keine Frage. Vermutlich konnte jeder, der mal als Rekrut Spinde aus- und einräumte, im Wald Löcher aushob, uralte Gewehre auseinanderschraubte und sich dabei permanent anschreien ließ, über die Floskel des „Staatsbürgers in Uniform“ immer nur lachen. Die Bundeswehr war immer schon eine Parallelwelt, durchsetzt mit Hierarchien und Dienstgraden, die es im Dritten Reich schon gab. Besetzt vor allem mit Menschen, für die der Bundeswehrjargon selbst ein eigenes Wort geschaffen hat: „Zivilversager“.

Das Gute an der Wehrpflicht war deswegen, dass quasi Jedermann in Berührung mit diesem System kam, auch jene, die nach dem Ende der Schule nicht gleich von einem Berufsleben in Flecktarnuniform träumen. Und die Bundeswehr profitierte davon, dass sich immer Wehrdienstleistende fanden, die Gefallen fanden – nicht zuletzt an den Ausbildungsmöglichkeiten bei der Bundeswehr.

Die Bundeswehr ist zweifellos wichtiger geworden, und das ist sicher grundsätzlich kein gutes Zeichen für die Weltordnung. Die Zeiten, in denen Wehrpflichtige sich nach zwei Monaten Grundausbildung vor allem mit Autos waschen, dummen Sprüchen und Selbstbefriedigung beschäftigten und sich keine Sorgen um einem Kriegseinsatz machen mussten, sind schon länger vorbei.

In diesen Zeiten allerdings die Wehrpflicht abzuschaffen, ist das denkbar falscheste Zeichen. Denn niemand kann wollen, dass dieses Paralleluniversum sich weiter abschottet, während sich die Mandate in Afghanistan, Somalia oder sonstwo ausweiten. Die daheimgebliebenen Bürger können nur rätseln, wer diese Soldaten sein mögen und was sie dort genau machen. Die Bundeswehr ist naturgemäß nicht sonderlich auskunftsfreudig. Die CDU will laut Wahlprogramm die Bundeswehr – auf Einladung – in Schulen schicken und für sich werben lassen. Doch es sollte nicht in der Hand des Sozialkundelehrers liegen, ob die Schüler erfahren und kapieren, welche Rolle die Bundeswehr hat – und ob eine Karriere dort eine Option für sie ist.

Vielversprechender – mal abgesehen vom Weltfrieden – wäre ein kurzer, vier- bis sechswöchiger Dienst, eine Art Praktikum nach dem Ende der Schule oder der Ausbildung, wahlweise vielleicht auch nur ein Wochenendseminar. Die Bundeswehr bekommt nicht nur Gelegenheit sich vorzustellen, sie kommt auch in die Bringschuld, ihre Aufgabe genau zu erklären. Sie stellt ihre Streitkräfte, ihre Einsatzgebiete und ihre Waffen vor. Die Ausbildung daran ist für die Rekruten freiwillig. Parallel entledigt sich die Armee ihrer überholten Hierarchien und Dienstgrade. Die Bundeswehr verzichtet auf Schikanen beim Antreten auf dem Kasernenhof und bekommt so die Gelegenheit, tatsächlich Menschen aus der Mitte der Bevölkerung zu rekrutieren. Umgekehrt wird den Bürgern deutlich, dass das alles kein freiwilliger Unfug ist, sondern eine verdammt ernste Lage, bei der Soldaten mit dem Mandat des Deutschen Bundestages in andere Länder fahren und töten und sterben.

 

Stefan Tillmann ist Mitgründer des Opinion Clubs. Er hat seinen zehnmonatigen Grundwehrdienst im Fernmeldebataillon Düsseldorf geleistet. Dass er dabei als Hilfsausbilder Rekruten durch Wälder gehetzt hat, scheint ihm heute so abwegig wie die Tatsache, dass in seinen alten Kasernenstuben aktuell schicke Wohnungen entstehen.

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Jürgen Mustermann am 27. August 2013

Nicht jeder Bundesbürger unterstützt bewaffnete Einsätze, selbst zu sogenannten friedlichen oder humanitären Zwecken. Es gibt gute Argumente für Pazifismus, und mindestens ebenso gute für eine strikte Beschränkung unseres Militärs auf einen rein defensiven Auftrag - siehe Japan, das sich leider aufgrund wachsender Einflüsse des militärisch-industriellen Komplexes und zunehmendem Abstand der Zerstörungen des 2. Weltkriegs von dieser Position allmählich wieder entfernt. Uns stünde sie meines Erachtens nach dem Holocaust noch immer sehr gut zu Gesicht.

Ein "Bundeswehr-Praktikum", wie es der Autor vorschlägt, wäre in jedem Fall ein Zwang (wenn ich es richtig verstanden habe), für alle (männlichen?) jungen Erwachsenen, sich zumindest für einige Wochen als Teil des Militärs fühlen zu müssen - das möchte ich ganz persönlich, als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer, für mich nicht erleben müssen, und wünsche es auch sonst niemandem, der sich - aus welchen guten Gründen auch immer, seien sie religiös oder sonstwie motiviert - entschieden hat, die Bundeswehr nicht unterstützen zu wollen.

Vielleicht wäre ja eine andere Alternative eine Lösung, mit der beide Seiten (Anhänger einer vermeintlichen Notwendigkeit militärischer Einsätze, wie der Autor, und Pazifisten oder Anhänger einer rein defensiven Ausrichtung) leben könnten: eine Wahlpflicht, die vollständig ohne Begründungszwang, warum ggf. nicht die Bundeswehr gewählt wird, zu einem Dienst entweder in der Bundeswehr oder einer zivilen Hilfseinrichtung verpflichtet, dann auch gerne für einen Zeitraum von 6-12 Monaten.

Dies wäre, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, keine Wiedereinführung der Wehrpflicht - würde aber gleichzeitig unseren sozialen Einrichtungen zu wesentlich niedrigeren Kosten als die derzeit explodierenden Pflege-, Gesundheits- und Sozialdienstbranchen massive Personalressourcen zur Verfügung stellen. Und ob nun 10% oder 90% eines Jahrgangs sich für die Bundeswehr entschieden, könnte ja den Präferenzen der Bevölkerung - also des Souveräns - überlassen bleiben... sollten es weniger sein als für den politisch festgelegten Auftrag erforderlich, müßten die Lücken eben durch bezahlte Freiwillige aufgefüllt werden wie jetzt auch. Mir persönlich erschiene dies als eine sehr demokratische, dennoch gangbare Lösung, eine Bundeswehr für einen zu definierenden Auftrag zu erhalten und gleichzeitig die Ressourcen breiter gesellschaftlich zu nutzen, die sich aus dem befristeten Einsatz aller jungen Erwachsenen (unabhängig vom Geschlecht) ergeben könnten.