Der Chef ist eigentlich egal

Von Stephan Radomsky am 3. September 2013

Microsoft wechselt seinen Vorstandsvorsitzenden Steve Ballmer aus. Zu groß scheinen die Probleme, zu weit enteilt die Konkurrenz. Besser werden dürfte für den Konzern dadurch aber erst einmal nichts. Denn gerade die IT-Branche zeigt, wie wenig Chef und Geschäft miteinander zu tun haben

Steve Ballmer wird nach mehr als 13 Jahren bald als Chef von Microsoft abtreten. Na und? Soll die die Börse ruhig jubilieren – nach Bekanntwerden der Nachricht schnellte die Microsoft-Aktie um knapp zehn Prozent in die Höhe –, wirklich ändern wird sich auch mit einem neuen Chef so schnell nichts. Es werden weiterhin weniger PCs verkauft, und im Geschäft mit Handy-Software sind Apple und Google meilenweit voraus. Daran wird auch Ballmers Nachfolger so schnell nichts ändern. Und wenn es überhaupt gelingt, wird er den Erfolg zwar für sich reklamieren – damit zu tun wird er aber wenig gehabt haben.

Denn in Wirklichkeit sind die Chefs kaum mehr als die Maskottchen der Großkonzerne: Alle kennen sie, einige lieben, andere hassen sie. Nur spielentscheidend sind sie nie. Denn die wirklich wichtige Arbeit wird in der zweiten und dritten Reihe des Unternehmens erledigt, und die wirklich wichtigen Strippen werden im Aufsichtsrat gezogen. Der Chef? Ist irgendwo in der Mitte eingeklemmt, dazu verdammt, trotz seines Mangels an echtem Einfluss dynamisch-kompetent zu wirken und seinen Hut zu nehmen, wenn etwas schief läuft.

Ob ein Unternehmen Erfolg hat, hängt in erster Linie von zwei Fragen ab: Wie gut ist das Produkt? Und wie gut wird es verkauft? Schwächen der einen Seite können dabei bis zu einem gewissen Grad von der anderen ausgeglichen werden – mit beidem hat ein Vorstandsvorsitzender aber tatsächlich nur wenig zu tun. Weder entwickelt er und kümmert sich um die Details, die am Ende für jeden Nutzer entscheiden, ob das Produkt Lust oder Last ist. Noch kümmert er sich en detail darum, wie das Endergebnis wirklich an die Frau oder den Mann kommt. Bestenfalls sorgt er dafür, dass seine Leute von beiden Seiten genau darüber miteinander reden.

Da machen auch geniale Gründer-Chefs wie Steve Jobs keine Ausnahme: Ohne ihre Mitarbeiter und Untergebenen sind sie nichts. Sicher: Jobs krempelte mit iPod, iPhone und iPad die ganze Branche um – und ist dadurch mittelbar Schuld an Ballmers Abgang. Aber keines der Apple-Geräte hätte je ohne das Design eines Jonathan Ive und seines Teams dieses „Will ich haben!“ ausgelöst. Und nie hätte eine Computer-Bude wie Apple träumen dürfen, jemals als dermaßen cool zu gelten – hätten nicht Vermarkter wie Phil Schiller und Ron Johnson gemeinsam mit ihren Leuten am Image gebastelt. Jobs’ „One more thing…“ war die Sahnehaube – für sich allein wäre es aber wertlos gewesen.

Und die Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen:

Facebook? Mark Zuckerbergs Idee für das Netzwerk war sicher brillant. Ohne erfahrene Manager wie Sheryl Sandberg oder Politiker wie Richard Allan um sich herum wäre er aber wohl aufgeschmissen.

Nokia? Konzernchef Stephen Elop – übrigens selbst ein Ex-Microsoft-Manager und offenbar heißer Kandidat für Ballmers Nachfolge – müht sich seit bald drei Jahren, den ehemaligen Handy-Weltmarktführer wieder auf Kurs zu bekommen. Er hat dabei zwar langsam Erfolg, ein Heilsbringer ist er aber nicht.

Trotzdem macht der Chefwechsel im Fall Microsoft aber Sinn: Ballmer hatte zuletzt einfach sein Showtalent verloren. Zog er als glatzköpfiger Berserker früher auf Präsentationen eine wahnsinnige Show ab und brachte den Saal zum kochen, war er in den vergangenen Jahren nur noch ein Abglanz alter Zeiten. Große Präsentationen, etwa beim letzten Auftritt Ballmers auf der CES in Las Vegas Anfang 2012, waren weder spannend noch unterhaltsam, sondern höchstens überspannt. Ein Maskottchen ohne Unterhaltungswert bringt aber nichts.

Stephan Radomsky, Journalist in Berlin, war von Ballmers letztem Auftritt in Las Vegas fürchterlich enttäuscht. Hunderte Journalisten und Analysten – aber eine miese Show. Dass Radomsky deswegen inzwischen nur noch mit Apple-Produkten arbeitet, ist allerdings ein böses Gerücht.

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Stephan Radomsky am 3. September 2013

Kleiner Nachtrag angesichts der aktuellen Nachrichtenlage: Die Übernahme des Nokia-Handygeschäfts durch Microsoft ändert am oben gestellten Befund nichts - im Gegenteil. Viel mehr werden jetzt die zweite und dritte Reihe für eine ganze Weile damit beschäftigt sein, beide Unternehmen unter eine Hut zu bekommen. Und das dürfte angesichts der Unterschiede - Hardware- vs. Softwarehersteller, Europäer vs. Amerikaner - schwierig genug werden. Und der neue Microsoft Chef? Der wird alle Hände voll zu tun haben, damit seine neuen und alten Leute miteinander reden. Wie gut die neuen Handys oder das neue Windows werden, darauf wird er dagegen kaum Einfluss haben.

Stephan Neumann am 3. September 2013

Sehe ich anders. Die Aufgabe eines Chefs ist natürlich, ein Team von Genies zu rekrutieren und steuern, er muss natürlich nicht selbst die Produkte entwickeln, aber er verantwortet immerhin das ganze Geld, was seine Leute verbrennen. Zudem muss man zwischen Gründer und Chef unterscheiden. Der Gründer wird als Inhaber und Ideengeber immer entscheidend sein, der Chef als angestellter Manager ist natürlich austauschbar, aber nicht dennoch sehr wichtig.

Stephan Neumann am 3. September 2013

"aber dennoch sehr wichtig" meinte ich.

Stephan Radomsky am 3. September 2013

Nun ja: Ich gehe ja gerade von Großkonzernen aus. Hier ist der Chef ja in den allermeisten Fällen "nur" ein angestellter Manager. Und auch wenn nicht - siehe Apple - sind sie zwischen ihren Leuten und den anderen Anteilseignern eingeklemmt. Beispiel Budget: Der Chef hat hier zwar am Ende die Verantwortung für alles. Er selbst hat aber kaum Einfluss auf das Ergebnis. Die Planungen und Anforderungen kommen aus den Abteilungen, werden in den Sparten bewertet, gebündelt, sortiert und an den Vorstand weitergegeben. Hier wird nochmals umsortiert, neu entschieden und verändert, oft auch aus politischen gründen. Erst dann kommt alles auf den Chef-Schreibtisch. Der hat dann eigentlich keine andere Wahl mehr als abzuzeichnen - und den Kopf hinzuhalten.

Silke Reinschneider am 3. September 2013

Es ist doch nicht so, dass ein Chef irgendwelche Ergebnisse auf den Tisch bekommt. Es sind immer nur Arbeitsergebnisse, die er beauftragt hat. Die entscheidende Frage ist doch fast immer: Welche Produkte positioniere ich wie auf dem Markt (neu), welches Image? Welche Zielgruppe etc? Diese Linie gibt der Chef vor, davor lässt er sich natürlich beraten (zumindest ein guter), danach trägt er die einzelnen Arbeitsergebnisse zusammen und entscheidet darüber. Außerdem: Wenn das nur Schaufensterpuppen wären: So bekannt/charistamtisch sind die Herren (Damen gibt es ja wohl nicht, oder?) Dax-Chefs auch wieder nicht.