Kampf gegen Windmühlen

Von Marcus Pfeil am 3. September 2013

Energiegenossen sollten eigentlich Pioniere der Energiewende sein, die Vorhut einer dezentralen Stromversorgung. Solange der Staat vor allem Solarstrom zum Festpreis abnahm, war ihr Geschäft ein Selbstläufer. Das war einmal

Zwischen Pkw-Maut und der Frage, ob sich Peer Steinbrück nach seiner Wahl an den Beamtenpensionen vergreifen würde, ging die Energiewende am Sonntag im TV-Duell ein wenig unter. Wenigstens gab Angela Merkel zu, dass sie früher nicht so gut darin war, die Dinge aus heutiger Sicht zu betrachten. Dass das Erneuerbare Energie-Gesetz (EEG) einen Solarboom in Deutschland auslösen würde, konnte man nun wirklich nicht wissen. Wie schnell dieser Boom wieder vorbei sein würde, vielleicht auch nicht.

Aufgewühlt von der Reaktorkatastrophe in Fukushima, angelockt von niedrigen Zinsen und der Verheißung risikoloser Gewinne haben immerhin 130.000 Menschen im Land zu Energiegenossen werden lassen. Gemeinsam haben sie 1,2 Milliarden Euro in Bürger-Kraftwerke investiert, ihr Strom reicht für 160.000 Haushalte. Politik und Medien feierten Energiegenossenschaften schon als Pioniere der Energiewende, als Vorhut einer dezentralen Stromversorgung. Jahrelang war ihr Geschäft ein Selbstläufer, solange der Staat vor allem Solarstrom zum Festpreis abnahm. Dabei droht den meisten die Geschäftsgrundlage wegzubrechen, die Mitglieder jüngerer Genossenschaften verlieren nach Abzug der Inflation sogar Geld.

Dank des Mitgliederzulaufs mangelt es den meisten der inzwischen über 700 Energiegenossenschaften zwar nicht an Kapital, dafür aber an Gelegenheiten, dieses Geld vernünftig auszugeben. Und ohne vernünftige Projekte dümpelt das Mitgliederkapital zu Niedrigzinsen auf dem Konto. Mehr als 60 Prozent der Gesellschaften haben im vergangenen Jahr keine Dividende an ihre Mitglieder ausschütten können, die meisten davon haben sich erst in den vergangenen zwei, drei Jahren gegründet. Jenseits bester politischer und ökologischer Absichten taugt das Bürgerengagement nur noch bei Genossenschaften als Investment, die von den stabilen Erträgen ihrer alten Anlagen zehren.

Für neue Gesellschaften aber sind die Zeiten überdurchschnittlicher und gleichzeitig risikoloser Renditen von bis zu sieben Prozent vorbei. Genossen bekommen immer weniger für ihren Strom, seit Januar sinkt die staatlich garantierte Einspeisevergütung um bis zu 2,8 Prozent – und zwar monatlich. Die Produktionskosten für Ökostrom sinken aber nicht mehr mit. Zwischen 2010 (2.400 Euro pro Kilowatt) und 2013 (unter 1.100 Euro) noch im freien Fall, haben die Preise für Module, Gestelle und Wechselrichter einen Boden gefunden. Billiger geht nicht. Längst verbauen die Genossen chinesische, von der KP obendrein subventionierte Billigware. Obwohl sie die Wertschöpfung doch eigentlich in der Region belassen wollten.

Keiner von ihnen weiß, ob das EEG die Bundestagswahl übersteht. Und trotzdem machen noch immer vier von fünf Energiegenossenschaften nichts anderes, als Ökostrom ins Netz zu speisen. Zwei von drei Genossenschaften ausschließlich über Solaranlagen. Jede zweite betreibt nur Flächen mit mäßiger Sonneneinstrahlung. Und dennoch plant noch immer mehr als die Hälfte der Energiegenossenschaft reflexartig Investitionen in Solaranlagen.

Die übrigen denken über teure Windmühlen nach oder darüber, ihren Strom selber zu vermarkten, Gebäude energetisch zu sanieren oder wie die Bürgerenergie Berlin eG gleich ein ganzes Stromnetz zu kaufen. Doch je größter die Projekte, desto höher die Risiken: Die meist ehrenamtlich arbeitenden Vorstände müssen sich plötzlich im Wettbewerb mit privaten Unternehmen behaupten. Manche reifen dabei selbst zu Unternehmern, einige werden wie einst die Volks- und Raiffeisenbanken fusionieren, andere drohen zu scheitern. Die wenigsten haben das Know-how, einen Windpark vernünftig zu planen geschweige denn zu betreiben. Und selbst die Genossen, die in der Lage sind, ihren eigenen Strom zu vermarkten, werden von potenzieller Kundschaft bisweilen nur milde belächelt. So haben die meisten Bundesländer einen Rahmenvertrag mit RWE, Eon, EnBW oder Vattenfall, der die Konditionen für kommunale Betriebe sichert. In Bayern etwa sinkt der Strompreis für die öffentliche Kundschaft im kommenden Jahr um 42 Prozent auf 8,5 Cent je Kilowattstunde, EEG-Umlage, Stromsteuer und Netznutzung inklusive. Das hat der Gemeindetag mit Eon so verhandelt.

Marcus Pfeil, Journalist und Autor, schreibt für das Wall Street Journal regelmäßig über Deutschlands neue Gründerzeit, sowohl über den Start-up-Hype in Berlin, München oder Hamburg als auch über den Boom von Energiegenossenschaften auf dem Land.

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Jürgen Mustermann am 3. September 2013

Wenn die Energiegenossenschaften dank der (vernünftigen!) Degression der Solar-Einspeisevergütung wirklich keine vielversprechenden Anlageobjekte mehr haben: Wie wär's denn dann, wenn sie jetzt alle gemeinsam eine große Organisation gründen würden, die in Windparks (on- und offshore!), Blockheizkraftwerke und Gaskraftwerke sowie Speicherkapazitäten (z.B. Wasserstoffelektrolyse aus Solar- und Windstrom sowie Batterien in Elektromobilität) investiert? Natürlich mit einem professionellen (vergüteten) Management? Nach Meinung aller Experten (außer den Wasserträgern des Neoliberalismus und marktradikalen Manchester-Kapitalismus) besteht darin (gemeinsam mit Solar) für die "Übergangszeit" (d.h. einige Jahrzehnte) der ideale non-nukleare Energiemix mit sinkendem fossilem Anteil (Gas zur Grundlastabsicherung) und optimiertem CO2-Ausstoß.

Und wenn man sich die Kompetenz nicht zutraut: einfach zusammenlegen und einem der existierenden Versorger ihr Deutschland-Geschäft abkaufen - samt Infrastruktur und Personal (einige wollen ohnehin aussteigen, siehe Vattenfall). Günstig genug dürften sie am Kapitalmarkt inzwischen geworden sein ;-)

Danach könnten wir dann das Projekt angehen, die in den 90ern als Teil des Neoliberalismus-Wahns privatisierten Energienetze und lokalen Erzeuger/Versorger (Stadtwerke) bundesweit wieder vollständig zu verstaatlichen... (klingt "re-kommunalisieren" schöner?). Dank der regulierten Netzvergütung (mit 8-9% Garantierendite) ist das im Gegensatz zu Kampagnen von CDU, FDP und SPD (zB in Berlin oder Hamburg, wo entsprechende Initiativen zum Rückkauf existieren) ja kein finanzielles Risiko, sondern ein garantiertes Geschäft (mit einer Rendite von 9% minus anteiliger Zinssatz der benötigten Kredite, der für öffentliche Körperschaften nahe Null iegt).