Versuch’s mal mit dem Naheliegenden

Von Martin Benninghoff am 4. September 2013

Nicht nur für verblendete Einwanderungsgegner steht fest: Kinder mit Migrationshintergrund sind oft ein Lernhindernis in den Klassen der eigenen Sprösslinge. Auch Integrationsbefürworter fahren ihre Kinder gerne in den übernächsten Stadtteil, wo die Reichen leben. Das aber ist keine Lösung

So langsam aber sicher füllen sich die Klassenräume in Deutschland – Sommerferien adé. In dieser Woche endet die schönste Zeit des Jahres im bevölkerungsreichsten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen. Dann wird das Klagen vieler Eltern wieder einsetzen, über die Unruhe in den Klassen und die vielen „Ausländerkinder“ an den Schulen. „Migrationshintergrund“ – das klingt in den Ohren mancher Eltern wie eine Drohung an ihre eigenen Sprösslinge. Zu geringes Niveau, zu schlechte Deutschkenntnisse, nichts für mein Kind, eben eine echte „Brennpunktschule“.

Ich muss gestehen: Bei dieser Frage ist es leicht, auf der richtigen Seite zu stehen, solange man selbst nicht betroffen ist. Natürlich, ich bin für integrative Klassen, dafür, dass Kinder sozial schwacher Familien, viele von ihnen mit Migrationsgeschichte, von leistungsstärkeren Schülern mitgezogen werden. Interkulturelle Kompetenz lernt man eben am besten, wenn man mit Einwandererkindern spielt und den lieben langen Tag zu tun hat. Da habe ich nur die besten Erinnerungen an meine eigene Schulzeit im Rheinland – und an meine beiden marokkostämmigen Klassenkollegen.

Die entscheidende Frage ist nur, aus welchen Milieus stammen die Kinder? Meine beiden Mitschüler hatten Schwierigkeiten, weil die Eltern ungenügend Deutsch sprachen und auch sonst eher bildungsfern waren. Das ist kein Problem, wenn der Anteil solcher Schüler im Klassenverbund gering ist, wie in meinem Fall. Wenn der Unterricht jedoch kaum stattfinden kann, weil niemand vernünftig Deutsch spricht und schreibt, keiner die Hausaufgaben macht, und sich einige Kinder aggressiv auf den Mitschüler mit dem neuen Füller stürzen, weil sie selbst mit einem abgekauten Bleistift herumschmieren? Dann sieht die Sache ganz anders aus.

In dem Fall nutzt es dem gebildeten Akademiker nichts, zu wissen, dass solche Kinder nichts dafür können, weil sie es von zuhause nur so kennen. Das eigene Kind möchte man dann nicht auf die nahegelegene Schule schicken, trotz der guten politischen Vorsätze, die einem sonst so wichtig sind.  Man fährt es lieber in die übernächste Schule in einem wohlhabenderen Viertel oder gar zur Privatschule. Politik kann man ja danach wieder machen, jetzt geht das eigene Kind erst einmal vor. Oder?

Den Eltern ist diese „Schulflucht“ zunächst kaum vorzuwerfen. Oder sollten sie ihr Kind trotzdem auf eine „Problemschule“ schicken? Um ein Zeichen zu setzen und politisch etwas zu bewegen, sei es auf dem Rücken des Kindes? Dann lernt es zwar nichts, dafür aber die Gesellschaft? Eine interessante Frage.

Wer das verlangt, sollte jedenfalls mit gutem Beispiel vorangehen. Zumal sich die Frage für immer mehr Eltern stellen wird: Die Stadtteile, die bis vor kurzem noch als Brennpunkte, „Ausländer“- oder „Hartz-IV“-Hochburgen verschrien waren, locken die Jungen und Kreativen an. Mit günstigen Mieten und multikulturellem Umfeld, Berlin-Neukölln beispielsweise.

Man kann hoffen, dass die hippen Großstadteltern ihre Kinder dort einschulen. Und die Politik – das sind wir alle – kann dafür etwas tun.

Der Berliner Senat nimmt sinnvollerweise zusätzliches Geld in die Hand, um „Problemschulen“ auf Vordermann zu bringen. Insgesamt bis zu 15 Millionen Euro sind für 207 Schulen vorgesehen, und das Geld soll für klar definierte Ziele eingesetzt werden, etwa gegen Schulschwänzen oder Sprachdefizite. Vor allem muss es darum gehen, das Verhältnis leistungsschwächerer und leistungsstärkerer Schüler in ein vernünftiges Maß zu bringen. Nur dann kann der integrative Gedanke – die Starken profitieren von den Schwachen, die Schwachen von den Starken – zur Geltung kommen.

Wenn sich die Situation durch solche Maßnahmen verbessert – und davon ist auszugehen –, sollten die ewig klagenden Eltern den Schulen eine Chance geben. Längst hat sich das Gerede von „lernschwachen Ausländerkindern“ verselbstständigt – und oft ist es nicht mehr nachzuvollziehen. Erstens, meist sind das in Deutschland geborene Kinder mit deutschem Pass. Die sprachliche Trennung zwischen „Deutschen“ und „Migranten“ oder gar „Ausländern“ gräbt nur Gräben, wo in der vierten Einwandergeneration keine hingehören. Und zweitens sollte man schon differenzieren: Prügeleien im Klassenraum und Kinder, die kaum Deutsch sprechen – das passt auch vielen Einwanderern nicht. Längst geht es doch nicht mehr um geografische Herkunft, sondern vor allem um die soziale.

So wenig die soziale Herkunft veränderbar ist, so wandelbar ist die Zukunft: kleine Klassen, ein guter Betreuungsschlüssel, vernünftige pädagogische Konzepte und engagierte Lehrer sind die Schrauben, an denen die Politik entschlossen drehen sollte. Nur, dann müssen die Eltern bereit sein, von alten Klischees Abstand zu nehmen. Und ihrer Quartiersschule eine Chance zu geben. Näher liegt sie allemal.

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden Mittwoch.

 

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Jürgen Mustermann am 4. September 2013

Top!

Jürgen Mustermann am 4. September 2013

Bitte (an alle OC-Autoren): Wenn schon keine Suchmaschine im üblichen Sinn, sondern das Schlagwortverzeichnis "Themen" existiert, dann bitte dieses auch sachgerecht verlinken. Dieser Artikel beispielsweise sollte wohl unter anderem bei den existierenden Kategorien "Kinder", "Immigration", "Immigranten" und "Einwanderer" (Achtung, letztere beiden sind z.B. eine Dopplung) zu finden sein, wo bisher nur jeweils ein Artikel überhaupt verlinkt ist. Und eine Verschlagwortung unter dem Hauptthema - vielleicht "Schule"? - fehlt m.E. ganz.

Ich fürchte, dieses System der Themen-Kategorisierung wird auf Dauer von mehreren Autoren sehr schwierig zu pflegen sein - vielleicht doch lieber eine Suchmaschine?

Stefan Tillmann am 4. September 2013

Eine Suchfunktion gibt es ja, und zwar hinter dem Plus oben. Bei den Schlagworten gebe ich Ihnen recht, das war intern auch schon Thema, das muss sich noch etwas einspielen. Danke für die rege Teilnahme! Stefan Tillmann

Silke Reinschneider am 4. September 2013

Sorry, aber ist das nicht wahnsinnig naiv? Sie sprechen von zwei marrokkanischen Jungs in der Klasse. Das ist doch nicht das Thema. Inzwischen sind doch Kinder mit Migrationshintergrund in vielen Klassen in der Mehrheit, zum Teil gibt es Klassen ohne oder mit ein, zwei deutschen Kindern. Die Kinder können oft schlecht deutsch und es wird in der Schule auch nicht unbedingt besser. Die Lehrer, wenn sie denn kein türkisch können, werden oft auf türkisch gemobbt. Das ist vielfach die Realität. Haben Sie für diese Fälle auch Rezepte? Dass ansonsten eine Mischung positiv, geschenkt, klar, aber nur unter der Prämisse, dass die Gruppe insgesamt gut Deutsch kann.

Jürgen Mustermann am 4. September 2013

Zur Plattform-Organisation/ Suchfunktion etc:

Auch wenn es nicht (nur) zu diesem Artikel gehört: danke für den Hinweis mit dem Pluszeichen, da hatte ich noch nie nachgesehen... und es sind dort außer der Suche ja noch weitere praktische Funktionen versteckt, z.B. findet man so etwas wie "last 30 posts" oder insbesondere "posts by category" und "posts by author", zumindest wenn man eine erfolglose Suche ausführt... die finde ich sehr hilfreich, vielleicht würde es den Lesern allgemein helfen, diese direkt zugänglich zu machen... und evtl. überhaupt auf die hinter dem "Pluszeichen" steckende Funktionalität hinzuweisen...

Martin Benninghoff am 4. September 2013

Sehr geehrte Frau Reinschneider,
besten Dank für Ihren Kommentar. Im Grunde sind wir inhaltlich ja gar nicht auseinander. Ich finde auch, dass diese Extremzustände, die Sie beschreiben und die es zweifellos gibt, abgeschafft werden müssen. Es ist eben nur die Frage, wie! Vielleicht schauen Sie nochmal über den Kommentar.
Viele Grüße

Heinz Schmitz am 5. September 2013

Hallo Martin,

toller Artikel! Du hast das Problem von allen möglichen Seiten beleuchtet. Ein Patentrezept gibt es sicher nicht, zumindest aber realistische Ansätze, wie die von Dir angesprochenen.

Schöne Grüße aus dem Rheinland
Heinz Schmitz