Löw raus!

Von Stefan Tillmann am 6. September 2013

Die deutsche Nationalmannschaft ist ein Rudel hochtalentierter Spieler, die der Bundestrainer jedoch nicht zu Spielertypen aufgebaut hat. Mit so einem Trainer wie Joachim Löw wird Deutschland nicht Weltmeister

Heute spielen wieder Deutschlands liebste Kinder: der Marco, der Mesut, der Manuel. Und auch wenn Österreich derzeit eine starke Mannschaft hat, so wird das deutsche Team aus Champions-League-Finalisten und Stars von Arsenal und Real Madrid das Heimspiel vermutlich gewinnen. Soweit die gute Nachricht.

Kommen wir zur schlechten, die keine Nachricht ist, sondern nur eine kühne Behauptung: Deutschland wird nicht Weltmeister – wegen Joachim Löw. Der Mann, der Deutschland seit der WM 2006 anführt, wird gnadenlos überschätzt. Sicher, er hat taktischen Schliff in die Nationalmannschaft gebracht: zwei Außenstürmer, Gegenpresssing, Doppelsechs, der ganze Käse. Aber es ist ja nicht so, dass andere Teams das nicht längst gehabt hätten, nur eben die deutsche Nationalelf nicht.

Sicher, es gab sensationelle Spiele, vor allem bei der WM 2010 gegen England und Argentinien. Hat ja auch niemand behauptet, dass die Jungs nicht kicken können. Allerdings war Maradonas Team trotz oder gerade wegen Messi sehr ausrechenbar. Und England war auch nicht unbedingt Titelfavorit. Klar ist, dass immer dann Schluss war, wenn Deutschland auf ein Team trifft, das taktisch stark ist und zudem aus Persönlichkeiten besteht.

Die aktuelle deutsche Spielergeneration mag hochbegabt sein – das liegt aber nicht an Löw, sondern vor allem an den Leistungszentren, die dank Matthias Sammer seit 2000 eingeführt wurden. Dennoch wird das aktuelle Team überschätzt. Wenn man sieht, welche Teams die letzten deutschen Titel geholt hat, 1990 u.a. Matthäus, Häßler, Völler, Brehme, Kohler oder 1996 u.a. Sammer, Basler, Effenberg, so waren das zur damaligen Zeit nicht nur absolute Weltklassespieler, sondern auch Typen, die jeder für sich in der Lage waren, ein Spiel zu entscheiden und vor allem: alleine zu drehen. Eben wie die italienischen und spanischen Teams, an denen Deutschland zuletzt gescheitert ist. Gegen die Nationalelf von 1990 hätte das aktuelle Team – ungeachtet der taktischen und physischen Weiterentwicklung des Sports – keine Chance.

Hilflose Spieler

Die heutige Spielern werden gerade in Deutschland schon als Jugendliche darauf vorbereitet, Profi zu werden. Ein Spieler wie Götze wurde als Jahrhunderttalent gelobt, da hatte er gerade mal einen nationalen Titel geholt. Umgekehrt passt der Verein diebisch auf, dass die Spieler nicht abheben oder anecken. Und die Trainer geben ihnen genaue Masterpläne, auf denen steht, was sie zu tun haben. Wenn es dann nicht läuft – wie bei den Niederlagen gegen Italien, beim 4:4 gegen Schweden oder dem 3:3 gegen Paraguay, sind diese Spieler nicht in der Lage ohne Anweisung des Trainers Entscheidungen zu treffen. So war es auch kein Zufall, dass Bayern München das Champions-League-Finale 2012 verlor, als sich die Spieler beim Elfmeterschießen vor der Verantwortung drücken wollten, während die Londoner unbedingt schießen wollten.

Das Spiel der deutschen Nationalelf ist sowieso noch lange nicht ausgereift. Gerade das Abwehrspiel war zuletzt so fehleranfällig, dass das Team entweder einen Trainer bräuchte, der die Reihen zwischen Abwehr und Mittelfeld wieder schließt – oder zumindest Spieler, die ein Spiel alleine dirigieren können. Allerding baut sich Joachim Löw seine Mannschaften über Jahre auf und achtet genau darauf, dass keine Quälgeister dabei sind. Dabei wäre es sinnvoller, von Turnier zu Turnier zu denken und auf die jeweils formstärksten und somit selbstbewusstesten Spieler zu setzen.

Eine Hoffnung bleibt: Dass die Bayern und die Dortmunder durch die internationalen Erfahrungen selbstbewusster geworden sind und sich gegen Löws taktische Verwirrungen wie Toni Kroos‘ Sonderbewachungsrolle von Andrea Pirlo wehren und Deutschland 2014 doch Weltmeister wird, nicht wegen, sondern trotz Löw. Ansonsten kommt danach sowieso der Trost: Wenn Löw aufhört und Deutschland 2016 Europameister wird – dank Stefan Kießling.

 

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, ist Fan von Fortuna Düsseldorf und immer noch sauer, dass Berti Vogts Torhüter Georg Koch nicht für die EM 1996 nominiert hat. Im Frühjahr 2014 erscheint sein Roman „Nie wieder Fußball!“ im Werkstatt-Verlag. Er hält Lucien Favre für den besten Trainer weit und breit. Sein Lieblingsspieler bei den Österreichern: Julian Baumgartlinger.

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Frank Braun am 6. September 2013

Löw war als Vereinstrainer schon erfolglos. Gut, Pokalsieg mit Stuttgart, ansonsten war der überall schnell wieder weg vom Fenster. Spieler wie Götze kann doxh jeder Platzwart trainieren. Man muss sich mal erinnern, mit was für einer Gurkentruppe Rudi Völler Vizeweltmeister geworden ist.

Andreas Theyssen am 6. September 2013

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten spielt das deutsche Team nicht nur gut und modern, sondern sein Spiel ist auch schön anzusehen. Und das ist maßgeblich Joachim Löws Verdienst (schon zu Klinsmanns Zeiten). Insofern: Die Kommentarthese trägt nicht.

Stefan Tillmann am 6. September 2013

Modern ist doch egal, es geht letztlich nur um den Erfolg. Und zuletzt konnte Deutschland ja nicht mal mehr USA oder Paraguay schlagen. Außerdem finde ich persönlich ein taktisch sauberes Null-Null schöner als einen Löw'schen Hühnerhaufen-Fußball, der nach sechs Fehlern 3:3 ausgeht.

Andreas Theyssen am 6. September 2013

"Ein taktisch sauberes Null-Null" - wie verkopft ist das denn? Als Zuschauer will ich Spaß haben, d.h. Tore sehen und bei vergurkten Szenen mitleiden.

Stefan Tillmann am 6. September 2013

Gut, war etwas zugespitzt. Aber es geht um die Sichtweise. Als neutraler Beobachter ist der Hühnerhaufen natürlich interessanter. Als Fan eines Vereins oder einer Nationalmannschaft ist man aber weniger an der Unterhaltung eines Spiels interessiert, sondern am Ergebnis. Das mag absurd und dämlich sein, ist aber nun mal so.

Andreas Theyssen am 7. September 2013

Tja, 3:0 für den Hühnerhaufen. Aber wahrscheinlich waren die anderen ein noch viel größerer Hühnerhaufen und Almer und Alaba ohnehin total überschätzt, weil die kein taktisch sauberes 0:0 hinbekommen haben. Was meint der "neutrale Beobachter"?