Einwanderer raus aufs Land!

Von Martin Benninghoff am 11. September 2013

Unsere Kleinstädte und Dörfer veröden. Warum nicht darüber nachdenken, auch bei Einwanderern dafür zu werben, sich auf dem Land niederzulassen. Gerade für findige und kreative Unternehmerpersönlichkeiten bietet die Provinz viele Möglichkeiten

 

Überall wird über Fachkräftemangel gesprochen und geschrieben. Nur, haben Sie ihn schon mit eigenen Augen gesehen? Sicher, es gibt Abteilungen – etwa bei Airbus -, wo ausschließlich ausländische Facharbeiter und Ingenieure arbeiten, weil sich kaum noch deutsche Spezialisten finden lassen. Aber für die meisten Normalsterblichen ohne solche Einblicke bleibt der Fachkräftemangel eine recht abstrakte Angelegenheit.

Ganz anders ist das bei der Landflucht, die jedermann besichtigen kann. Wer in letzter Zeit durch Eifeldörfchen oder brandenburgische Ortschaften gefahren ist, kann den Einwohnermangel mit den Händen greifen: heruntergekommene Ortskerne, verbarrikadierte ehemalige Kneipen, daneben leerstehende Schaufenster von kleinen Supermärkten oder Bäckereien, die vor Jahren ihr letztes Brötchen gebacken hat. Trostlos. Öde. Fast nur noch alte Leute besiedeln diese Ortschaften. Und die haben zunehmend Probleme, sich zu versorgen.

Da braucht es kreative Ideen, um der Verödung unserer Dörfer und Kleinstädte etwas entgegenzusetzen. Warum nicht darüber nachdenken, gezielt Einwanderer anzusprechen, ob sie sich vorstellen könnten, für eine gute Berufsaussicht und günstigere Mieten mit ihren Familien aufs Land zu ziehen? Für Unternehmer mit Einwanderergeschichte bieten sich einige Nischenmärkte – gerade in der Gastronomie, beim Nahverkehr und der ärztlichen Versorgung und bei Pflegeleistungen.

Na klar, bei einem solchen Gedanken ist der Aufschrei mancher Zeitgenossen programmiert. Aber die sollten einfach mal weiterlesen.

Laut einer Studie des Berlin-Instituts für Demographie in Berlin, die am Montag vorgestellt wurde, werden diese ländlichen Gebiete bis 2030 mehr als acht Prozent ihrer Bevölkerung verlieren – im Durchschnitt. Wirtschaftsstarke, städtenahe Regionen sind davon freilich weniger betroffen, die Landstriche der Peripherie dafür umso mehr. Das hat nicht nur mit den niedrigen Geburtenraten in Deutschland zu tun, sondern ist bedingt durch die Jobsituation: Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem in den Metropolregionen, und die gut ausgebildeten Menschen schätzen den urbanen Nahverkehr, die kulturellen Angebote und die vitalen Gastronomieszenen.

Isolation der Älteren

Dörfer und Kleinstädte bringt der Einwohnerschwund derweil in die Bredouille. Einnahmen aus Steuern und Abgaben gehen zurück, und die Kommunen können die Kosten für Müllentsorgung oder Abwasser kaum noch tragen. Kitas, Schulen, Freizeitangebote für junge Familien – lohnen sich nicht mehr. Die Pro-Kopf-Ausgaben für die Strom- und Wasserversorgung steigen, und die Fahrten zu den weit entfernten Ärzten und Supermarkt gehen ordentlich ins Geld. Vor allem ältere Leute sitzen buchstäblich in der Isolation.

Das kann man bekämpfen, und einige Gemeinden tun das verdienstvollerweise. Etwa, indem sie versuchen, irgendwie eine möglichst gute Infrastruktur, Kitas und Schulen, aufrechtzuerhalten, so dass Familien mit Kindern bleiben. Oder sie werben mit vergleichsweise günstigen Mieten oder Grundstückspreisen. Nur, den Verfall wird man so lediglich verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Manchen Bürgermeistern ist das nicht genug, sie denken über finanzielle Anreize und Zuschüsse für diejenigen nach, die in ihre Stadt ziehen. Vergessen dabei aber: Bloße Zuschüsse oder Sonderzahlungen können zu Fehlsteuerungen führen, indem soziale Probleme von der Stadt aufs Land verlagert werden, womit keinem geholfen sein dürfte.

Darum ein kleiner Gedankenanstoß für kreative Kommunen: Besser wäre es – analog zum Fachkräftemangel – offensiv und gezielt um qualifizierte Einwanderer zu werben, die sich auf dem Land niederlassen und dort die Chancen nutzen. „Qualifiziert“ meint die richtige Qualifikation für solche Jobs, die auf dem Land eine Rolle spielen.

Zum Beispiel: Der ländliche Raum benötigt ein flexibleres öffentliches Verkehrssystem, das kommunale Anbieter mit privaten vernetzt. Leerfahrende Busse auf den Dörfern sind ökonomischer Unsinn, viel besser wäre es, öffentliche und private Fahrdienste miteinander zu vernetzen – ein interessantes Arbeitsfeld für kleinere Verkehrsunternehmen und Mitfahrzentralen. Sicher, dazu müssten im Einzelfall Gesetze geändert werden, etwa das Personenbeförderungsgesetz. Aber warum eigentlich nicht?

Kroketten-Dorfkultur adé

Oder bei der Versorgung mit lebenswichtigen Dingen: Rollende Supermärkte gibt es ja heute schon, und vielerorts lohnen sie sich. Es wäre gut, wenn sich Einwanderer interessierten, die Supermärkte und Landarztpraxen zu betreiben oder Fahrdienste und Pflegedienstleistungen für Senioren anzubieten. Gerade für Gründer lässt sich auf dem Land Geld verdienen – auch in der regionalen Energieversorgung etwa bei der Stromproduktion mit Windrädern.

Schon heute ist es so – etwa in der Eifel -, dass griechische, türkische, italienische und chinesische Einwanderer mit ihren Restaurants und Imbissstuben die Dorfkerne wiederbeleben. Wo früher die Dorfgaststätte einen Saal für Vereinsfeiern anbot, rücken heute neue Anbieter nach, die die alte Jägerschnitzel-und-Kroketten-Dorfkultur durch eine moderne ersetzen – und dadurch für die Jugend attraktiver machen. Die Akzeptanz im Zusammenleben ist durchaus groß. Nur sollte das nicht auf die typische Einwanderer-Gastronomie beschränkt bleiben.

Natürlich müsste eine solche Entwicklung maßvoll und mit ordentlicher Bürgerbeteiligung vorangetrieben werden. Gerade kleinere, weniger anonyme Dorfgemeinschaften sind anfällig für vermeintlich kulturelle Konflikte: Nicht jeder Brauchtumsverein ist bereit, mit offenen Armen auf Einwanderer zuzugehen. Nicht jeder Einwanderer begegnet den ursprünglichen Einwohnern vorurteilsfrei und unvoreingenommen.

Aber: Durch eine vergleichsweise moderate soziale Auswahl aufgrund der Berufe würden keine größeren Konflikte entstehen. Und Dorfgemeinschaften sind durchaus integrationsfähig. Klischees und Ressentiments entstehen meist, wenn keinerlei Kontakte zwischen den Gruppen bestehen. Und wenn sich die Versorgungslage bessert, mehr Leben die Dorfplätze aktiviert und die Bewohner wieder eine Zukunft für ihre Orte sehen, dann dürften auch die größten Nörgler verstummen.

Also, welche Kommune traut sich und geht mit gutem Beispiel voran?

 

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Er findet es schade, dass viele Dörfer und Kleinstädte auch seiner rheinischen Heimat so langsam dahin siechen. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden Mittwoch.

 

 

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M. Schneider am 11. September 2013

Vorsichtig ausgedrückt, kommt mir die Idee, bestimmten Bevölkerungsgruppen politisch zu raten, sich irgendwo anzusiedeln, alles andere als modern vor. Zumal das Klischee mitschwingt, der Italiener sei ja ohnehin der geborene Pizzabäcker.

Jürgen Mustermann am 12. September 2013

In der Tat, nicht nur der italienische Pizzabäcker.. der Text schreit ja fast danach, wir sollten doch die bedauerlicherweise auf dem Land entstehenden Lücken durch "einfach qualifizierte" Einwanderer füllen - denn unter denen findet man nach Meinung des Autors wohl keine "gut ausgebildeten Menschen", [die] "den urbanen Nahverkehr, die kulturellen Angebote und die vitalen Gastronomieszenen" [schätzen]. Irgendwie erinnert mich der Vorschlag an Ein-Euro-Jobs...

Für den einen oder anderen potentiellen Interessenten mag die Idee ja tauglich sein, und wenn die Arbeitsbedingungen/Verdienstmöglichkeiten ordentlich sind und die betroffenen Kommunen entsprechend gezielte Anwerbeaktivitäten entfalten und Unterstützung geben: meinetwegen.

Längerfristig wäre es aber doch vielleicht geringfügig wichtiger, endlich einmal eine realistische, rationale, bewußte und zielführende Einwanderungspolitik zu definieren und umzusetzen??!! Ich möchte jetzt nicht wieder nur die notorischen Beispiele Kanada, Australien oder die USA zitieren - aber sollten wir nicht versuchen, neben einem Asylrecht für wirklich Bedrohte (das ich für selbstverständlich, geboten und unverzichtbar halte) endlich Anreize für eine massive, hilfreiche Einwanderung zu setzen, die u.a. die Ziele Bevölkerungsstabilisierung und Erfüllung der Arbeitsmarktbedürfnisse berücksichtigt?

Martin Benninghoff am 12. September 2013

@M. Schneider: In der Tat ist es schwierig, einer Bevölkerungsgruppe irgendwas zu raten. Mein Text ist aber als Denkanstoß gemeint - nicht mehr, nicht weniger. Das heißt, vielleicht denkt ja mal ein Kommunalpolitiker darüber nach, das Standortmarketing seiner Gemeinde zu überarbeiten. Das Klischee des italienischen Pizzabäckers darf uns doch von solchen Überlegungen nicht ernsthaft abhalten. Bei Einwanderungsdebatten bewegt sich man sich immer auf vermintem Gelände...na und?
@J. Mustermann: Ich halte ein Punktesystem auch für sinnvoll - als technisches Instrument der Einwanderungssteuerung. Dazu muss aber auch eine vernünftige Einwanderungskultur kommen wie in den besagten Ländern. Wer nach 20 Jahren noch immer als "der Türke" oder "Deutsch-Italiener" bezeichnet wird, ist vielleicht genervt. Und davon kenne ich viele. Beides gehört zusammen.

Jürgen Mustermann am 12. September 2013

Daran soll es doch nicht scheitern... wir sind ja schon zwei, und vielleicht finden wir sogar 80% der Deutschen oder mehr, die Immigranten ohne Rassismus und Xenophobie begegnen können! In meinem Freundeskreis merke ich kaum etwas von solchen Einstellungen - aber natürlich wird es immer ein paar Unverbesserliche geben. Kein Grund, mit dem "Punktesystem" länger zu warten.

Wer erklärt's Frau Merkel? ;-)