Giftgasspielchen oder ein grundlegendes Versagen des Westens

Von Oliver Piecha am 8. Oktober 2013

Der Westen jubelt, die Presse jubelt, Diktator Assad ist besiegt, die Diplomatie hat gewonnen. Dabei geht das Morden weiter. Und die Vereinten Nationen scheinen gar nicht zu merken, wie ein Regime sie vorführt

Es fällt schwer einem autokratischen, islamistischen Politiker wie dem türkischen Regierungschef Erdogan Recht zu geben, aber manchmal hat auch so einer Recht: „Wie können wir jemandem, der 110.000 Menschen umgebracht hat, loben? Es kommt nicht darauf an, ob diese Menschen mit Giftgas oder anderen  Waffen umgebracht worden sind, letztlich sind sie getötet worden.“

Der US-Amerikanische Außenminister John Kerry ist in Bezug auf den syrischen Diktator Assad also anderer Meinung: „Lassen Sie mich ganz deutlich („crystal clear“) sein : „Wir müssen dem Assad-Regime zugestehen, dass es die Bestimmungen (der Giftgasvernichtung) erfüllt, wie vorgesehen.“ Kerry war sogar „very pleased“. Und der US-Außenminister Kerry hat somit die bewährteste Garantie für eine grauenhafte Diktatur überhaupt ausgesprochen.

Wie wunderbar.  In den Diktatorenlehrschulen dieser Welt wird man Obama und seiner standfesten Mannschaft jedenfalls ein ehrendes Andenken bewahren, Der Rest der Menschheit wird in der Zukunft die Folgen tragen müssen. Oder wie sagte Kerry noch: „Es ist ein guter Anfang, und wir sollten einen guten Anfang begrüßen!“

An diesem einzelnen Tag meldete die zuverlässigste Zählungsstelle für den syrischen Krieg 85 Tote ( ohne Regierungstruppen). Das sind, genau, für so einen amerikanischen Außenminster: Peanuts. Wobei… Der Vernichtungs- und Überlebenskampf des syrischen Baath-Regimes hat mittlerweile weit über 100.00 Tote gekostet. Dabei wird ein Land zerstört und eine weltpolitisch brisante Region destabilisiert. Das herrschende Regime hat also Giftgas eingesetzt –  bloß rund 1000 Tote! – die Amerikaner waren daraufhin gezwungen, ein bißchen mehr als zu Drohnen Zuflucht zu ergreifen, wenn man sie weltpolitisch noch ernst nehmen sollte, beim syrischen Regime brach Panik aus; mit Hilfe Rußlands wurde jedoch das drohende Desaster in einen glänzenden Sieg gegenüber der wankelmütigen und total ziellosen amerikanischen Regierung umgesetzt: Sprich, es ging darum, dass nichts passierte. Und das ist perfekt gelungen. Und alle sind froh drüber. Bis auf diejenigen Syrer, die täglich zum Ziel werden. So oder so.

Also, Fortschritt heißt nun so: mit Panzer überrollt man ein paar Chemiemischbehälter und leere Sprengköpfe, dann muss sich auch sofort der UN-Chef Ban Ki Mun freuen, das ist ja auch ein toller Fortschritt, gleichzeitig wirft das syrische Regime wie gehabt täglich Aerosolbomben auf die Zivilbevölkerung, deren Wirkung könnte man nun ernsthaft mit Giftgas etc. vergleichen, aber, ach, wer wollte das auch genau nachprüfen, ein Obama etwa?

Alle jubeln. In Syrien bewegt sich was. Ganz unten, unterm Leichenhaufen. Etwas Tolles muss passiert sein. Was tatsächlich seit dem großen Giftgasangriff passiert ist: Der Massenmörder Assad hat einen – oh ja – beschränkten Freifahrtschein bekommen. Danke, Mr. President Obama.

Das intellektuell und moralisch verheerende Ergebnis einer solchen Politik lässt sich für Deutschland an der Berichterstattung der „Frankfurter Rundschau“ vorbildhaft demonstrieren. So hieß es da gerade: „Seit mehr als zwei Jahren tobt bereits der Bürgerkrieg in Syrien, vollkommen hilflos und paralysiert sah die Staatengemeinschaft zu. Doch jetzt scheint endlich die Stunde der Diplomatie zu schlagen: Die Zerstörung der syrischen Chemiewaffen beginnt, das Projekt einer neuen Friedenskonferenz nimmt konkrete Züge an.“

Mit anderen und nicht so hübschen Worten: Das bestialische Morden geht weiter. So what. Das syrische Regime setzt seine Luftwaffe mit all ihren „konventionellen“ Waffen weiter ungehindert ein. Hauptsache „Frieden“, demächst, überübermorgen, in zwei Jahren, wie auch immer, Hauptsache die „Frankfurter Rundschau“ und Diktator Assad existieren dann noch immer.

Zwischen solchen zynischen Worthülsen und hilflosem Nichtwissen wird also versucht, eine populäre „Meinung“ zu formulieren. How bizarre: Jetzt soll also „das Projekt einer neuen Friedenskonferenz […] konkrete Züge“ annehmen, so erträumen das jedenfalls Putin wie Obama und deutsche Leitartikler. Wobei der eine ja bereits den Friedensnobelpreis bekommen hat – äh, für was denn nun eigentlich? – und der andere, jedenfalls nachdem er das Baath-Regime Assads noch einmal massiv gestützt hat, sicherlich ein echter Kandidat für diesen längst obskuren Preis ist.

Der Rest ist de facto Gelaber, so wie es gerade der syrische Diktator mit dem „Spiegel“ vormacht: Da gibt nämlich ein Diktator ein tolles, exklusives Interview, die deutsche Zeitschrift munkelt über geheimnisvolle Zugangswege zum Diktatorenbunker, und der ganze Rest sind banale Aussagen a la: Ich bin es doch gar nicht gewesen. Das mit dem Giftgas waren die anderen. Ich kann nämlich mit Messern und Gabeln essen. Ich bin doch ein lieber Diktator!

1000 Giftgastote später darf ein Diktator die Deutschen also mal wieder davon – wie „verschlüsselt“ auch immer – überzeugen können, dass sie doch eigentlich besser 1945 dem Führer weiter gefolgt wären. Das ist allerdings der tiefere Sinn, weshalb scheidende Nahostdiktatoren besonders gerne deutschen Medien zum Schluß noch ein Durchhalteinterview geben.

Sind wir alle längst so korrumpiert, dass wir es mit so armseligen wie brutalen „Strategen“ halten, für die der Freiheitskampf der Syrer bloß etwas ist, dass man am besten mit so etwas Insektenvernichtungsmittel bekämpft? (Oh, ja, da, die Islamisten!) Aber bitte bloß nicht zuviel davon einsetzen! Nur im gesetzen Rahmen! Obama muss das abnicken! Und Putin seinen Stempel druntersetzen. Die UN prüft das nachher.
Und nächstes Jahr, zum Jahrestag 1914/2014 werden wir alle bestimmt besonders betroffen sein.

Warum eigentlich?

Gas on, Assad, gas on.

Oliver M. Piecha, promovierter Historiker, ist Mitherausgeber von “Verratene Freiheit – Der Aufstand im Iran und die Antwort des Westens”

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