Der Club der lebenden Dichter

Von Joachim Helfer am 9. Oktober 2013

Die OECD bescheinigt dem Deutschen Schulsystem wieder einmal schlechte Ergebnisse. Mit dem phantasielosen Ruf nach mehr Geld lassen sich die Schwächen der Schule aber kaum beheben

Die Deutschen lesen schlechter als der Durchschnitt der westlichen Industrienationen. Besonders gut rechnen können sie auch nicht. Das ergibt die neue Bildungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der OECD. Anders als die PISA-Studie derselben Organisation, die regelmäßig den deutschen Schulkindern bestätigt, dass sie nicht zu den Klassenbesten zählen, testet die PIAAC-Studie die Fähigkeiten der Erwachsenen. Etwa ein Sechstel von ihnen, so eines der Ergebnisse, kann nicht besser lesen als ein durchschnittliches zehnjähriges Kind.

Auch das erschreckend schlechte Abschneiden der Erwachsenen ist Ergebnis schlechten Unterrichts: Denn als Kind, in der Schule, hat Bildungschancen verpasst oder nie bekommen, wer als nicht geistig behinderter Erwachsener den Sinn eines einfachen Textes nicht erschließen kann. Was immer Elternhaus, Gesellschaft, Unterhaltungsindustrie oder Jugendkultur zu diesem Versagen beitragen mögen: Der Deutschunterricht an Deutschlands Schulen ist offenkundig schlechter, als er sein müsste und sein könnte. Wenn Finnen und Japaner ihre Muttersprachen im Schnitt um so viel besser beherrschen, als wären sie einige Jahre länger zur Schule gegangen, dann muss man fragen, was wir in unserem Deutschunterricht treiben.

Als Schüler hat mich immer das Schneckentempo genervt, mit dem wir uns bis zum Abitur durch kaum ein Dutzend literarischer Texte gequält haben. Erst wurde über jede zuhause zu lesende Seite gefeilscht, als ob lesen unangenehme Schwerstarbeit wäre. Dann wurde im Unterricht stundenlang herumgerätselt, was der Dichter uns wohl sagen wollte – im Stil jener Pseudowissenschaft, wie sie die Kommilitonen aus den Lehramtsstudiengängen später an der Uni treiben sollten. Am Text ging und geht dieser Deutschunterricht, der Literatur für eine Art Kreuzworträtsel hält, ebenso regelmäßig vorbei wie an den geistigen Bedürfnissen der Jugendlichen. Zeitverschwendung, die weder die nach Vorbildern dürstenden jungen Menschen ernst nimmt, noch die Literatur als unverändert wirksamstes Mittel ihrer Bildung.

200 Klassiker bis zum Abi

Eine mögliche Lösung scheint ein deutlich ehrgeizigerer, verpflichtender Lesekanon für die Schule: Also nicht ein halbes Jahr lang den weisen Nathan besprechen, als handelte es sich um eine Warze; sondern Lessings dramatisches Gedicht in einer Woche lesen, dann aufgeführt angucken, und gut. In der nächsten Woche den nächsten Klassiker, zweihundert bis zum Abitur. Lesen lernt man nur beim lesen. Zu verstehen ist ohnehin nur der Text, der zum Leser spricht, weil er von ihm spricht. Beim Nachplappern, was der Deutschlehrer als „richtige“ Interpretation auswendig gelernt hat, lernt man nur nachplappern.

Einen anspruchsvollen und verbindlichen Lesekanon gibt es zum Beispiel in Italien. Leider landet Italien mit Spanien in der PIAAC-Studie ganz hinten. Der Kanon allein löst das Problem also nicht. Vermutlich braucht es nicht nur mehr Lesefutter an der Schule, sondern auch Menschen, die Lust auf Sprache machen können. Der wunderbare Film „Der Club der toten Dichter“ erzählt davon, wie ein Junglehrer kraft persönlichen Charismas seine Schüler zur Dichtung bringt; oder vielmehr mittels der Dichtung zu sich selbst. Deutschlands Deutschlehrer indes, verbeamtet, überaltert und im Regelfall nicht aufgrund irgendeiner Begabung Lehrer geworden, wird keine Schulreform der Welt in Schamanen der Sprache verwandeln. Was also tun?

Unser reiches Land leistet sich neben schlechten Schulen auch eine große Zahl freier Schriftsteller. Die wenigsten von ihnen können von ihrer Hauptarbeit leben, müssen nebenher Artikel schreiben, übersetzen, redigieren; wenn sie nicht kellnern oder taxifahren. Wie wäre es, dieses Potential echter Sprachkönner gesellschaftlich nützlich zu machen? In den USA steht das Schulfach creative writing in jeder High-school und jedem College auf dem Stundenplan. Unterrichtet wird es – wie andere Fächer auch – oft von externen Lehrkräften, die Berufserfahrung in die Schule bringen. Lerninhalt ist die Fähigkeit, sich sprachlich frei ausdrücken zu können. Dem Lesen stellt es das Schreiben an die Seite. Das eine befruchtet das andere. Ich bin sicher, dass ein von Fachleuten unterrichtetes Pflichtfach „Freies Schreiben“ mehr für das Textverständnis deutscher Schüler und späterer Erwachsener tun würde, als die nun reflexartig erhobene Forderung nach mehr Geld für die Schulen. Schlechter Unterricht wird nicht dadurch besser, dass es mehr davon gibt.

Joachim Helfer, Schriftsteller in Berlin, hat als Dozent bisher nur angehende Schriftsteller unterrichtet. Viel lieber würde er in Schulen arbeiten, wenn es hierzulande üblich und möglich wäre.

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