Der widersprüchliche Nobelpreis

Von Mathias Ohanian am 15. Oktober 2013

Das Komitee in Stockholm hat es fertig gebracht, diesmal den Preis an zwei Wirtschaftswissenschaftler zu verleihen, deren Theorien sich widersprechen. Und das ist auch gut so

Dem Stockholmer Nobelpreiskomitee ist es bis gestern hervorragend gelungen, die schwerste Finanzkrise seit 80 Jahren auszublenden: Seit 2009 wurden Wissenschaftler geehrt, die Koordinationsprobleme auf Arbeitsmärkten untersuchen. Einmal ging der Preis an Ökonomen, deren Arbeiten jahrelang auf der umstrittenen Annahme des sogenannten „Homo Oeconomicus“ beruhten.

Schön und gut – und manchmal auch ein wenig relevant fürs richtige Leben. So richtig traute sich die schwedische Institution jedoch nicht an die Finanzkrise heran. Obwohl mit ihr rund um den Globus Millionen Arbeitsplätze zerstört und ganze Existenzen vernichtet wurden. Und auch die Ökonomie in ihren Grundfesten erschüttert wurde.

Bis gestern. Die diesjährige Vergabe des Nobelpreises zeichnet ein beeindruckendes Bild der inneren Zerrissenheit der Wirtschaftswissenschaft. Als einer von drei Forschern wurde Eugene Fama von der Universität Chicago ausgezeichnet, der bereits in den 1960er Jahren nachwies, dass man aus der Kursentwicklung einer Aktie nichts über ihren zukünftigen Verlauf aussagen könne. Kurzfristig könne man an der Börse ohnehin nichts prognostizieren, so Fama.

Das Entscheidende jedoch: Bis heute hängt der Chicagoer der Vorstellung nach, dass Finanzmärkte normalerweise effizient arbeiteten. Nicht einmal das Wort Spekulationsblase kommt ihm über die Lippen. Und genau hier unterscheidet sich Fama diametral vom zweiten Preisträger (der dritte ist mit Lars Hansen ein nur in Fachkreisen bekannter Statistiker): Der Yale-Ökonom Robert Shiller betont seit Jahren, wie oft Finanzmarkakteure irrational handeln, wie sie sich von Emotionen leiten lassen und manchmal blindlings der Herde in verlustreiche Investments folgen.

Unter Experten sorgte diese Entscheidung im Netz teilweise für Unverständnis. Dabei ist genau dieser offene Diskurs notwendig, um die Ökonomik nach der Krise zu erneuern. Es ist an der Zeit, althergebrachte Modelle zu überprüfen – gegebenenfalls zu erneuern und womöglich zu ersetzen. Die gleichzeitige Vergabe des Nobelpreis an den Vater der Effizienzmarkthypothese, Eugene Fama, und den Vater der Nicht-Effizienz, Robert Shiller, ist deshalb ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Mathias Ohanian arbeitet als Wirtschaftsredakteur in der Schweiz. Der frühere Weltwirtschaftsredakteur der  “Financial Times Deutschland” schreibt die OC-Kolumne „It’s the economy“ jeden zweiten Dienstag.

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