Holland am Pranger – zu recht

Von Angelika Dehmel am 25. Oktober 2013

Einer niederländischen Tradition geht es an den Kragen. Die Vereinten Nationen werfen den Niederländern vor, ihr Nikolaus-Fest sei rassistisch und müsse abgeschafft werden. Der Vorwurf mag wie eine Posse klingen – aber er ist berechtigt

Die Niederlande haben es wirklich schwer zur Zeit, da braucht man nur an Stichworte wie Immobilienkrise oder Rezession zu denken. Doch jetzt geht es wirklich zur Sache: Die Vereinten Nationen wollen den Niederländern ihr Nikolaus-Fest verbieten – wegen Rassismus. Und damit hätten sie sogar Recht.

In unserem Nachbarland gibt es nicht wie in Deutschland am 24. Dezember die Geschenke, sondern am 5. Dezember. Gebracht werden sie von Sinterklaas, dem niederländischen Nikolaus, und dem holländischen Pendant zu Knecht Ruprecht – dem Schwarzen Piet (Zwarte Piet). Und hier liegt das Problem: Piet ist, wie der Name schon sagt, schwarz. Die Vorsitzerin der UN-Arbeitsgruppe, die den Fall untersucht, wirft den Niederländern vor, diese Tradition sei ein Schritt zurück in die Sklaverei. Deswegen müsse das Fest gestoppt werden.

Selten haben sich die Niederländer mehr über etwas empört als diese Forderung. Im Nu gab es eine „Pietitie“ auf Facebook, die schon rund zwei Millionen Likes hat. Als ich das erste Mal über den Rassismusvorwurf las, war ich ebenfalls entrüstet über dieses meiner Ansicht nach überzogene Maß an politischer Korrektheit.

Weiße Männer mit schwarzer Schminke
Ich selbst habe bereits ein echtes niederländisches Sinterklaas-Fest mitgemacht. Die Zwarten Piete, die man in Holland beim großen Umzug des Sinterklaas‘ sieht, werden dargestellt von weißen Männern. Sie tragen schwarze Clownsperücken, Pagenkostüme mit Puffärmeln und Strumpfhosen und haben schwarz angemalte Gesichter mit dicken, roten Lippen. Ungefähr wie der frühere Sarotti-Mohr (der inzwischen längst abgeschafft wurde, ebenfalls wegen Rassismus).

Der Zwarte Piet wird von den Kinder geliebt, denn er bringt als Helfer von Sinterklaas Süßigkeiten und Geschenke. Was für eine lustige und süße Tradition, dachte ich – und war mitten drin im Alltagsrassismus, der einem nicht mehr bewusst ist, weil er ja so klein und so harmlos ist. Deswegen bin ich das perfekte Beispiel dafür, warum es den Zwarten Piet in dieser Form nicht mehr geben darf.

Es tut weh, Traditionen der Moderne anzupassen, und es klingt häufig genug absurd, wenn man den Missstand das erste Mal anspricht. Aber trotz anfänglicher Umgewöhnungsschmerzen wurde hier in Deutschland aus dem Negerkuss der Schokokuss, aus der Negerprinzessin Pippi Langstrumpf eine Südseeprinzessin, und auch die Zigeunersauce könnte bald weichen. Das ist nicht kleinkariert, das ist nur konsequent, damit sich nicht hinterrücks etwas ins Gehirn einschleicht, was man da nie haben wollte: Das Gefühl der Normalität für etwas, das nicht normal oder gar in Ordnung ist.

Die Niederlande sollten sich deswegen vom Schwarzen Piet in seiner jetzigen Form trennen. Dazu muss man nicht gleich den Piet oder gar das Sinterklaas-Fest komplett abschaffen, es reichen ein neues Outfit und die Streichung des Schwarz im Namen, so dass nur noch Piet übrig bleibt. Ein Helfer für Sint ist völlig in Ordnung. Ein schwarzer Sklave im albernen Kostüm ist es nicht. Selbst wenn es ihn schon seit Jahrzehnten gibt.

Angelika Dehmel, Autorin in Hamburg, hat dank eines Stipendiums einige Zeit bei einer niederländischen Zeitung gearbeitet. Dieses Jahr wird sie das zweite Mal das Sinterklaas-Fest in Holland feiern – diesmal etwas kritischer als beim ersten Mal.

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Joachim Helfer am 25. Oktober 2013

Rassismus ist die Ideologie, aus der heraus Menschen ihrer Hautfarbe wegen benachteiligt oder bevorzugt werden. Rassismus liegt keinesfalls einfach im Auge des Betrachters; er setzt eine bestimmte ausgrenzende und herabwürdigende Absicht voraus. Nichts davon kann ich bei diesem Brauch der Niederländer erkennen: Nicht die Ideologie, nicht die Benachteiligung, nicht die böse Absicht. Die UN erliegen hier einem Wahn, der paranoide und totalitäre Züge aufweist.

Hannah Wettig am 26. Oktober 2013

Naja, es stellt sich schon die Frage, warum der Swate Piet denn im Pagenkostüm mit Puffärmeln auftritt. Dabei gleich die Wiedereinführung der Sklaverei zu wittern, ist ziemlich übertrieben. Es wird allerdings eine überholte und abzulehnende Hierarchie dargestellt - das aber passiert in den meisten anderen Ländern, die Weihnachten feiern auch: Der Weihnachtsmann hat in den Engeln tätige Helfer. Die Engel sind in der Regel als süße Mädchen dargestellt. Genau betrachtet ist das so sexistisch wie der Swate Piet rassistisch ist. Man sollte darüber reden, ob man das nicht anders darstellen kann. Aber eine Aufgabe für die UN ist das hoffentlich nicht.

Joachim Helfer am 27. Oktober 2013

Engel = kleine Mädchen? Seltsam, warum heißen die Oberengel denn dann Gabriel und Michael? Tatsächlich waren die Engel ursprünglich eindeutig männlich, um dann im Laufe der mittelaltlerlichen Schriftenauslegung immer geschlechtsloser zu werden. Weiblich waren sie indes nie; noch die fettste nackte Putte des Barock und Rokkoko hat unfehlbar ein Pimmelchen ...