Einer FAZ unwürdig

Von Mathias Ohanian am 12. November 2013

Die Aufräumarbeiten der Finanzkrise dauern fünf Jahre nach ihrem Ausbruch noch immer an. Und bei der Ursachenforschung tappen auch renommierte Medien im Dunkeln

In einer Sache sind sich die führenden Staatschefs der großen Industrienationen einig: Hohe makroökonomische Ungleichgewichte bergen die Gefahr, die Weltwirtschaft zu destabilisieren – und im Extremfall in den Abgrund zu ziehen.

Diese Ansicht teilt auch die Bundesregierung. Sie hat dem makroökonomischen Überwachungssystem der EU-Kommission zugestimmt, das unter anderem vorsieht, Leistungsbilanzüberschüsse von mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung im Extremfall zu sanktionieren. Und das, obwohl Berlin stolz auf die Exportstärke der deutschen Wirtschaft ist.

In diesen Tagen wird es ernst für Berlin – Brüssel veröffentlicht eine Analyse, die Deutschland zu Maßnahmen auffordern könnte, um den weltweit unerreichten Außenüberschuss abzubauen. Der Washington-Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Patrick Welter, hat sich dem Thema nun angenommen. Und sein Kommentar enthält einige Fehler und Unstimmigkeiten, die einer so angesehenen Zeitung wie der „FAZ“ unwürdig sind.

Es ist großartig, wenn eine liberale Zeitung Haltung zeigt. Und an ihrer Leitlinie mit stichhaltigen Argumenten festhält. Aber die Argumente Welters sind schwach, seine Analyse ist teilweise haarsträubend falsch.

Er schreibt: Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss besteht – abgesehen von wenigen Jahren nach der Wiedervereinigung – seit Jahrzehnten. Wahr ist, dass die deutsche Wirtschaft nach 1990 eine ganze Dekade lang regelmäßig mehr Waren und Dienstleistungen importierte als exportierte. Von „wenigen Jahren“ kann schon mal nicht die Rede sein.

Dreister jedoch: Seit dem Zweiten Weltkrieg verbuchte Deutschland zwar in vielen Jahren Überschüsse – doch die waren bis Mitte der 1980er Jahre oft vernachlässigbar gering. In gerade einmal rund einem halben Dutzend Jahren lag der Überschuss bei über zwei Prozent des BIP. Das heute international kritisierte deutsche Ungleichgewicht liegt seit einigen Jahren bei knapp sieben Prozent. In den gesamten 70er Jahren wurden knapp 90 Milliarden D-Mark Überschuss erwirtschaftet – allein im vergangenen Jahr waren es hingegen 190 Milliarden Euro. Nur im Jahr 2012 lag der Außenüberschuss in absoluter Rechnung also mehr als viermal höher als in einer Dekade.

Das sollte zu denken geben. Aber im Gegenteil: Laut Welter ist die von internationalen Organisationen als zu niedrig angeprangerte Investitionsbereitschaft der deutschen Wirtschaft ein Resultat der rationalen „Zurückhaltung deutscher Unternehmer, angesichts der politischen Unwägbarkeiten der Währungsunion“. Welter hat recht, die deutschen Investitionen sanken bis vor kurzem zwei Jahre ohne Unterbrechung – das kann womöglich teilweise auf die Krisen-Unsicherheit zurückgeführt werden.

Doch auch in Schnitt der vergangenen Dekade zeigt sich: In Deutschland wird kaum Geld für neue Maschinen und Anlagen ausgegeben. Die entsprechende Quote liegt laut IWF seit 2003 im Schnitt bei rund 17,8 Prozent vom BIP. Abgesehen von Großbritannien wurde im gesamten letzten Jahrzehnt in allen anderen G7-Staaten mehr investiert als in Deutschland. Ähnlich auffällig ist die deutsche Investitionsschwäche im Vergleich mit einem erweiterten Kreis von 35 fortgeschrittenen Volkswirtschaften rund um den Globus.

OECD, IWF und jetzt die EU-Kommission in Brüssel: Wenn so viele Organisationen rund um den Globus Deutschland daran erinnern, dass ein wirtschaftliches Gleichgewicht wünschenswert sei – warum halten deutsche Meinungsmacher nicht einen Augenblick inne und nehmen das als Anlass zu etwas mehr Selbstreflexion?

Zumal es doch im eigenen Interesse wäre. Das Schöne an der Makroökonomie ist, dass – platt gesagt – alles mit allem zusammenhängt. Deshalb ist die Analyse Welters einmal mehr höchst fragwürdig. Deutschland exportiert viele wertvolle Autos und Maschinen – und das Geld dafür wird von hiesigen Banken in windige Papiere angelegt, von denen niemand weiß, ob sie langfristig überhaupt Rendite bringen. Dabei sollte das Erlebte eine Mahnung sein: Deutsche Banken waren mit am stärksten am US-Hypothekenmarkt und in Südeuropa investiert. Es mussten bis heute viele Milliarden Euro abgeschrieben werden. Warum in aller Welt soll man für die Erhaltung eines solchen Zustands Partei ergreifen?

Mathias Ohanian arbeitet als Wirtschaftsredakteur in der Schweiz. Der frühere Weltwirtschaftsredakteur der “Financial Times Deutschland” schreibt die OC-Kolumne “It’s the economy” jeden zweiten Dienstag. Er twittert unter @mathiasohanian.

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