Gut vergeigt, Thorsten Schäfer-Gümbel

Von Andreas Theyssen am 22. November 2013

Die SPD war auf der Siegerstraße, weil sie in den Koalitionsverhandlungen mit der Union mehr durchsetzt als ihr Wahlergebnis eigentlich hergibt. Doch dann kam der Hesse Thorsten Schäfer-Gümbel

Erinnern Sie sich an Hessen? Das ist dieses kleine Bundesland im Herzen Deutschlands, das am gleichen Tag wählte, an dem Angela Merkel ihren großen Wahlsieg einfuhr. Jenes Bundesland, in dem am Tag nach der Wahl die politischen Konstellationen genauso vertrackt waren wie im Bund. Der amtierende CDU-Regierungschef Volker Bouffier hatte zwar die meisten Stimmen geholt, aber da sein bisheriger Koalitionspartner FDP massiv schwächelte, reichte es nicht zur erneuten Regierungsbildung. Und der SPD
standen völlig neue Möglichkeiten offen.

Das war die Stunde von Thorsten Schäfer-Gümbel, dem sozialdemokratischen Landeschef. Er hatte die Wahl zwischen Rot-Rot-Grün und Schwarz-Grün. Er sondierte lange herum, bekundete dann Anfang dieser Woche, dass aus inhaltlichen Gründen eine Koalition mit Grünen und Linkspartei nicht möglich sei. Nur: Auf eine Große Koalition wollte er sich auch nicht festlegen. Da reichte es CDU-Mann Bouffier und kündigte schwarz-grüne Koalitionsgespräche an.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, wusste schon Michail Gorbatschow. Doch Schäfer-Gümbel hat es durch sein Zaudern nicht nur in Hessen vergeigt; er könnte auch in die Geschichte eingehen als der Mann, der den Bundeskanzler Sigmar Gabriel verhindert hat.

SPD-Bundeschef Gabriel hat in den vergangenen Wochen für seine Verhältnisse sehr viel richtig gemacht. Trotz des miserablen Wahlergebnisses hat er sich wie der eigentliche Wahlsieger geriert, der Union in den Koalitionsverhandlungen mehr abgetrotzt, als es einer 25-Prozent-Partei eigentlich zusteht; Angela Merkel hatte eben keine Alternative zur SPD.

Die hat ihr nun Schäfer-Gümbel geliefert. Da die hessischen Grünen nun mit der CDU koalieren werden, sind die Alternativen kein sicherer Partner mehr für Rot-Rot-Grün, das Gabriel für 2017 mit ihm als Kanzler anstrebt. Gelingt Schwarz-Grün in Hessen, ist das auch eine Option für den Bund. Denn auch den Grünen ist klar geworden, dass die ewige Abhängigkeit von der SPD als einzigem Bündnispartner auf Dauer keine Perspektive ist. Hinzu kommt, dass Angela Merkels CDU nun die Grünen massiv umwirbt – zu groß war der Schock, als Gabriel kürzlich einen Parteitagsbeschluss fassen ließ, dass künftig auch rot-rot-grüne Koalitionen für die Bundes-SPD drin sind.

So geht die Union nicht nur in Hessen auf die Grünen zu, sondern auch im Bund. Dort lassen jüngere CDUler und Grüne gerade die Pizza-Connection aus den 90er Jahren wiederaufleben. Sie wollen sich künftig regelmäßig treffen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken und Vertrauen aufzubauen. Dass damit auf eine mögliche schwarz-grüne Koalition im Bund für 2017 hingearbeitet wird, dementiert niemand. Wenn bis dahin auch noch Schwarz-Grün in Hessen funktioniert hat, wird nicht einmal mehr die CSU Einwände erheben, solch eine Koalition auch im Bund anzustreben. Und wer hat’s letztendlich möglich gemacht? Thorsten Schäfer Gümbel, der Zauderer aus Wiesbaden.

Andreas Theyssen, Mitgründer des Opinion Club, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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