Maximallohn ist Blödsinn

Von Mathias Ohanian am 26. November 2013

Die Schweizer haben die gesetzliche Deckelung von Manager-Gehältern abgelehnt. Und das ist auch gut so. Denn staatlich festgelegte Lohnobergrenzen ergeben keinen Sinn

In der Schweiz finden die Menschen mit ihren Problemen und Sorgen besonderes Gehör. Lassen sich innerhalb von 18 Monaten über 100 000 Unterschriften für eine Initiative sammeln, wird darüber landesweit abgestimmt – egal wie hanebüchend der Vorstoß ist.

Am Sonntag votierten die Schweizerinnen und Schweizer gegen einen staatlichen Lohndeckel. Die Initiative „1:12“ hätte vorgeschrieben, dass der bestverdienende Mitarbeiter eines Unternehmens nicht mehr als zwölfmal so viel verdienen dürfte wie der am schlechtesten bezahlte. 65 Prozent der Stimmberechtigten lehnten die Idee ab. Das Ergebnis fiel deutlicher aus als Umfragen lange vermuten ließen.

Warum der Faktor 12 gewählt wurde und nicht 10 oder 20 – das wurde weder ökonomisch noch politisch gerechtfertigt. Die Zahl hatten sich die Jungsozialisten ausgesucht und in den Initiativtext geschrieben. Interessant ist, dass in einer repräsentativen Umfrage für die „Welt am Sonntag“ nun drei von vier Deutschen angaben, dass sie für eine solche Deckelung votiert hätten, wäre es in der Bundesrepublik zur gleichen Abstimmung gekommen. Dieses Ergebnis ist beachtlich. Entsprechend ließ die SPD die Gelegenheit nicht verstreichen, sich als Robin Hood zu gerieren: Wo der freie Markt versage, müsse der Staat versuchen, für Gerechtigkeit zu sorgen, so Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann.

Dieses Ansinnen ist löblich, aber falsch. Natürlich ist die Lohndivergenz in Deutschland viel zu hoch. Ein Chef eines großen Konzerns verdient inzwischen 190-mal mehr als ein einfacher Mitarbeiter, zeigen Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation Ilo. Doch mit einem willkürlich festgelegten Lohndeckel wird dieses Problem nicht vernünftig behoben. Damit wird allenfalls ein Symptom bekämpft, aber nicht die Ursache der gestiegenen wirtschaftlichen Ungleichheit in Deutschland in den vergangenen Jahren.

Warum können Banken und andere Finanzinstitute die Gehälter zahlen, die sie zahlen? Vieles spricht dafür, dass der Grund dafür in der Deregulierungswelle zu finden ist, die Ende der 1970er Jahre den Bankensektor erfasste. Banken können seitdem immer höhere Risiken auf sich nehmen, die erst zu massiven Gewinnen führten – und in der Finanzkrise schließlich zu riesigen Verlusten.

An den Gewinnen wurden die Mitarbeiter mit Lohnsteigerungen beteiligt, an den Verlusten die Bürger. Sie durften als Helfer in der Not einspringen. Und hier ist der Kern der Problems zu finden: Wenn der Finanzsektor vernünftig reguliert wird und der Steuerzahler nicht mehr für die Verluste von dubiosen Bankgeschäften aufkommen muss, sinken die Gewinne automatisch – und in der Folge die Löhne. Zu beobachten ist das in der Schweiz bereits: Die Großbanken UBS und Credit Suisse ändern von Grund auf ihr Geschäftsmodell.

Sollte es am Ende dennoch einen Konsens geben, dass die wirtschaftliche Ungleichheit zu groß ist – dann sollten die hohen Einkommen progressiver besteuert werden. Diesen Weg geht bis heute sehr erfolgreich Schweden.

Denn sicher ist: Der Verteilungskampf hat gerade erst begonnen. In Deutschland wird der Mindestlohn kommen. In der – laut OECD übrigens wirtschaftlich vergleichsweise ausgeglichenen – Schweiz wird im kommenden Jahr über einen gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 4000 Franken abgestimmt. Auch die Erbschaftssteuer steht auf dem Prüfstand. In zwei Jahren wird dann über das bedingungslose Grundeinkommen entschieden.

Mathias Ohanian arbeitet als Wirtschaftsredakteur in der Schweiz. Zuvor schrieb er für die “Financial Times Deutschland” über Weltkonjunktur und wirtschaftspolitische Themen. Er twittert unter @mathiasohanian.

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