Es tut auch kaum noch weh

Von Falk Heunemann am 5. Dezember 2013

Das Jahr seit der letzte Ausgabe der „Financial Times Deutschland“ hat sich anders entwickelt als damals von vielen gedacht. Vier Einsichten eines Ex-FTDlers

Ach, was haben wir gezittert, geweint und gejammert. Damals, vor ziemlich genau einem Jahr, als die letzte Ausgabe der „Financial Times Deutschland“ erschien. Das war doch unser Projekt, unsere Familie, unser Kleine-Brötchen-Geber. Was nun kommen würde, glaubten wir zu wissen: Nichts wird so sein, wie es mal war, der Wirtschaftsjournalismus ist tot, der Journalismus und Print sowieso. Wir werden unseren Job verlieren, hungern, darben. Die Kollegen der anderen Magazine nahmen unser Schicksal als Menetekel der Medienkrise oder wenigstens als Chance, eine einfach zu recherchierende Geschichte aufzuschreiben. Sogar der NDR drehte über uns eine halbstündige Dokumentation.

Diesen Samstag jährt sich die allerletzte Ausgabe zum ersten Mal. Diesmal werden wir nicht weinen. Fast alle von uns kommen in eine Bar im Hamburger Schanzenviertel, es gibt viel Alkohol, viele Anekdoten, und vor allem viele „Und was machst du jetzt so?“-Fragen.  Wir werden dann einander viel zu erzählen haben. Denn das Jahr hat sich nicht so entwickelt, wie wir es geglaubt haben: vier Lehren aus diesen zwölf Monaten

1.  Hurra, wir arbeiten noch. Oder vielmehr: wieder. Was haben wir vor einem Jahr vor dem Arbeitsmarkt gezittert, haben uns Schreckensszenarien vorgemalt, wie wir uns mit billigen Nebenjobs und Taxifahren ernähren müssen. Doch so schlimm kam es nicht. Der Arbeitsmarkt für Journalisten lebt. Die meisten von uns sind untergekommen, mehrheitlich auch in guten wie gutbezahlten Jobs. Frühere Ressortleiter wurden Chefredakteure bei Regionalzeitungen, Fachredakteure gingen zu Fachmagazinen, mehrere konnten bei den weitergeführten Magazinen „Impulse“ und „Capital“ weitermachen.  Nicht wenige machten sich selbstständig, wie Feingold Research, Fail Better Media oder das Büro SchreiberDohms. Wenige stiegen komplett der Branche aus und wurden Coaches und Tortenbäcker (Tarte Novelle). Nur die Älteren haben es leider schwer, trotz ihrer Erfahrung.

Und dann ist da ja die andere Seite: Vielleicht ein Viertel der ehemaligen Redakteure ist jetzt Sprecher einer Bank, einer Institution oder erstellt Magazine für Kunden (Corporate Publishing). Nicht, weil sie nichts anderes fanden. Sondern weil sie einen Arbeitsplatz angeboten bekamen, bei denen man mal auf der Seite der Entscheider sitzt. Und: Weil sie oft gut zahlen. Besser als damals bei der FTD in jedem Fall.

Erstaunlich allerdings: Die großen Namen – SZ, „Zeit“, „Spiegel“, – haben nur zögernd auf diesen riesigen Pool an freien Redakteuren zugegriffen. Und wenn, dann oft nur als Pauschalisten statt Festanstellungen, und auch nur in Randressorts, nicht etwa in Politik, Wirtschaft, Unternehmen, Finanzen. Der „Stern“, der ebenfalls bei Gruner-Jahr erscheint, stellte einst Unbefristete nur befristet  für ein Jahr ein. Meist allerdings nicht, weil sie nicht wollten. Ihr Verlag räumte ihnen einfach keine weiteren Stellen ein. Nun jedoch sind die damals Verfügbaren weg vom Markt. Pech für SZ, „Zeit“, „Spiegel“ und Co.

2.  Die Medienkrise ist eine Verlagskrise: Wer wissen wollte, warum die FTD gescheitert ist, muss nur ihren Verlag Gruner+Jahr in den letzten zwölf Monaten beobachten. Wie er wochenlang zur Schließung schwieg, während alle Medien schon darüber berichteten. Wie die Verlagsführung erst unser Magazin „Business Punk“ lobte und dann dessen Macher vergraulte. Wie sie eine Strategie als „House of Content“ formulierte, in der das Wort Journalismus nicht einmal mehr vorkommt. Wie sie nun funktionierende Redaktionen – und Geschäftsmodelle – wie „Neon“ aus verlagstaktischen Gründen ruiniert.

Hätte die Zeitung Journalismus so betrieben wie der Verlag verlegt, die Leser wären uns zu Recht fortgelaufen. Dabei stellt sich Gruner+Jahr kaum dümmer an als andere. Allenfalls plumper. Die andern wecken auch nicht gerade Vertrauen in ihre Kompetenz. Man beachte nur, wie die Funke-Gruppe ihre prosperierenden Regionalzeitungen kaputtreformiert, oder wie Burda glaubt, dass ihre Huffington-Post-Sparversion tatsächlich irgendjemand ernst nehmen kann.

3.  Die Transparenzbranche Journalismus mag keine Transparenz, wenn es um Stellen geht. Bei einer Behörde, einem Konzern, einer PR-Klitsche ist es selbstverständlich: Wenn eine Stelle frei wird, dann wird sie auch ausgeschrieben. Möglichst viele sollen von dem Job erfahren und sich bewerben, damit der Arbeitgeber dann die bestmögliche Auswahl hat.

Bei Medien ist das anders. Freie Stellen werden hier kaum ausgeschrieben, und wenn, dann nur im eigenen Verlag und oft auch nur formell, weil der Neue schon von den Ressortleitern oder der Chefredaktion auserkoren wurde. Diese Weisen aus den Chefetagen trauen dem Markt offenbar nicht, sondern nur ihrem Umfeld. Sie setzen lieber auf Mundpropaganda, Beziehungen und Empfehlungen. Die meisten von uns, die bei besseren Adressen unterkamen, wussten davon nicht aus Stellenanzeigen. Sie erfuhren es von Kollegen, unter der Hand. Oder wurden mündlich empfohlen. Als wenn Medien eine Geheimsekte wären. Oder sich verstecken müssten.

Dabei schaden sich die Chefredaktionen mit solcher Intransparenz nur selbst. Die Zeiten, in denen irgend jemand den Medienmarkt überblicken konnte und die besten Schreiber oder Rechercheure kannte, die sind vorbei. Der Markt ist dafür zu groß, das Internet zu vielseitig, die Karrieren zu wechselhaft. Auch sich nur auf Initiativbewerbungen zu verlassen, ist gefährlich. Wer Journalist werden will, bewirbt  sich nicht automatisch bei ihm bekannten Mediennamen. Das Misstrauen in ihre Qualität und ihre Jobsicherheit ist gewachsen. Zumal wenn keine Stellen ausgechrieben sind. Wohl aber bei der Konkurrenz: Blogs,  Startups, Medienagenturen, Corporate Publishing, Unternehmen und staatliche Institutionen. Sie bieten mehr Geld, mehr Freiheiten oder auch mehr Einblick in Machtstrukturen.

Chefredaktionen lassen gute Journalisten einfach vorbeiziehen, wenn sie weiter darauf vertrauen, dass die sich schon von selbst bei ihnen melden werden. Die Redaktionen müssen auf sich aufmerksam machen, um neue Kräfte werben, einfach mal wieder zeigen, dass sie als Arbeitgeber tatsächlich offen sind. Und auch, um mal andere Bewerber kennenzulernen statt immer die selben.

Das Schlimmste, was passieren kann, ist doch nur, dass die Personalentscheider ein paar Bewerbungen mehr als bisher lesen müssen.

4.  Nein, die Zukunft des Journalismus liegt nicht im Netz. Zumindest, solange man sich eingesteht, dass Journalisten letztlich Nachrichten-Handwerker sind und wie Handwerker auch bezahlt werden müssen. Für ihre Zeit, ihre Ausbildung, ihre Erfahrung. Den meisten ist es dabei sogar egal, ob sie für Print oder Online schreiben, ob für ein neues Blog oder eine alte Zeitung. Sie wollen aber für ihre Fähigkeiten und ihre Arbeit entlohnt werden, um sie professionell betreiben zu können. Wer anderes glaubt, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, war Kommentarredakteur der „Financial Times Deutschland“. Er schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Alex am 6. Dezember 2013

Zizat:

"Nein, die Zukunft des Journalismus liegt nicht im Netz. Zumindest, solange man sich eingesteht, dass Journalisten letztlich Nachrichten-Handwerker sind und wie Handwerker auch bezahlt werden müssen. Für ihre Zeit, ihre Ausbildung, ihre Erfahrung. Den meisten ist es dabei sogar egal, ob sie für Print oder Online schreiben, ob für ein neues Blog oder eine alte Zeitung. Sie wollen aber für ihre Fähigkeiten und ihre Arbeit entlohnt werden, um sie professionell betreiben zu können. Wer anderes glaubt, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann."

Oh, das ist aber sehr zu kurz gegriffen und zeugt von blanker Unkenntnis mancher Online-Medien. Ein Blog ist zum Beispiel etwas ganz anderes als eine Print-Zeitung. Der entscheidende Unterschied liegt in der Interaktivität. Auf einen Print-Artikel kann man einen Leserbrief schreiben, der dann vielleicht erscheint. Wenn man Glück hat - meistens nicht - erhält man noch eine Antwort. Blogs dagegen sind zum Diskutieren gedacht. Da ist der Journalist gezwungen, sich mit Nachfragen und mit Argumenten, seien sie sinnig oder unsinnig, auseinanderzusetzen. Das verlangt ihm ganz andere Fertigkeiten ab als die des klassischen Journalismus, bei dem man man sich mit der Lesermeinung quasi nicht auseinandersetzen muss.

Falk Heunemann am 6. Dezember 2013

@Alex
In der Tat funktioniert ein Blog etwas anders als eine Zeitung, was den Kontakt zu den Lesern betrifft. Ich wurde dort allerdings regelmäßig angeschrieben und angerufen von den Lesern - und jeder erhielt eine Atwort, sofern es keine Pöbeleien waren. (Die Rückmeldungen waren mir sehr recht, ich wollte ja auch wissen, wie meine Artikel ankommen - und den meisten meiner Kollegen geht es ähnlich)
Dass der Leserkontakt durch das Netz noch mehr intensiviert wird, ist gut - für beide Seiten. An den Grundfähigkeiten des Journalisten ändert das freilich wenig. Er muss weiterhin recherchieren können, seine Fakten und Argumente komprimiert und verständlich darlegen, das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Wenn er mehr Zeit künftig mit Leserkommunikation verbringt als bisher, dann soll das gern so sein. Seine Hauptaufgabe bleibt aber nicht Debatte, sondern Sortierung, Gewichtung, Recherche, Darstellung und Einordnung.
Er erlernt dies durch jahrelange Berufserfahrung, Studium, Berufsausbildung (Volontariat/Journalistenschule). Und er will davon leben können, damit er es in Vollzeit und professionell ausüben kann. Irgendwer muss ihn dafür also bezahlen. Das klappt aber im Netz immer noch nicht so recht. Spiegel Online und New York Times sind Ausnahmen, nicht repräsentativ. Selbst der Guardian macht immer noch Millionenverluste. Das Blog LousyPennies etwa sammelt Beispiele, wie mühevoll das Geldverdienen ist - und sich denn dann doch nicht im Netz wirklich rechnet. Stefan Niggemeier (der von seinen Faz-Artikeln lebt) hat mehrfach aufgeschrieben, wie wenig er durch Flattr und andere Bezahldienste einnimmt. Er kommt, wie auch das Lawblog, auf wenige hundert Euro im Monat. Trotz deren Prominenz. Die Spendenaktion bei der taz kann keine Stellen finanzieren. Prominente Blogger wie Gutjahr verdienen ihr Geld weiterhin in den alten Medien, nicht in den neuen.
Ich will keine Journalisten (egal ob online oder Print), die darauf angewiesen sind, ihren Lebensunterhalt durch andere Job zu bestreiten, etwa Werbung, Corporate Publishing oder auch als Cafebedienung. Das schmälert ihre Möglichkeiten, professionell, unabhängig, qualitativ hochwertig und kontinuierlich als Journalist zu arbeiten. Das will ich nicht nur aus eigenem Interesse, sondern weil ich professionellen Journalismus für essenziell halte. Wer qualitativ hochwertigere Medien will, darf sich nicht weniger Professionalität wünschen, wenn es um ihre Macher geht. Ich habe nichts dagegen, im Netz zu arbeiten - und von ihm bezahlt zu werden. Nur: Beides funktioniert einfach bislang immer noch nicht. Deswegen liegt die Zukunft des professionellen Journalismus für mich nicht im Netz.

carola am 6. Dezember 2013

Wo liegt sie denn dann? Welcher Verleger hat denn heute noch Interesse an gutem, professionellen Journalismus? Der ist ihm in Wahrheit doch völlig schnuppe. Wieso sonst sparen die meisten von ihnen als allererstes in den Redaktionen, wenn's mal eng wird? Befristete AT-Verträge mit teils unmoralischen Einstiegsgehältern, Kooperationen mit Firmen - alles Dinge, die nicht dazu beitragen, das Redakteure frei und unabhängig agieren und ihren Job so machen können, wie sie in vielleicht einmal gelernt haben. Der Journalismus bleibt auf der Strecke, das ist heute schon sehr deutlich zu sehen. Nicht bei den Großen, SZ, Zeit usw. , aber bei den kleinen Regional- und Lokalzeitungen passieren mittlerweile Dinge, die sich früher keiner hätte vorstellen können. Die Alternative ist einzig und allein das Netz. Fast fehlt, und da hast Du völlig Recht: ein tragfähiges Geschäftsmodell. Ich werde mal nachdenken . .. :-)

Christian Salewski am 6. Dezember 2013

Danke Falk für den Gruner-Anschiss, den man nicht oft genug wiederholen kann. Erinnern wir uns: Der Weg zur magazinigen Wochenzeitung plus (mobilem) Digitalangebot war bei der FTD bereits beschritten, der Dummy lag in der Schublade, die junge und kreative Truppe stand Gewehr bei Fuß. Man hätte aufschließen können zu denen, die noch Geld verdienen, den Wochenzeitungen und Magazinen. Welcher Verlag, der ernsthaft an der Zukunft des Qualitätsjournalismus interessiert ist, schmeißt das alles einfach weg? Ja, es hätte noch einmal Geld gekostet, aber es hätte der Showcase dafür werden können, wie man eine Tageszeitung ins digitale Zeitalter überführt. Für 50 Mio. Abfindungen wäre man auf diesem Weg weit gekommen. Stattdessen jetzt also House of Kochrezepte und zugucken, wie die anderen für viel Geld da anfangen, wo die FTD schon lange war. Das war und ist eine unglaubliche und plumpe Dummheit, ein Eingeständnis der Einfallslosigkeit und der Aufgabe verlegerischen Anspruchs!

In einem Punkt aber Widerspruch: Die Unterscheidung zwischen Netz und Print ist künstlich und vor allem schon lange obsolet. Ob als Verlag oder als (freier) Journalist – wer nicht lernt, seine Geschichten in allen Kanälen parallel zu denken, wird keine Zukunft haben. Und als Journalist nur auf Print zu setzen, reicht nicht, wenn man mehr als ein paar Jahre zur Rente hat. Wir müssen die neuen Geschäftsmodelle ausprobieren, wir müssen die Experimente starten, auch wenn es schwierig und von uns selbst etwa mit CP quer subventioniert ist, denn die, die es anders könnten, haben bewiesen, dass sie vielleicht an Content, aber bestimmt nicht an Journalismus und seinem Handwerk interessiert sind.

Philipp am 8. Dezember 2013

Schön, dass Sie einmal aussprechen, was sich dank irrem Marketingsprech fast niemand mehr zu sagen traut: Für gutern Journalismus ist es irrelevant, ob er im Netz, auf Papier gedruckt, vorgelesen im Radio oder als TV-Dokumentation stattfindet. Die Kompetenzen, die ein Journalist benötigt ändern sich nicht mit dem Medium.
Manche Verlagsverantwortlichen scheinen dagegen das, was bei Buzzfeed, Huffington Post & Co geschieht, mit einer neuen Art von Journalismus zu verwechseln.
Es ist geradewegs so, als ob man vor 20 Jahren gesagt hätte: "Mensch, Wetten dass ist viel erfolgreicher als die Tagesschau. Das ist die Zukunft des Journalismus ..."

Wie man mit Journalismus Geld verdient, ist freilich eine andere Sache, aber eben keine Frage des Journalismus', sondern des Geschäftsmodells.