Naive und feige Autoren

Von Falk Heunemann am 12. Dezember 2013

Der Aufruf von Schriftstellern ist kaum mehr wert als Blindtext: Aus der Ferne sieht er gut aus, von Nahem aber ist er nichtsagend und irrelevant. Denn die Autoren formulieren zu banal und zu pauschal

Es ist ja nicht so, als dass der Aufruf von 562 Schriftstellern pro Datenschutz so gar keine Aufregung verursacht hätte. Juli Zeh zum Beispiel hat sich aufgeregt. Sie warf einem gewissen Stefan Niggemeier – den sie für einen SZ-Journalisten hält – per Facebook vor, dass er das Papier auf Twitter zu früh veröffentlicht habe.

Nicht dass dies alles ruiniert hätte. Rund 30 Zeitungen haben darüber berichtet, alle durchaus wohlwollend. Dabei gibt es dafür keinen Grund. Weder für das Berichten noch für den wohligen Tenor.

Warum soll dieser Aufruf bedeutend sein? Weil ihn über 500 Menschen unterzeichneten? Eine E-Petition beim Bundestag zum Schutz der Bürger vor Datenausspähung hatte bereits 43.135 Unterzeichner. Selbst gegen den Straßenbilderdienst Google Streetview hatten beim Bundestag bereits mehr als 10.000 Bürger unterschrieben. Und die Petition „Verbot der Rufnummernunterdrückung für gewerbliche Anrufe“ erhielt 17.500 Unterstützer. Was sind da schon 562 Autoren?

Oder ist der Aufruf bedeutsam, weil es alles Schriftsteller sind? Nun ja.

Es gehört zu den Weltmysterien, warum Menschen glauben, nur weil einer gut schreiben und Geschichten erfinden kann (oder halbwegs gut singt), habe er auch besondere Einblicke in das Wesen der Politik. Schriftsteller sind, was das betrifft, genauso klug – oder dumm – wie Paris Hilton und Bono oder der Bratwurstverkäufer auf dem Alex, wenn sie gegen den Krieg antwittern. Unterzeichner Daniel Kehlmann hat über Humboldt und Gauß geschrieben, Autor Richard Ford über Golfsportler, T.C. Boyle über Umwelthippies und Sexualforscher. Warum sollen sie also tiefere Erkenntnisse haben, wie die Weltprobleme zu lösen sind, als jeder Nicht-Autor? Sie beziehen ihr Wissen ebenso aus Online-Portalen, Zeitungen, TV-Talkshows. Sie denken genauso viel oder wenig über Politik nach wie jeder andere auch. Sie können ihre Ahnungslosigkeit nur in bessere Worte fassen als der Durchschnitt. Mitunter.

Weltversteher mit Bibliothek

Schriftsteller, Popsänger und Filmemacher werden gern für Polit-Auguren gehalten. Da schimmert ein merkwürdiger Elitenbegriff durch, eine Sehnsucht nach dem allwissenden Intellektuellen, dem Weltversteher mit Bibliothek (oder Tonstudio), der über der Welt steht, um über sie nachdenken zu können, und gleichzeitig näher am „Volk“ sein soll als vom Volk gewählte Politiker. Gerade bei jenen, die sonst gern das Ende der Eliten und den Beginn der Basisdemokratie postulieren.

Elfriede Jelinek hat übrigens selbst mal in einem Moment der Erleuchtung gesagt: „Ich glaube, dass ein Schriftsteller absolut nichts bewirken kann, und ich spüre nicht nur die Ohnmacht, sondern auch die Lächerlichkeit.“ Sie hat den Aufruf dennoch unterschrieben.

Das Anliegen der Autoren, sich für den Datenschutz der Bürger und gegen die Überwachung durch Staaten und Konzerne zu wenden, ist ehrenwert. Aber der Aufruf wird genauso wirksam sein wie ein Aufruf gegen Kriege oder gegen den Welthunger. Das sind alles Anliegen, denen sich keiner verwehren will. Das Spannende ist aber nicht, dass man sie erreichen will, sondern wie sie erreicht werden können – und zu welchen Kosten.

Doch was schlagen die Schriftsteller aus aller Welt dafür vor: Sie fordern die Vereinten Nationen auf, eine „Internationale Konvention der digitalen Rechte“ zu verfassen.

Oh ja, das wird Facebook, NSA und die Hans-Peter Friedrichs dieser Welt ganz sicher das Fürchten lehren. Schließlich hat die Konvention der Menschenrechte auch schon Diktaturen abgeschafft und die Kinderrechts-Konvention hat die Kinderarbeit abgeschafft.

Die Uno taugt nur für Appelle

Tatsächlich ist der Aufruf ebenso naiv wie feige. Die Unterzeichner haben eigentlich genügend geschichtliches Anschauungsmaterial, um zu wissen, dass die Uno für fundamentale Menschenrechte wenig mehr tun kann als zu appellieren. Und sie haben eigentlich genügend Verstand, um zu begreifen, dass sie sich viel mehr an nationale Regierungen wenden müssen oder an die Bürger direkt.

Und ihnen fehlt der Mut für Konkretes. Sie formulieren plakativ, aber beliebig. Jeder kann sich angesprochen, keiner muss sich getroffen fühlen. Aber zu mehr als ein paar Feelgood-Floskeln hat ihr Mut offenbar nicht gereicht.

Sie müssten klare Handlungsvorschläge machen: Irgendetwas, aus dem man entnehmen kann, zu was dieser Aufruf tatsächlich aufruft. Und bei dem jeder für sich abwägen kann, ob Datenschutz diesen Aufwand wert ist. Facebook und Google sind ja von selbst zu Daten-Leviathanen geworden. Sie wurden erst durch ihre Nutzer stark, die Daten hergaben, um dafür Kartendienste, Mail-Service und Freundschaftskontakte scheinbar kostenlos zu erhalten. Und die Geheimdienste konnten sich deshalb ausbreiten, weil Bürgern anderes wichtiger war. Zum Beispiel, dass diejenige Partei gewinnt, die am wenigsten den Sparbuchzins oder die Steuerhöhe bedroht. Oder dass der Staat sie vor Terroranschlägen schützt.

Wie also soll man gegen Datenschnüffelei vorgehen? Geheimdienste verbieten? Facebook verbieten? Oder Amazon-Server stürmen? Ein Recht einräumen, dass Konzerne und Staaten auf Anfrage mitteilen müssen, was sie über einen selbst gespeichert haben? Warum nicht. Das wäre wenigstens mal etwas konkretes, bei dem man die Vor- und Nachteile abwägen könnte. Worüber man diskutieren, woran man sich reiben und wobei man sich aufregen kann.

Der Aufruf der Autoren liefert dazu keinen einzigen Anlass.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Joachim Helfer am 12. Dezember 2013

Wenn das Dafürhalten der Autoren aber doch nicht wichtiger ist, als das der Bratwurstverkäufer mit oder ohne Hauptschulabschluss, warum und woher dann der Vorwurf, dass ihr Aufruf nicht genau genug ist und nicht weit genug geht? Die beiden Stoßrichtungen der Kritik passen nicht zusammen. Entweder ist es in einer Demokratie wurscht, was Bildungseliten denken und meinen - dann ergibt es keinen Sinn, sie dafür zu tadeln, wenn sie nicht genau und mutig genug argumentieren. Oder der Tadel ist berechtigt – dann bestätigt er aber die Bedeutung der Meinungen von Bildungseliten für die Meinungsbildung auch (und gerade!) in einer Demokratie. Als schöngeistiger Autor hänge ich naturgemäß der zweiten Lesart an. Vielleicht stimmt ja die erste – dann aber ist es nicht sinnvoll, unsereins für unser irrelevantes Gebabbel zu tadeln …

Falk Heunemann am 12. Dezember 2013

@Joachim
Ich finde durchaus, dass die Kritik zusammenpasst. Die mediale Beachtung der Petition findet ja nur statt, weil es um Autoren geht. Das ist aber nicht gerecht gegenüber anderen klugen Köpfen. Doch die Beachtung des Aufrufs wäre hinnehmbar gewesen, hätten sie wenigstens etwas zu sagen gehabt. Wären sie wenigstens ihrem selbst gestellten Anspruch, Intellektuelle und Wortgeber der Gesellschaft zu sein, im dem Text gerecht geworden und hätten kluge Gedanken und Vorschläge vorzutragen gehabt. Aber so gab es inhaltlich einfach keine Rechtfertigung für diesen medialen Aufschlag.