Guckt mehr Pornos!

Von Andreas Theyssen am 13. Dezember 2013

Eine Regensburger Anwaltskanzlei mahnt Tausende Internetnutzer wegen Urheberrechtsverletzungen ab. Deren angebliches Vergehen: widerrechtlich Pornos runtergeladen zu haben. Die Aktion ist juristisch zwar fragwürdig, belebt aber die Konjunktur ungemein

Pornos gucken ist blöd? Sexistisch? Moralisch verwerflich? Papperlapp, das sind Argumente von vorgestern. Heute, also seit dieser Woche, wissen wir: Schweinkram gucken ist produktiv, investiv, kurzum: gut für die Konjunktur.

Zu verdanken haben wir diese Erkenntnis der Regensburger Abmahnkanzlei U+C. Sie verschickt seit dieser Woche Abmahnschreiben, Unterlassungserklärungen und Zahlungsaufforderungen über bis zu 1000 Euro an 10.000 Telekom-Kunden. Und sie hat bereits eine weitere Abmahnwelle für Kunden anderer Internetprovider angekündigt. Der Vorwurf: Die Internetnutzer hätten das Urheberrecht verletzt, weil sie auf der Porno-Website Redtube bestimmte Hardcore-Filme angesehen hätten.

Juristisch ist die Sache umstritten. Bekannt ist zwar, dass das Herunterladen von Filmen und Musik auf Online-Tauschbörsen ein Urheberrechtsverstoß und damit illegal ist. Doch auf Redtube laufen die Pornos im Streaming-Verfahren, das heißt: sie werden nicht dauerhaft auf der Festplatte gespeichert. Ob auch dies ein Urheberrechtsverstoß ist, ist mangels Rechtsprechung bislang unklar. Aber das sind juristische Feinheiten, von denen offenbar auch das Landgericht Köln überfordert war. Trotz der unklaren Rechtslage erlaubte es der Kanzlei, bei der Telekom die Kundenadressen zu den IP-Adressen einzufordern.

Wenn Schweinkram-Gucker die Alte fürchten

Aber langweilen wir uns nicht mit juristischen Feinheiten, schauen wir lieber auf die wohltuende Wirkung der Abmahnaktion auf die Konjunktur. Denn ganze Branchen profitieren von ihr.

Einer der Profiteure ist auf jeden Fall die Abmahnkanzlei U+C. Es dürfte genügend Kerle geben, die das geforderte Geld klammheimlich zahlen, damit nur die Alte daheim nicht erfährt, dass sie heimlich Pornos gucken. Und genügend, die immer noch denken, Porno sei per se illegal, und deshalb flux zahlen.

Auch die Kollegen der Regensburger Anwälte profitieren. Zum einen die Scheidungsanwälte, wenn doch die Dame des Hauses als erste den U+C-Umschlag öffnet und es gar nicht goutiert, dass der Gemahl heimlich Kopulationen und Cumshots guckt. Zum anderen die Anwälte der Verbraucherschützer, die nun gegen das Vorgehen von U+C klagen. Und selbstverständlich jene Anwälte, die von verunsicherten Abgemahnten aufgesucht werden.

Größtes Konjunkturprogramm seit der Abwrackprämie

Die ökonomischen Segnungen gehen aber weit über die Juristerei hinaus. Möbelhäuser profitieren, wenn Paare wegen der U+C-Abmahnungen getrennte Hausstände gründen. Post, PIN und Co. verdienen am enormen Porto, das so eine Abmahnwelle kostet. Das wiederum sparen sich kriminelle Trittbrettfahrer, die als U+C getrant Abmahnungen per Mail verschicken. Und die scheinen zahlreich zu sein. Denn auf der U+C-Homepage heißt es – in Rot und Versalien -: „WENN SIE EMAIL MIT EINEM ABMAHNSCHREIBEN ERHALTEN HABEN, HANDELT ES SICH DABEI UM EINE FÄLSCHUNG. SIE KÖNNEN DIE MAIL LÖSCHEN UND BRAUCHEN UNS AUCH NICHT ANZURUFEN.“ Und dazu läuft – ebenfalls in Rot – ein Ticker: „Aufgrund von vermehrten Anrufen können unsere Leitungen überlastet sein. Wir bitten um etwas Geduld.“ Also verdienen auch Telekom, Vodafone etc. kräftig mit.

Wir können den Abmahnern von U+C aus Regensburg gar nicht dankbar genug sein. Ihre Großaktion gegen Schweinkram-Gucker ist das größte Konjunkturprogramm seit der Abwrackprämie. Also, Leute: Guckt mehr Pornos. Wir brauchen den Aufschwung.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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