Die nächste schwule Sau im Dorf

Von Stefan Tillmann am 9. Januar 2014

Das Interview von Thomas Hitzlsperger über seine Homosexualität ist ganz sicher ehrenwert, die Reaktionen sind zum Teil aber verlogen. Hinter Appellen, er sei ein Vorbild, dem nun möglichst viele Schwule folgen sollten, steckt oft nur Sensationslust. Sexualität bleibt in erster Linie Privatsache

Ich kenne das: Als Kind und Jugendlicher stand ich im Düsseldorfer Rheinstadion und rief: „Schiri, wir wissen, dass du Strapse trägst, du schwule Sau, du schwule Sau“. Ich hatte auch damals nichts gegen Schwule, anfangs wusste ich sicher nicht mal, was das ist. Ich fand solche Rufe normal, weil das hunderte Menschen um mich herum auch gegrölt haben. Aber klar, das ist dämlich, verletzend, diskriminierend, und es ist gut, dass sich das geändert hat.

Heute gibt es solche Rufe in den Fußballstadien nicht mehr. Im Gegenteil: In fast jedem Klub haben sich homosexuelle Fanklubs organisiert, überall gibt es Kampagnen gegen Homophobie im Fußball. Die Aufregung, die das Interview des ehemaligen Nationalspieles Thomas Hitzlsperger ausgelöst hat, ist deswegen erstaunlich und zum Teil auch verlogen. Nur Menschen, die seit Jahrzehnten nicht mehr in deutschen Stadien waren, konnten glauben, dass sich der erste bekannte schwule Fußballer wüsten Anfeindungen auseinandergesetzt sehen würde. Es war klar, dass das Echo weitgehend positiv sein würde. Dass sich dennoch bislang kein prominenter deutscher Spieler geoutet hatte – und bis heute – kein Aktiver, ist vielleicht erstaunlich, vielleicht aber auch egal. Denn schließlich muss jeder Schwule selbst wissen, ob er Lust auf diesen Medienrummel hat, der immer unkalkulierbar ist und vom Sportlichen ablenkt.

Die Aktion von Thomas Hitzlsperger ist ganz sicher ehrenwert, weil sie den Weg ebnet für weitere Schwule, die darüber reden möchten und für die ein Versteckspiel eine Belastung ist. Sie ist aber auch nicht sonderlich mutig, weil sich niemand mehr für den Ex-Profi interessierte. Letztlich wird sie ihm für kommende berufliche Aufgaben als öffentliche Person eher nutzen. Verlogen ist es daraus abzuleiten, Hitzlsperger sei ein Vorbild, dem nun viele – möglichst auch aktive – Spieler folgen sollten. Das erhöht nur den Druck auf jene Schwule, die ihre Sexualität lieber für sich behalten wollen. Hinter vielen dieser Bekundungen steckt letztlich nur der boulevardeske Jagdinstinkt nach der – Verzeihung – nächsten „schwulen Sau“, die man durchs Dorf treiben kann.

Stefan Tillmann, Gründer von Opinion Club, kennt mehr Schwule, die über Schwulenwitze lachen können als Ostfriesen, die über Ostfriesenwitze lachen können.

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Zara Stein am 9. Januar 2014

Genau: Erst wenn man Witze über Homosexuelle machen kann, ohne dass sie als diskriminierend wahrgenommen werden, ist Normalität erreicht. Genauso wie bei Ostfriesen, Linkshändern oder Blondinen...

Stefan Tillmann am 9. Januar 2014

Da ist was dran. Wie wäre es mit: Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass sich eine Frauen-Nationalspielerin outet, als heterosexuell.

Joachim Helfer am 10. Januar 2014

Sexualität kann man nicht schlechthin für sich behalten, Was man für sich behalten kann, sind Einzelheiten der eigenen sexuellen Praxis - und genau darüber hat Hitlzsperger kein Wort verloren. Ob man aber eine Frau oder einen Mann, mit einer Frau oder einem Mann lebt oder leben möchte, das will jeder, außer katholischen Geistlichen und Asexuellen, gern öffentlich machen, öffentlich zeigen dürfen. Eben darin besteht ein coming-out: Nicht in der indiskreten Verbreitung von Schlafzimmerdetails, sondern um das allgemeine öffentliche Bekenntnis zu seiner Liebe und seinem Begehren. Das erfordert noch immer Mut, im Fußball und anderswo, und selbstverständlich ist Hitzlsperger darin ein Vorbild für andere, jüngere Leute.