Deflation ist die Gefahr der Stunde

Von Mathias Ohanian am 14. Januar 2014

Die Panik war groß: Deutsche Medien warnten im Sommer 2012 auf breiter Front vor der vermeintlich kurz bevorstehenden Hyperinflation. Auf einer Konferenz in London hatte Mario Draghi bekannt gegeben, den Euro verteidigen zu wollen. Mittels Käufen von Staatsanleihen wollte der italienische Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) die Verschuldungskosten der Randländer senken

Die Urangst der Deutschen schien entfesselt, jene vor einer rasanten Geldentwertung. Tatsächlich sind die Lebenshaltungskosten seitdem nicht durch die Decke geschossen. Ein Laib Brot ist selbst für Beschäftigte ohne inflationsindexierten Arbeitsvertrag noch immer erschwinglich. Das Geld für den neuen Schrebergarten zum Eigenanbau von Gemüse muss ebenfalls unter versenkte Kosten bilanziert werden.

Sogar das Gegenteil ist der Fall: Die Preise sinken in einigen Teilen Europas. Im krisengeplagten Griechenland zuletzt um fast drei Prozent: das größte Minus überhaupt. Nach Auffassung einiger Prognostiker dürften sowohl dort als auch in Spanien oder Portugal die Preise bis mindestens 2015 zurückgehen. In der gesamten Euro-Zone lag die Teuerung mit zuletzt 0,8 Prozent noch im positiven Territorium, im wirtschaftlich noch recht robusten Deutschland gab es ein Plus von 1,3 Prozent.

Damit wird das EZB-Ziel von mittelfristig knapp zwei Prozent weit verfehlt ­– aber entgegen der allgemeinen deutschen Panikmache: nach unten. Auf den ersten Blick mögen sinkende Preise kaum Schaden anrichten. Doch Konsumenten halten sich mit neuen Anschaffungen zurück, wenn sie glauben, ihr Geld ist morgen mehr wert. Unternehmen investieren nicht mehr. Eine gefährliche gesamtwirtschaftliche Spirale kommt in Gang.

„Deflationstendenzen haben die unschöne Angewohnheit, sich selbst zu verstärken“, warnen die Experten der Deutschen Bank in einer am Freitag veröffentlichten Analyse. Das größte deutsche Geldhaus sammelt in der für seine Verhältnisse geradezu revolutionären Studie Argumente für eine quantitative Lockerung (also den Kauf von Staatsanleihen) in Europa – ein Novum dieser sonst eher konservativen Analytiker.

Wie einige Medien sprach sich die Deutsche Bank zuletzt unterm Strich gegen Anleihekäufe der EZB aus – aus Sorge Griechenland, Irland oder Spanien könnten wichtige Reformen vernachlässigen, sobald die Währungshüter die Verschuldungskosten dieser Länder drücken.
Inzwischen scheint diese Befürchtung ins Hintertreffen geraten zu sein: Selbst wenn die Euro-Zone in diesem Jahr erstmals wieder moderat um ein Prozent wächst, werden die massiven Kapazitätsüberschüsse dort kaum sinken, heisst es in der Analyse. Die Bank sorgt sich um die langfristigen Inflationserwartungen in der Euro-Zone.

Und das zu Recht: Es ist ein historischer Fakt, dass Adolf Hitler 1933 in einem Umfeld sinkender Preise an die Macht kam. Die Wirtschaft litt noch immer massiv unter der globalen Wirtschaftskrise – die Arbeitslosigkeit in vielen Industriestaaten, auch in Deutschland, lag im zweistelligen Bereich. Das sind genau jene Probleme, die derzeit Südeuropa beherrschen. Die Euro-Krise mag nicht mehr akut sein, große Probleme bleiben dennoch bestehen.

Mathias Ohanian arbeitet als Wirtschaftsredakteur in der Schweiz. Zuvor schrieb er für die “Financial Times Deutschland” über Weltkonjunktur und wirtschaftspolitische Themen. Er twittert unter @mathiasohanian.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 7 Bewertungen (4,00 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.