Wer einmal verarscht, dem glaubt man nicht

Von Angelika Dehmel am 14. Januar 2014

Seitdem der Postillon mit seiner Pofalla-Meldung groß herausgekommen ist, möchten die traditionellen Medien gerne ein Stück vom süßsaurem Satire-Kuchen abhaben – doch ihr Spiel am Rande der Realität ist geschmacklos

Einige Menschen sind einfach zu naiv (andere sagen auch, zu blöd) um bei den vielen absurden Meldungen, die einen tagtäglich überfluten, immer sofort zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Das hat der Postillon zur Genüge bewiesen. Doch seit dem Pofalla-Clou setzt sich zusehends ein Trend durch: Die Medien mit den echten Nachrichten verwischen jetzt selbst die Grenzen zwischen Satire und Realität. Eine Verarsche des Lesers, um schnell und billig Klicks zu generieren.

Die Satireseite Postillon ist deswegen so erfolgreich, weil sich Menschen gerne über andere Menschen lustig machen, die auf den ersten Blick dümmer erscheinen als sie selbst. Dass es nicht primär um die zum Teil wirklich witzigen Pseudonachrichten, sondern um die empörten Reaktionen der auf den Leim gegangenen Leser geht, beweist schon der Postillon selbst, indem er auf seiner Facebook-Seite mit Vorliebe Leserkommentare postet. Und die gierigen Normalos, die wissen, was sie unter der Marke zu erwarten haben, stürzen sich wie Hyänen darauf – weil sie endlich jemanden gefunden haben, über den sie lästern können.

Nun machen auch noch die normalen Medien mit und verwirren den Durchschnittsleser komplett. Stern.de und die Süddeutsche Zeitung veröffentlichen inzwischen auf ihren Facebook-Auftritten Satiremeldungen wie den Tod von Synchronschwimmerinnen oder die Mauerpläne von Olaf Scholz in Hamburg. Die neuen Videos vom Postillon stehen mittlerweile zwischen dem politischen Tagesgeschehen auf den Nachrichtenseiten von Yahoo.

 

Vorsicht, Satire!

Oft sind diese Meldungen erst ganz zum Schluss mit dem diskreten Hinweis versehen, dass „der Postillon wieder zugeschlagen hat“. Der Leser, der aber zumindest bei den normalen Medien bisher davon ausgehen konnte, dass die Absurditäten, denen er begegnet, wahr sind, wird nun vollends verunsichert. Und stern.de und Co. freuen sich über den „das kann doch nicht sein!“-Reflex, der ihnen Verkehr auf die Seiten leitet.

Die Satire vom Postillon ist ohne Zweifel oft extrem gut: gekonnt geschrieben, aktuell und mit herrlich bösen Pointen. Aber die normalen Medien sollten doch darauf verzichten, den Leser auch noch an der Nase herumzuführen. Sonst tut dieser eines Tages alles als Verschwörung und Unsinn ab. Oder, noch schlimmer, nimmt alles für bare Münze. Bei Scripted-Reality-Serien tun das viele ja eh schon.

Aber vielleicht erledigt sich das Problem durch den neuen Bekanntheitsgrad der Seite sowieso bald.  Einmal wird auch der letzte Leichtgläubige begriffen haben, was er von Meldungen der Marke zu erwarten hat. Es dürfte interessant werden, ob das Konzept auch noch funktioniert, wenn die Leser nicht mehr mit dem Finger auf die ach so begriffsstutzigen anderen Menschen zeigen können.

Angelika Dehmel, OC-Autorin und Journalistin, ist eigentlich ein großer Fan von Satire. Doch der Hype um den Postillon und dessen Folgen gehen ihr zusehends auf die Nerven.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 14 Bewertungen (4,64 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.