Die Angst vor der Arbeit

Von Peter Sparding am 29. Januar 2014

US-Präsident Barack Obama hätte in seiner Rede an die Nation den Wirtschaftsaufschwung bejubeln können, tat das aber nur vorsichtig. Denn er weiß ganz genau, dass die Finanzkrise ein riesiges Problem hinterlassen hat: den Arbeitsmarkt. Es gibt viele Langzeitarbeitslose und immer mehr Billiglöhner

America is back! Nach Jahren der Krise und immer wieder verpuffenden Anzeichen wirtschaftlicher Erholung scheint der Aufschwung nun endlich gefestigt. Der Internationale Währungsfonds erhöhte soeben seine Wachstumsprognose 2014 für die USA auf 2,8 Prozent. Gemessen am Anteil der gesamtwirtschaftlichen Leistung, erreichten Profite von US-Konzernen im vergangenen Jahr Rekordmarken. An der Börse in New York geht es schon seit einiger Zeit wieder hoch her. Unter Investoren wächst die Zuversicht und der Dow Jones Index verzeichnete 2013 die höchsten Gewinne seit 18 Jahren. Insbesondere im Vergleich zu anderen Industrienationen sind das vielversprechende Anzeichen. Einige Analysten sehen daher 2014 bereits als das Jahr des Durchbruchs.

Vor diesem Hintergrund hätte Präsident Obama in seiner State of the Union Ansprache am Dienstagabend tatsächlich feststellen können: Die Lage der Nation ist gut. Doch hinter den positiven Zahlen verbirgt sich eine folgenschwere Hinterlassenschaft der großen Krise, die auf lange Sicht droht die Gesundheit der gröβten Volkswirtschaft der Welt zu gefährden. Es geht um den amerikanischen Arbeitsmarkt.

Anders als nach früheren Rezessionen hat sich dieser auch Jahre nach dem wirtschaftlichen Tiefpunkt nicht erholt. Sicher, die offizielle Arbeitslosenquote sank im Dezember auf 6,7 Prozent und somit auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2008, ein Punkt den auch der Präsident nicht vergaß zu erwähnen. Doch diese Entwicklung versperrt den Blick auf Anzeichen tiefgreifender Veränderungen.

So erklärt sich ein großer Teil der sinkenden Arbeitslosenquote aus einer ebenfalls sinkenden Erwerbsquote, also dem Anteil derjenigen, die entweder arbeiten oder nach Arbeit suchen. Das heißt, relativ nehmen immer weniger Amerikaner überhaupt am Arbeitsmarkt teil. Das Verhältnis liegt heute bei 62.8 Prozent, so niedrig wie seit Ende der 1970er Jahren nicht, als viele Frauen in den Arbeitsmarkt drängten und die Erwerbsquote rasant anstieg. Betrachtet man die Zahl der Arbeitslosen also vor diesem Hintergrund ergibt sich ein trübes Bild. Läge die Erwerbsquote nach wie vor auf dem Niveau vom Oktober 2009, als die Arbeitslosenkrise ihren Gipfel erreichte, so stünde die US-Arbeitslosenrate heute nach wie vor bei mehr als neun Prozent und hätte sich somit kaum verbessert.

Diese Entwicklung ist nur zum Teil auf demografische Veränderungen und die in Rente gehenden Baby Boomer zurückzuführen. Vielmehr zeigt sie, dass die Auswirkungen der Wirtschaftskrise den amerikanischen Arbeitsmarkt nach wie vor fest im Griff haben. So deuten die meisten Untersuchungen darauf hin, dass viele Personen aufgrund weiterhin schlechter Aussichten den Arbeitsmarkt verlassen haben oder diesem erst gar nicht mehr beitreten. Letzteres ist in den letzten jahren insbesodere unter amerikanischen Frauen der Fall.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen bleibt insbesondere für amerikanische Verhätnisse besorgniserregend. Zwar sank der Anteil jener, die länger als sechs Monate ohne Arbeit waren im letzten Jahr erheblich, doch nach vorangegangenen Rezessionen war diese Zahl immer wesentlich schneller gesunken. Nach wie vor fallen knapp 38 Prozent der Arbeitslosen in diese Kategorie. Zudem sind mehr als die Hälfte der Jobs, die 2013 neu entstanden im Niedriglohnsektor zu finden und obwohl die Zahl der Teilzeitbeschäftigten insgesamt abnahm, bleibt ihr Anteil im historischen Vergleich stark erhöht. Es überrascht angesichts dieser Lage nicht, dass auch die Lohnentwicklung, ohnehin schon seit Jahren schleppend, weiter enttäuscht.

Die lange Periode hoher Arbeitslosigkeit und die sinkende Erwerbsquote wirft die Frage auf, wie viel Potenzial noch in der Wirtschaftsmacht Amerika steckt. Einer Studie der Federal Reserve Bank zufolge könnte das langfristige Wirtschaftspotential der USA im Vergleich zu 2007 um bis zu sieben Prozent gesunken sein. Und aus Washington ist kaum Abhilfe zu erwarten. Der Präsident ist vom Kongress blockiert und auf die Verkündung vereinzelter, kleinerer Programme beschränkt.

Ob die USA vor diesem Hintergrund wieder ihre Rolle als customer-of-last-resort, als Kunde für den Rest der Welt, einnehmen können ist fraglich. Profite und Aktienpreise mögen zwar mitlerweile über dem Vorkrisenniveau liegen, doch die meisten US-Haushalte besitzen entweder keine oder nur geringe Aktienanteile. Für sie sind der kriselnde Arbeitsmarkt und die schwache Lohnentwicklung von gröβerer Bedeutung. Selbst eine insgesamt wachsende US-Wirtschaft könnte somit weniger als zuvor als Motor der Weltwirtschaft zum Wachstum anderernorts beitragen.

Peter Sparding ist Transatlantic Fellow für Economic Policy beim German Marshall Fund of the United States (GMF) in Washington, DC. Hier arbeitet er hauptsächlich zur US-Wirtschaftspolitik, den Auswirkungen der Eurokrise auf die transatlantischen Beziehungen und Fragen des globalen Handelssystems.

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