Wir brauchen Lügen-Detektive

Von Falk Heunemann am 30. Januar 2014

Hat Merkel eben gelogen? Oder Obama? Die Amerikaner können die Aussagen ihrer Politiker überprüfen, auf den Faktchecking-Portalen im Netz. In Deutschland scheitern solche Projekte dagegen leider. Warum nur?

Lügende Politiker – das ist für viele ein weißer Schimmel, eine runde Kugel, eine tote Leiche. Die Lüge, so die zustimmungssichere Forenmeinung, steckt im Politiker schon drin. Das gilt erst recht für Regierungschefs.

Nun gibt es aber grundsätzlich zwei Möglichkeiten, mit dieser Behauptung umzugehen: Entweder, man überprüft sie kontinuierlich, indem man die Aussagen von Politikern auf ihren Wahrheitsgehalt hin testet – so wie es längst in den USA geschieht. Oder man gibt sich von vornherein mit der Annahme zufrieden, von Dauerlügnern regiert zu werden, und spart sich den Aufwand. Es scheint, als habe sich die deutsche Veröffentlichkeit entschieden.

Indizien dafür lieferte der gestrige Tag: Innerhalb weniger Stunden gaben die Regierungschefs zweier Länder ihre Regierungserklärungen ab: In der Nacht US-Präsident Obama mit seiner „State of the Union“, am Vormittag dann Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In den USA ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten: Nur wenige Stunden nach Obamas Rede hat etwa Politifact.com diverse Behauptungen aus der Ansprache überprüft. Zum Beispiel hatte Obama behauptet, dass der Mindestlohn (7,25$/h) in den USA real 20 Prozent
niedriger sei als zur Zeit seines republikanischen Vorgängers Ronald Reagan (1981-89), aufgrund der Inflation. Politifact bewertet dies als „fast wahr“, tatsächlich betrage der Wertverlust nur knapp 16 Prozent. Auch auf die Reaktion der Opposition auf die Rede gehen die Faktchecker
ein. Politifact (betrieben von der Regionalzeitung „Tampa Bay Times“) ist nicht die einzige Plattform, die einen Faktencheck auf Obama in kürzester Zeit veröffentlicht. Auch Factcheck.org analysiert die Rede innerhalb weniger Stunden, ebenso die „Washington Post“, „USA Today“, die Website  HuffingtonPost oder auch der Sender ABC, unter der Überschrift: Rhetoric vs Reality. So kann sich in amerikanischen Medien jeder Interessierte ein Bild machen, ob er tatsächlich vom Präsidenten sowie dessen Kritikern angelogen wird.

In Deutschland kann man das nicht.

Natürlich kann dies auch daran liegen, dass Merkel in ihrer Regierungserklärung gewohnt Belangloses sagt. Überprüfen auf den Wahrheitsgehalt ließe sich dies dennoch. Wahrscheinlicher ist daher, dass reines Fakten checken den Deutschen zu aufwändig ist – den Journalisten in den Newsrooms ebenso wie denen im Netz.

Dabei hat es in der Vergangenheit durchaus interessante Versuche gegeben. Da ist vor allem der ZDFCheck zu nennen: Die motivierte ZDF-Onlineredaktion prüfte 25 Aussagen und bewertete sie auf einer vierstufigen Skala nach ihrem Wahrheitsgehalt – ähnlich wie Politifact. Und ebenso wie das US-Vorbild bat sie die Nutzer und Leser um Hinweise – rund 500 waren laut Redaktion verwertbar. Ergebnisse wurden dann sogar in den Heute-Nachrichten zitiert. Eigentlich war also alles dabei, was Journalismuskritiker sonst vermissen: Recherche, Rückbindung an die Netzgemeinde und Leser, offenes Verfahren, Verknüpfung von Online und Fernsehen. Und doch wurde ZDFCheck nach der Bundestagswahl beendet. Ob die Klickzahlen zu gering waren (im Verhältnis zum Aufwand) oder der Personalaufwand dem ZDF schlicht zu teuer war, ist unbekannt.

Ähnlich ambitioniert war der Faktomat im „ZeitMagazin“ gestartet. Und die engagierte Redaktion erregte durchaus Aufsehen, etwa indem sie die Behauptung der Grünen bestätigte, dass deren Steuermodell für mehr Gerechtigkeit sorge. Oder sie überführte Sigmar Gabriel, Gregor Gysi,
Ursula von der Leyen der Lüge. Zum Schluss stellt die Redaktion fest, solch ein Faktencheck sei „offenbar genau das, was sich viele Leser lange gewünscht haben.“ Trotzdem wurde das Projekt nach der Wahl eingestellt.

So gibt es nur noch den „Faktencheck“ der Talkshow „Hart aber fair“. Doch der bezieht sich nur auf Aussage aus der eigenen Sendung, und kommt für die meisten Zuschauer am nächsten Tag zu spät. Und es gibt den „Münchhausen-Check“ des „Spiegel“, aber der beschäftigt sich lieber
mit bewertenden Aussagen als mit tatsächlichen Fakten – entsprechend schwer fällt den Autoren dann ein Urteil, ein Zitat wie „Die Rentenvorschläge sind gerecht“ sei „gelogen“.

Aber warum nur scheitern solche Faktencheck-Projekte, trotz des unbestreitbar hohen Engagements ihrer Macher?

These Eins: Es liegt – wie beim „Spiegel“ – daran, dass Deutsche zu wenig zwischen Fakten und Bewertung/Kommentierung unterscheiden. Wenn etwa Andrea Nahles ihre Rentenvorschläge „gerecht“ nennt oder EZB-Chef Mario Draghi die Inflationsangst der Deutschen „pervers“, dann mag man die Wortwahl falsch finden. Eine Lüge ist das aber nicht. Perversion ist schließlich schlecht messbar. Gerechtigkeit genauso wenig, schließlich hängt es von der individuellen Philosophie jedes einzelnen ab, ob Ressourcen möglichst gleich, möglichst individuell und/oder nach Leistung verteilt werden sollen. Behauptungen, immer mehr Deutsche seien armutsgefährdet, können dagegen mit Zahlen überprüft werden.

These Zwei: Der Aufwand ist zu groß. Faktenrecherche scheint vielen aufwändiger zu sein als ein schneller Kommentar – obwohl jedem Kommentar eigentlich die Recherche vorausgehen sollte. Aber in der Tat muss man sich für Faktenchecks einen Überblick über komplexe
Statistiken verschaffen, Studien durchforsten und vergleichen, Wissenschaftler und andere Experten befragen. Das dauert vielen Laien zu lange. Und Redaktionen (gerade Online) bekommen von ihren Verlagen und Sendern nicht das Budget eingeräumt, um Journalisten dafür extra zu
beschäftigen. Dabei ist der Aufwand vor allem am Anfang am größten. Dass Politifact Obamas Rede so schnell bewerten konnte, lag vor allem daran, dass die Seite einfach auf eigene ältere Analysen zurückgriff – Politiker wiederholen sich schließlich gern.

These Drei: Viele Journalisten (Laie wie Profi, Netz wie Print) halten einen extra Faktencheck für überflüssig, das geschehe ja schon mit der normalen Recherche. Leider gilt das oft nur in der Theorie.

These Vier: Oder aber sie glauben, der Check bringe eh nichts, da Politiker sowieso weiterlügen. Das mag sogar sein. Aber die Ergebnisse richten sich ja auch nicht an Politiker, sondern an die Bürger, damit diese das Handeln der Regierenden besser beurteilen können.

These Fünf: Die Deutschen wollen zu viel. Projekte wie ZDF-Check, Faktomat oder auch Münchhausen-Check wollen ja nicht nur Fakten überprüfen. Sie wollen zugleich auch noch für Aufsehen sorgen, das Netz einbinden, neue Mittel des Onlinejournalismus testen oder auch
Thematiken allumfassend abhandeln. Damit aber übernehmen sie sich oft. Nicht so sehr, dass sie es fachlich nicht packen. Aber dieser Anspruch schadet häufig der Eindeutigkeit der Aussage oder aber der Schnelligkeit der Beurteilung: Wenn ein Politiker lügt, sollte man das
spätestens innerhalb weniger Stunden sagen können, und nicht erst Tage oder Wochen danach – weil man erst die Leserabstimmung oder den Gang ins Archiv abwarten musste. Hier wäre kleiner und anspruchsloser schlicht besser.

These Sechs: Sie wollen keine Seite bevorzugen oder benachteiligen. Also kommt nach einer SPD-Aussage ein CDU-Politiker dran, dann ein Grüner, dann ein Linker. Auf dass ja keiner einer Plattform wie ZDFCheck oder Zeit-Faktomat vorwerfe, sie sei parteilich. Dabei sorgt
solch eine Quotierung nicht für Überparteilichkeit, sondern nur für Beliebigkeit. Nicht die Reihenfolge oder das bisherige Vorkommen sollte diktieren, ob eine Lüge entlarvt wird, sondern ihre Aktualität und Relevanz. Und wenn dann eben bestimmte Politiker des einen Lagers
besonders häufig vorkommen und andere gar nicht, dann eben nur, weil erstere besonders durch eine hohe Lügen- oder Wahrheitsfrequenz auffallen.

Es ist schade, dass es kein kontinuierliches, aktuelles Faktchecking-Portal in Deutschland gibt. Nur zu den Wahlen reicht nicht. Bürger sollten sich nicht nur in den Wochen vor dem jeweiligen Urnengang damit beschäftigen können, ob sie Politikern und Parteien
trauen können. Sie bilden sich ihr Urteil in den vier Jahren dazwischen.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 12 Bewertungen (4,50 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.