So vorschnell urteilt das Netz

Von Falk Heunemann am 13. Februar 2014

Als vor wenigen Tagen in Hamburg drei Flüchtlinge bei einem Brand starben, haben viele im Internet die Vorsicht der professionellen Journalisten kritisiert: Sie sollten es doch endlich einen rechtsradikalen Anschlag nennen. Nun stellt sich heraus: Die Zurückhaltung war berechtigt

Vor sieben Tagen starben drei Menschen bei einem Brand in einem Flüchtlingsheim in Hamburg. Seit dieser Woche scheint klar, dass ein 13-Jähriger dafür verantwortlich ist, der psychische Probleme haben soll. Die Polizei schließt daher ein fremdenfeindliches Motiv inzwischen aus.

Nun wäre der Vorfall für viele professionelle Medien in der Zwischenzeit ein guter Grund gewesen, vorschnell über einen ausländerfeindlichen Akt zu spekulieren. Bei ihren Kritikern im Netz stehen sie alle im Ruf, mit ihrem Urteil schneller zu sein als mit der Recherche. Wer das anderen vorwirft, unterstellt natürlich zugleich, dass einem selbst solches Fehlverhalten nie passieren würde – und sollte sich dabei nicht erwischen lassen. Dazu einige Beweisstücke aus den Leserkommentaren auf spiegel.de, sueddeutsche.de und zeit.de (Auszüge, in originaler
Schreibweise):

Guenni_1: …. aber welche Gründe außer einem Fremdenfeindlichen, könnte es noch geben wenn man ein Asylbewerberheim in Brand steckt.
Cielo: In Deutschlandwird aber wahrscheinlich erst einmal gegen Unbekannt, dann gegen Links und am Ende gar nicht mehr ermittelt, bis man feststellt, dass ein VS Beamter am Tatort auf und ab ging. Das Bsp. nsu zeigt uns, dass ALLES möglich ist in diesem Land.
ZEITkritiker313: „Hinweise auf ein fremdenfeindliches Motiv gebe es aber bislang nicht…“ Vielleicht wissen wir ja in 10 Jahren mehr? NSU lässt grüßen
petermueller13: traurig, das alltagsrassimus und ausländerhass wieder so salongfähig geworden sind.
Kohlhase: Wenn die deutsche Polizei in solchen Dingen ermittelt heisst es immer zuerst „Hinweise auf eine fremdenfeindliche Tat gibt es nicht“. Dann werden alle möglichen Spekulationen darüber geführt, wie denn die Katastrophe passieren konnte, ohne dass mal wieder Nazis
involviert waren.
Soliparty: angriffe auf flüchtlingsheime gibt’s in diesem rechtsradikal verseuchten land im wochentakt, rassistische übergriffe
TAGTÄGLICH: hier fremdenfeindl. motive zu vermuten, ist also nicht ‚unvorsichtig‘, sondern völlig realistisch.
Kantorowicz: Die Polizei vermutet, dass das Feuer absichtlich gelegt worden sein könnte. Von einem ausländerfeindlichen Motiv geht siederzeit aber nicht aus. die NSU läßt grüßen
Halteverbot: Man scheint nichts gelernt zu haben. Nach den NSU Morden MUSS in dem Fall von ausländerfeindlichen Anschlägen ausgegangen werden.
Bsteff: Bei derartigen Anschlägen muss man grundsätzlich von ausländerfeindlichen Motiven ausgehen. Die Ereignisse des NSU haben ja wohl gezeigt, dass hier ein Umdenken nötig ist. Wieder mal nixgelernt…
fahnenschänder: Was sollte denn ausser dummen und ekelhaften Ressentiments das Motiv für diese abscheulichen Morde sein? Wie gut, dass es sich nicht um den abgedroschenen Aussenspiegel eines Porsches handelt, da wären die Motive und die politische Ecke der Täter ja
sonnenklar, nicht wahr? Mir wird schon wieder schlecht!
SigmarRafael: Nachdem in Hamburg der linksextreme Mob wieder durch die Straßen Altonas zieht, wäre es kein Wunder, wenn man so etwas initiiert um gegen den Senat zu stänkern.
Sikasuu: Da brennt im Erdgeschoss ein Kinderwagen, in einem Haus in dem nur Asylbewerber wohnen, von einem ausländerfeindlichem Motiv geht die Polizei aber nicht aus. Gab oder gibt es vielleicht in den Letzen 100 Jahren bestimmte Voraussetzungen wie Blindheit, nicht denken
können, Wegsehsyndrom, Einäugig……. um hier in den Polizie-,Justizdienst zu kommen? Mölln, Rostock, Solingen….> NSU,….
Roger-V.: Im TV wurde mittlerweise bstätigt, daß es sich um einen Brandanschlag handelte. Fremdenfeindlichkeit wird allerdings ausgeschlosse so der Kommentar. Hat man denn nichts dazu gelernt? Für wie naiv halten die Medien eigentlich die Bürger? Was kann man eigentlich noch glauben was da berichtet wird?

Nicht alle Kommentare gingen in diese Richtung. Manche warnten vor voreiligen Schlüssen. Viele waren es aber nicht. Dafür waren viele schnell im Handeln.

In Göttingen bildete sich eine linke Demo unter dem Motto „Rassismus tötet“. In Dresden kam es zu einer Protestaktion mit der Begründung: „Anschläge und Angriffe auf Unterkünfte von Geflüchteten und sie selbst sind keine Seltenheit und bedürfen einer sofortigen Antwort.
Wir fordern eine transparente und nachvollziehbare Aufklärung, nicht nur zu diesem Mord!“ In Mannheim wurde aufgerufen „zum Protest gegen den staatlichen Rassismus und den rassistischen Wahn der Faschist*innen“. In Köln organisierten Aktivisten eine Spontankundgebung mit der Begründung: „Was also auch immer die Ermittlungen der Polizei zu Tage fördern oder auch nicht: klar ist, dass die unmenschlichen Lebensbedingungen, in denen sich die Asylbewerber_innen und Migrant_innen befinden, Produkte einer durch und durch rassistischen
Gesellschaftsstruktur sind.“

Die obigen Bigotterie-Beweisstücke eignen sich übrigens auch für Debatten mit jenen unzähligen Kritikern, die professionellen Medien mangelnde Deutschkenntnisse, insbesondere in der Orthografie und Grammatik, vorwerfen.

Falk Heunemann, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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