Wasser in den Retsina

Von Axel Reimann am 20. Februar 2014

Griechenland hat also im vergangenen Jahr einen „historischen Leistungsbilanzüberschuss“ erzielt. Angeblich weil der Tourismus so boomt und sich die Griechen endlich beim Porschekaufen einschränken. Wir hören eben nur, was wir hören wollen

Schon der erste Satz der Meldung ist eine Frechheit: „Nur noch acht Porsche wurden 2013 in Griechenland verkauft.“ Und der zweite Satz – „Gleichzeitig kommen mehr Touristen“ – ist auch nicht viel besser. Wahrscheinlich hat sich bei Sueddeutsche.de sogar noch einer auf die Schulter geklopft, dass er die Nachricht vom ersten Leistungsbilanzüberschuss in Griechenland seit 1948 so schön verständlich zugespitzt hat. Andere Medien haben die Porsche-Enthaltsamkeit etwas weniger prominent gebracht, aber kommen musste sie, die Botschaft: „Siehste, wenn die Griechen ihren Gürtel etwas enger schnallen, dann wird das schon. Außerdem haben die doch immer so viel Sonne und Meer. Man muss eben nur wollen.“

Eine Erfolgsmeldung aus Griechenland, wie wir sie uns schon lange wünschen, weil sie uns anscheinend nichts kostet: ein „historischer Leistungsbilanzüberschuss!“ Spar- und Strebsamkeit helfen halt doch aus dem Tal der Tränen, oder? Also, hier noch mal zum Träumen und Genießen – bevor wir uns diese Leistungsbilanz mal näher anschauen – ein paar Sandkörner für unsere krisenmüden Augen: „Das Souvlaki-Wunder“, „Tourismus rettet Griechen“, „Exporte übersteigen erstmals Importe“, „Griechenland gelingt Historisches“, „Griechenland im Aufschwung“. Jaja. Irgendwann sitzen wir Deutschen dann wieder versöhnt in der Strand-Taverne, lesen unsere Bildzeitung und wenn der alte Dimitrios uns den Retsina bringt, legen wir ihm freundlich die Hand auf die Schulter: „Siehste, geht doch.“…

So, und jetzt bitte aufwachen!

Zunächst zur griechischen Leistungsbilanz von 2013: Da gibt es tatsächlich einen Überschuss, den ersten seit 65 Jahren. Soweit stimmt die Erfolgsmeldung und wer weiterträumen möchte, sollte hier mit dem Lesen aufhören. Denn: Natürlich übersteigen Griechenlands Exporte die Importe NICHT – der Saldo der für den Außenhandel relevanten Handelsbilanz (2013: – 17,2 Mrd. Euro) ist negativ . So wie immer. Wie soll das, bitteschön, auch je anders sein? Höchstens wenn Olivenöl mal so wertvoll würde wie, sagen wir mal, ein Porsche. Oder wenn die Griechen nur noch Aspirin als Krebsmedikament importieren würden.

Bleibt der Tourismus. Dessen beglückendes Wirken erfasst die Dienstleistungsbilanz. Ihr Saldo war schon bisher in Griechenland positiv und ist im vergangenen Jahr tatsächlich auf rund 16,8 Milliarden Euro gewachsen (2012: 15,1 Mrd. Euro). Wie viel davon wirklich dem Tourismus zu verdanken ist, kann man nicht so genau sagen. Aber das ist auch egal, wenn die Story irgendwie zum eigenen Glaubensgebäude passt.

Zurück zur Leistungsbilanz und ihren Unterbilanzen: Fasst man die Salden von Handels- und Dienstleistungsbilanz zusammen, erhält man den Außenbeitrag – und der war in Griechenland auch im Jahr 2013 immer noch, sorry, negativ. Da haben sich also die Griechen keine Porsche mehr geleistet (sic!) und, weil’s billiger geworden ist, kamen sogar mehr Touristen. Und trotzdem leben diese Hellenen einfach über ihre Verhältnisse und auf Kosten des Auslands.

Aber: Der „historische Leistungsbilanzüberschuss“ – wo kommt denn der jetzt her? Die Leistungsbilanz besteht eben nicht nur aus Handels- und Dienstleistungsbilanz, sondern auch aus der Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen und aus der Übertragungsbilanz. Upps. So kompliziert darf die Story dann doch nicht sein, oder? Reicht es nicht, dass die Griechen auf dem richtigen Weg sind, weil sie sparen und in einem tollen Urlaubsland wohnen?

Okay, ignorieren wir die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen – die war 2013 nämlich auch negativ, will heißen: Es wurde mehr Einkommen, insbesondere aus in Griechenland investiertem Kapital, ans Ausland überwiesen als eingenommen. Aus dieser Unterbilanz zieht die Leistungsbilanz also auch keine Freuden.

Bleibt zur Auflösung des Rätsels um den „historischen Leistungsbilanzüberschuss“ nur: die „Übertragungsbilanz“ (siehe auf der englischsprachigen Internetseite der griechischen Zentralbank unter „current tranfers“). Wie Handels-, Dienstleistungs- und Einkommensbilanz ist sie eine Teilbilanz der Leistungsbilanz. Und treffender als Wikipedia kann ich auch nicht erklären, was ihre Besonderheit ist: „Sie umfasst die unentgeltlichen Leistungen, die aus einer Volkswirtschaft hinein- oder hinausgehen und für die keine Gegenleistung erfolgt bzw. durch die keine Forderungen oder Verbindlichkeiten entstehen.“ Kurz: Hilfen und Geschenke.

Hier die Salden der griechischen Übertragungsbilanz der vergangenen drei Jahren:
2011: 0,56 Mrd. Euro. 2012: 1,4 Mrd. Euro. 2013: 4,4 Mrd. Euro. (So können wir uns auch 2014 und in kommenden Jahren wahrscheinlich über so manches „Souvlaki-Wunder“ freuen.)

Wir rechnen mal für 2013 zusammen:
Handelsbilanzdefizit: – 17,2 Mrd. Euro
Dienstleistungsbilanzüberschuss: + 16,8 Mrd. Euro
Bilanz aus Erwerbs- und Vermögenseinkommen: – 2,8 Mrd. Euro
Übertragungsbilanz: +4,4 Mrd. Euro
Ergibt einen „historischen Leistungsbilanzüberschuss“ von rund 1,2 Mrd. Euro.

Wenn also im vergangenen Jahr ein Leistungsbilanzüberschuss erzielt wurde, dann lag das auch an der Hilfe aus dem Ausland – und weniger an einem neuen Tourismus-Wunder. Vor allem aber lag es an der Leidensfähigkeit der Griechen, die in ihrer Mehrheit natürlich nie zu den potenziellen Porsche-Käufern gehört haben. Die aber jetzt unsere Geschichte von der Spar- und Strebsamkeit inszenieren müssen, vom steinigen Weg, der aus dem Tal der Tränen führt. Eine Inszenierung, für die inzwischen jedes statistische Blümchen als Dekoration herhalten muss.

Axel Reimann ist Autor von „Die Rindvieh-Ökonomie. Warum wir den Glauben an die Wirtschaft verlieren“, das im März 2014 im Gütersloher Verlagshaus erscheint. Er bloggt auf www.axelreimann.com

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