Spritz weg den Spaß

Von Angelika Dehmel am 12. März 2014

Mit der App „Spritz“ kann man einen Roman in weniger als zwei Stunden verschlingen. Doch das Binge Eating von einzelnen Wörtern kostet vor allem eins: Spaß

Die Fastenzeit ist da und auf einmal ist nicht mehr hastiges in sich Reinschlingen angesagt, sondern das langsame Genießen der frischen Frühlingsgenüsse. Auf anderen Gebieten ist die Langsamkeit dagegen immer noch unentdecktes – oder wieder verlassenes – Land.

Die neueste Errungenschaft beim Immer-Schneller-Marathon heißt „Spritz“. Die App soll es künftig ermöglichen, sich einen Roman von 300 Seiten in rund zwei Stunden einzuverleiben, indem sie die Wörter perfekt an den natürlichen Lesemodus des Auges anordnet. Das heißt, man liest nicht mehr Satz für Satz, sondern bekommt immer schön ein Wort nach dem anderem serviert, mit einem roten Buchstaben an der Stelle, an der es für das Auge für die Verarbeitung am leichtesten ist.

Ich habe es getestet, bis zu 500 Wörter pro Minute kann man mit der Methode in der Tat verschlingen. Aber es ist anstrengend und ehrlich gesagt extrem unbefriedigend, immer nur ein Wort zu sehen. Der Ausblick auf den nächsten Satz wird einem verwehrt. Wenigstens beim Lesen eines Buchs konnte man sich noch gemütlich in einen Sessel fläzen und wusste, es erwartet ein Abenteuer, das einen idealerweise mehrere Stunden fesselt und unterhält. Ein Buch war Entspannung, Freizeit und Vorfreude auf viele Abende, an denen der Wälzer auf meinem Nachtschrank liegen würde. Dank „Spritz“ könnte das Ganze nun in einen Wettbewerb ausarten: Wer kann die meisten Bücher an einem Tag?

Ein Canapé aus Formfleisch

Natürlich kenne ich Bücher, die ich gar nicht schnell genug lesen konnte, weil sie so gut waren. Bücher, denen ich ganze Nächte geopfert habe, weil ich einfach weiterlesen musste. Die Augenränder am nächsten Tag hatte ich mir ehrlich verdient und fühlte mich trotzdem verdammt gut und unterhaltungstechnisch gesättigt. „Spritz“ dagegen macht aus Schinken wie den Buddenbrooks ein Canapé aus Formfleisch.

Natürlich kenne ich auch Bücher, die furchtbar langweilige Phasen hatten, so dass ich ganze Kapitel – oder im schlimmsten Fall das ganze Buch – einfach überblättern musste. Das geht bei der App auch nicht. Stattdessen hänge in der Endlosschleife der Einzelwörter fest.

Ich kann nachvollziehen, wenn ein Student für das Seminar am nächsten Morgen noch schnell das eine Buch lesen will und dabei „Spritz“ als einzigen Ausweg sieht, um sich vor dem Professor nicht total zu blamieren. Das hätte ich vermutlich mit einigen Fachbüchern auch getan. Aber wer einfach nur schnell den Inhalt eines Buches wissen möchte, der kann sich auch eine Zusammenfassung auf Wikipedia durchlesen. Und wer auf Dauer keine Lust auf Fachbücher hat, hat wohl die falsche Fachrichtung gewählt.

Genau wie beim Fastfood schwindet beim Verschlingen der Genuss – und irgendwann sind wir in puncto Informationsfluss auf der Ebene der Matrix angelangt, wo wir Wissen einfach ins Gehirn hochgeladen bekommen. Effizient. Aber ohne Spaß und ohne diese ganz besondere Befriedigung, die man nur bekommt, wenn man sich etwas durch harte Arbeit angeeignet oder eben angelesen hat.

Angelika Dehmel, Autorin in Hamburg, hat guten und auch weniger guten Büchern schon viele Nächte geopfert. Missen möchte sie keine davon.

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Ulrich Raschke am 12. März 2014

Inhaltlich stimme ich Ihrem Kommentar zu! Allerdings kann man ihn nur richtig verstehen, wenn man vor schon etwas von der App gelesen hatte. Ich dagegen musste erst einmal recherchieren und die naiv technikbegeisterte Kurzrezension auf Chip online lesen (http://www.chip.de/webapps/Spritz-Demo_68440088.html) sowie mich von dort zur Simulation weiterhangeln, um Ihren Kulturpessimismus teilen zu können.
Eigentlich ja nur konsequent: Nachdem wir uns den Geschmack mit Aromastoffen und Geschmacksverstärkern ruiniert haben, können wir auch gleich ganz auf intravenöse Flüssignahrung umsteigen. Und dieses Prinzip lässt sich gewiss auf jede Form des „Inputs“ übertragen. Manchmal hat das vielleicht sogar wirklich Vorteile: Wer sich etwa in 2:11 Minuten den Trailer zu „Spiderman 2“ anschaut (http://youtu.be/xkVgazfbfUs), kann sich den Rest des Films sparen und Zeit und Geld stattdessen in ein gutes Buch investieren!