Altersgrenze rauf!

Von Maike Rademaker am 17. März 2014

Arbeitsministerin Andrea Nahles will Jugendliche unter 18 Jahren vom geplanten gesetzlichen Mindestlohn ausnehmen. Warum dieser Ansatz grundfalsch ist

Arbeitsministerin Andrea Nahles ist bereit, für ein klares Ziel ein seit Monaten geltendes SPD-Prinzip zu brechen – der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde für ausnahmslos alle Arbeitnehmer. Jugendliche unter 18 Jahre, so die Ministerin, sollen davon ausgenommen werden, damit sie nicht der Versuchung verfallen zu arbeiten, statt eine Ausbildung zu machen. Das ist tapfer, aber falsch. Die Ministerin bewirkt mit dieser Altersgrenze – absichtlich oder nicht – wenig, sie muss höher liegen.

Denn Jugendliche sind heute, wenn sie eine Lehrstelle antreten, in den meisten Fällen nicht mehr 15, 16 oder 17 Jahre alt, sondern älter. Gerade mal 27 Prozent, konstatiert das Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB), sind minderjährig, wenn sie den Ausbildungsvertrag unterschreiben. Die Kurve flacht erst mit 21 Jahren deutlich ab – die Grenze, die EU-Länder häufig für die Mindestlohngrenze einziehen, offenbar aus gutem Grund. Das ist der erste Grund.

Schlimmer noch, Nahles’ 18-Jahre-Grenze könnte ausgerechnet da zu Schaden führen, wo es besonders wichtig ist, dass die Jugendlichen lernen statt zu arbeiten – bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Denn diese machen – ebenfalls Zahlen des BIBB – ohnehin seltener eine Ausbildung als deutsche Schulabgänger, und haben dann ein doppeltes Problem: keinen Abschluss und Alltagsrassismus. Schlechtere Chancen kann man in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt kaum haben.

Die Berichte über Jugendliche, die aufgrund ihres ausländisch klingenden Namens, ihrer Herkunft oder weil sie schlecht(er) deutsch sprechen, keine Lehrstelle finden, kennt jeder. Das verzögert den Eintritt in die Ausbildung. Und sie drehen auch deswegen häufiger eine Schleife im Bildungssystem als die ohne Migrationshintergrund und zählen damit oft zu den Älteren. Wer möchte es ihnen verdenken, dass sie zukünftig lieber in Hilfsjobs zu 8,50 Euro pro Stunde arbeiten gehen, als sich den Alltagsrassismus in Deutschland bieten zu lassen und jahrelang Lehrstellen mit wenig Lohn zu suchen?

Zudem dürfte Frau Nahles eine gute Chance haben, bei den Gewerkschaften Gehör für eine höhere Altersgrenze zu finden. Denn die Gewerkschaften finden ihre Mitglieder am leichtesten im Betrieb und unter fertig Ausgebildeten. Wenn Nahles die Jugendlichen wirklich in die Betriebe führen will, muss die Altersgrenze rauf.

Maike Rademaker, Journalistin in Berlin, ist Arbeitsmarkt- und Sozialexpertin. Sie schrieb für die “Financial Times Deutschland” und die “tageszeitung” und ist regelmäßiger Gast im ARD-Presseclub.

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