Ignorieren ist nicht

Von Martin Benninghoff am 16. April 2014

So dumm das Buch „Deutschland von Sinnen“ des Autors Akif Pirinçci auch ist: Die große Aufmerksamkeit zeigt, dass Katastrophendenken und Hassbürgertum schon längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind

Ich habe es ja versucht: dieses Buch zu ignorieren. Tagelang habe ich die Rezensionen in Feuilletons über mich ergehen lassen, so wie man einen kühlen Aprilschauer über sich ergehen lässt in der Hoffnung, dass es bald aufklart. Aber, der Guss geht weiter, immer weiter, und er ist langsam nicht mehr erfrischend, sondern einfach nur noch: eklig.

Die Rede ist von „Deutschland von Sinnen“, ein übliches Pamphlet eines üblen Autors. Akif Pirinçci, Autor von weltweit bestens verkauften Katzenkrimis („Felidae“), geboren 1959 in Istanbul, heute überzeugter Deutscher. In dem Buch hetzt er gegen Schwule, Frauen (zumindest wenn sie Karriere machen wollen und ihm nicht auf dem Schoß sitzen wollen) und natürlich Ausländer, vor allem Muslime. Alles reine Provokation, alles reines Auf-die-Spitze-treiben. Der Verkauf dankt es ihm, in den Bestsellerlisten hat das Buch eine schnelle Karriere hingelegt.

Kleine Kostprobe gefällig? Ne, bitte nicht. Ich habe mir die unappetitliche Mühe gemacht, mich Seite für Seite durch das gruselige Buch voller Hasstiraden durchzuwursteln. Es war nicht leicht. Aber, es war auch nicht schwer, weil der Autor nur Meinung, aber keine Fakten bietet. Er wettert gegen angebliche Umerziehungsideologien, frei nach dem Motto, in Deutschland sei es ja quasi en vogue, schwul zu sein, derweil die Heterosexuellen langsam unter die Räder kämen. Und die Frauen, die die Männerwelt mit ihrem Gender Mainstreaming an die Wand stellten. Jaja, da haben wir ihn wieder, den Mehrklang aus Anti-Islam, Anti-Gender, Anti-Klimawandel, Anti-Gutmenschen, Anti-Rot-Grün. Die Luft eben, die in diversen Internetforen geatmet wird.

So weit, so langweilig. Absolut erstaunlich aber ist der Widerhall, den dieses dumme Buch in den Medien findet. Nicht nur dass das ZDF dem Autor eine Bühne bereitet, die Tagespresse sich immer wieder großzügig dem Buch widmet, meist in einer Mischung aus Ekel und Bewunderung, ja mit Bewunderung. Der Spiegel nennt den Provokateur gar kongenial. Was an platten Hasstiraden aber genial sein soll, erschließt sich dem denkenden Menschen allerdings selbst bei länger Betrachtung nicht: Provokation kann ja sinnvoll und anregend sein, wenn sie besonders trickreich und ansprechend daherkommt und einen ungeahnten Blick in ein altbekanntes Tal werfen lässt. Diese Kriteriums-Hürde reißt das platte Machwerk allerdings. Es ist keine gelungene Provokation. Nicht zu erkennen, dass hier ein Satiriker am Werk ist.

Bleibt die Frage, warum das Buch einen Nerv getroffen haben soll, wie Die Zeit feststellt. Offenbar gibt es in Deutschland eine durchaus ansehnliche Gruppe von Lesern, die sich marginalisiert fühlen. Wir kennen das aus den Leseranalysen des Sarrazin-Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“: meist älter, meist männlich, meist ängstlich, meist zur Mittelschicht gehörend. Das Phänomen, das auch der Tea-Party-Bewegung in den USA Zulauf bringt, ist kein deutscher Sonderweg. Kein deutsches Phänomen der „German Angst“. Es ist eine Zivilisationskrankheit, die kaum zu behandeln ist, die sich aber auswachsen kann, wenn die Generation der Ängstlichen einmal abgetreten ist.

Doch noch sind wir mitten drin in den Veränderungen, die den Risikovermeidern das Fürchten lehrt: Das bisherige Herrschaftsmodell des „weißen Mannes“ wird sowohl in den USA als auch in Europa seit Jahren in Frage gestellt – und hieraus rekrutiert sich auch die merkwürdige Verbindung von Themen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: die Frauenbewegung, die das patriarchale Modell des männlichen Alleinverdieners in Frage stellt. Die Öko-Bewegung, die das Konsumverhalten des statusbewussten Familienvaters in Frage stellt – und vielleicht sogar das Fleischessen hinterfragt. Schande! Wer erinnert sich noch an die „Veggie-Day-Debatte“, die den Grünen bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr viele Stimmen gekostet hat. Ganz so, als bedeute der Vorschlag, etwas weniger Fleisch zu essen, gleich der Untergang des Abendlandes. Und natürlich Zuwanderer, die durch offensichtliches oder nur behauptetes Andersaussehen und Anderskonsumieren und Andersglauben und Andersmeinen das ohnehin wackelige Selbstbewusstsein der Verunsicherten in Frage stellen, ohne dies zu wollen natürlich.

Ein Muster, das auch schon bei Sarrazins Buch oder anderen Büchern, die einen Nerv getroffen haben, zu erkennen war. Das Problem: Der nächste Nervtreffer muss stärker und schmerzhafter sein, sonst hört keiner mehr hin. Die FAZ nannte Pirinçci schon den „Sarrazin auf Speed“. Und Focus Online beschreibt ihn so: Dagegen ist „sogar Sarrazin zahm“. Eskalation also als Gütebeweis? Klingt nicht überzeugend. Und vor allem, wo soll das hinführen, wenn aus Wut Hass wird – was wird dann aus Hass?

Wobei die Eskalation offenbar selbst für diesen Autor eine Grenze hat. Die Zeit hatte ihn in Verbindung mit Hitlers „Mein Kampf“ gebracht: „Die Bezeichnung Rechtsradikaler hätte ich hingenommen, aber das ist eine Unverschämtheit“, konterte er in einem Interview. Rechtsradikal ist okay? Wer so spricht, könnte doch einfach mal rechts liegengelassen werden, oder? Naja, beim nächsten Mal bemühe ich mich mehr, genau dies zu tun. Es sei denn, es ist eine gute Satire.

Martin Benninghoff, Journalist und Redakteur von „Günther Jauch“ in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden zweiten Mittwoch.

 

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