Hau rein, Jan Delay

Von Andreas Theyssen am 25. April 2014

Der Musiker Jan Delay findet, dass sein Volksmusik-Kollege Heino ein Nazi ist. Das ist verdienstvoll – weil er uns daran erinnert, wie dämlich die Faschismuskeule ist

Was macht ein Rapper, wenn ihn ein Kollege nervt? Er disst ihn, und zwar öffentlich. Insofern könnte man viel Verständnis für Jan Delay haben. Nur: Delay ist kein Rapper, sondern Popsänger. Sein jüngstes Album führt gerade die Charts an, weshalb man ihn gutes Gewissens als Mainstream-Barden bezeichnen kann.

Delay hat trotzdem einen Kollegen gedisst, nämlich Heino, einen älteren Herrn, der in der Regel keine Popsongs singt, sondern Schunkelvolkslieder. „Das ist ein Nazi“, hat Delay mal kurz und knapp in einem Interview befunden.

Nun gut, wir finden auch nicht immer prickelnd, was Heino, der ewige Blondschopf aus der Eifel, so macht. Wenn er Lieder wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ covert, die schon in der Nazi-Zeit populär waren. Oder wenn der 75-Jährige seinen Gesundheitszustand mit einem Hitler-Zitat beschreibt: „Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie ein Windhund.“ Allerdings hatten wir nie den Eindruck, dass der notorische Sonnenbrillenträger dem Nationalsozialismus nahe steht, sondern eher etwas schlicht und unbedarft vor sich hin plappert.

Das kann man dämlich finden. Nicht so Jan Delay, der in der Hamburger Alternativszene sozialisiert wurde. Mit seinem apodiktischen „Das ist ein Nazi“ hat er ein Instrument aus der Klamottenkiste geholt, das in den 70-er und 80-er Jahren weit verbreitet war: die Faschismuskeule.

Mit ihr wurden zu jener Zeit Leute traktiert, die anderer Meinung waren als der Keulenschwinger. Sei es, dass sie den Nato-Doppelbeschluss notwendig fanden, nichts gegen die Volkszählung hatten oder einfach CDU wählten. Wer nicht irgendwie links war, bekam gerne mal die Faschismuskeule übergezogen.

In den letzten Jahren ist die Keule reichlich aus der Mode gekommen. Politische Debatten werden differenzierter geführt (vor allem, seit sich Jürgen Trittin weitgehend zurückhält), die Jugend ist in der einlullenden Merkel-Ära unpolitischer geworden (was man nicht unbedingt gut finden muss), und die wirklichen Neonazis sind nicht nur rarer geworden, sondern vor allem mit internen Querelen beschäftigt (was wir mit reichlich Häme beobachten). Insofern ist die Keule reichlich in Vergessenheit geraten.

Aber nun hat uns Jan Delay aufgeweckt und mit seinem Rückfall ins argumentative Mittelalter daran erinnert, dass es die Faschismuskeule noch gibt. Danke für diesen Reminder. Und jetzt vergessen wir die Keule ganz schnell wieder. Und Jan Delay auch.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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