Hübsch geblubbert, Krautreporter

Von Andreas Theyssen am 16. Mai 2014

Ein paar junge Reporter wollen den Journalismus revolutionieren. Das ist schön. So schön, dass man über die Schönheitsfehler des Projekts glatt hinwegsehen könnte

Hoffnung ist immer gut. Vor allem, wenn es eigentlich so gar keinen Grund dafür gibt. Im Journalismus ist das gerade so. Da brechen Auflagen und Anzeigenerlöse ein, Websites schaffen es nicht, ihre Klicks in Werbeerlöse zu verwandeln, Zeitungen schließen, Redakteure werden gefeuert. Mit anderen Worten: Einer ganzen Branche ist das Geschäftsmodell abhanden gekommen.

Da ist es gut, dass es Krautreporter gibt, eine Truppe von 25 meist jungen Journalisten. Sie haben jetzt das gefunden, woran bislang Tausende von Journalisten und Verlagsmanagern gescheitert sind: ein Geschäftsmodell für den Journalismus. Sagen sie zumindest.

Sie wollen ein Online-Magazin ins Netz bringen, das alles anders macht als jene, die es bereits gibt. Werbefrei soll es sein, nur von Unterstützern finanziert und journalistisch ganz anders als all die anderen. „Bei uns bekommen Sie die Geschichten, die Sie lesen, hören und sehen wollen“, sagt Krautreporter Danijel im Werbetrailer, der doch sehr jenen Autoren-Trailern ähnelt, mit denen das Wochenblatt „Die Zeit“ neulich für sich warb.

Und deshalb sollen bis zum 15. Juni 15.000 Unterstützer jeweils 60 Euro zahlen, damit das Projekt für ein Jahr vorfinanziert ist. Binnen drei Tagen zahlten bereits 3200 Leute ein, die offenbar endlich das lesen, hören und sehen wollen, was sie wirklich interessiert.

Diese Idee ist wirklich revolutionär. Bislang haben Verlage Publikationen vorfinanziert und -produziert und dann versucht, Abonnenten zu finden. Die Krautreporter machen es anders. Da sollen die Leser für etwas zahlen, was sie noch gar nicht kennen. Das nennt man, die Katze im Sack kaufen oder aber – dreist.

Zur Natur der Sache gehört, dass man kräftig klingeln muss, wenn man noch nicht wirklich etwas vorzuweisen hat. Und das machen die Krautreporter perfekt. „Wenn Ihr wissen wollt, was wirklich abgeht, dann solltet Ihr genau dieses Projekt unterstützen“, tönt zum Beispiel Krautreporter Jens.

Präpotentes Geblubber

Au ja, wir wüssten wirklich gerne, was abgeht. Zum Beispiel, was Angela Merkel und ihr Vize Sigmar Gabriel tatsächlich in Sachen Russland-Sanktionen besprechen. Oder wie grün sich die beiden Deutsche-Bank-Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain eigentlich sind. Oder welcher Terrorist 1989 den Banker Alfred Herrhausen ermordet hat. Aber leider, leider werden die Krautreporter uns das auch nie verraten. Denn in der Junioren-Truppe findet sich niemand, der bislang durch gute Kontakte ins Kanzleramt, in die Deutsche Bank oder zu den Sicherheitsbehörden aufgefallen wäre. Schade.

Zum Wesen von Revolutionen zählt, dass alles bisherige verteufelt wird. Das ist bei den Krautreportern nicht anders. Zum Beispiel, wenn Jungreporter Tilo tönt: „Eine Zeitung wird gemacht dafür, dass der Anzeigenkunde happy ist, und nicht der Leser. Bei uns ist das anders.“
Das klingt immer gut, hat mit der Medienrealität aber doch recht wenig zu tun. Der „Spiegel“ führt es jede Woche vor, auch FAZ oder „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) sind durch besondere Rücksichtnahme auf Anzeigenkunden bislang nicht sonderlich aufgefallen. Nehmen wir einmal Heribert Prantl, einen der Chefredakteure der SZ. Das ist ein sehr etablierter Journalist. So etabliert, dass man nur die Überschrift seiner Leitartikel lesen muss, um zu wissen, was im Text darunter steht. Aber dass er je Rücksicht auf Anzeigenkunden genommen hätte, sagen ihm nicht einmal seine zahlreichen Gegner nach.

Zum Wesen von Revolutionen zählt, dass alles bisherige verteufelt wird. Zum Beispiel, wenn Krauter Frederick die Medienlandschaft analysiert: „Was Mangelware ist, ist gute Recherche.“

Klingt auch verteufelt gut. Aber es liegt wahrscheinlich an unserer selektiven Wahrnehmung, dass wir bislang den Eindruck hatten, dass der „Spiegel“ (NSA-Affäre), die „Süddeutsche“ (ADAC) oder „Focus“ (Uli Höneß) verdammt viel recherchieren mit ihren paar Hundert Journalisten. Und jetzt sind wir gespannt, wie die gerade einmal 25 Jungkrauter dagegen halten wollen (auch wenn unter ihnen drei ältere und gestandene investigative Journalisten sind).

Man könnte das, was die Krautreporter absondern, als unglaublich präpotentes Geblubber abtun. Tun wir aber nicht. Wir sehen ihr Getöse als mentale Aufbauhilfe für eine Branche, die verzweifelt nach einem Geschäftsmodell sucht. Psychologie ist eben alles.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag. Kommende Woche schreibt „Krautreporter“ und OC-Mitgründer Stefan Tillmann seine Gegenrede.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 26 Bewertungen (3,85 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Cujau am 22. Mai 2014

Die Skepsis ist berechtigt; mehr als berechtigt. Allerdings gehe ich noch einen Schritt weiter. Fakt ist ja, dass es durchaus Reporter bei den Krautern gibt, die wahrlich richtigrichtig gut recherchieren können und das ganz scheufrei vor den Großen der Szene, über die sie schreiben. Etwa Jens Weinreich: Seine Beiträge im Bereich der Sportpolitik sind die best recherchierten weltweit. Das muss man zuvorderst auch anerkennen. Weinreich gehört deshalb vielleicht zu den Lichtblicken oder Leuchttürmen des Projektes. Allerdings: Auch er ist ein Old-Media-Mann, trotz seiner Online-Awards, die er seit 2005 bekommen hat. Er ist aber vielleicht noch der unbequemste Mann der alten Zeitungsart.

Fakt ist: Viele der Kraut-Reporter sind bei den großen Medien groß vertreten. Da liest man dann in der Kurz-Vita, dass die- oder derjenige für Stern, SZ, FAZ, Neon, Welt, ZDF, Arte, ARD schreibt, berichtet oder tätig ist. Das bedeutet: Sie alle bestimmen das Meinungsbild in den großen Medien der Gegenwart entscheidend mit. Warum sollte ausgerechnet ihnen der Kurswechsel gelingen. Der Wechsel, die Perspektive des Lesers so einzunehmen, dass es glaubwürdig klingt, dass sie so genannten neuen Journalismus präsentieren. Wie soll der denn aussehen von ausgerechnet Leuten, die in den Old-Media dick drinstehen? Ich habe da meine Zweifel; selbst bei Weinreich, der in seinem Blog durchaus erfrischend live in den vergangenen Jahren von Live-Ereignissen einen Ticker auf seiner Webseite von der Pressetribüne geboten hat. Mehr davon! Mehr direkt aus den Ausschüssen; oder von dessen Rand, weil aus Ausschüssen der Landes- und Bundespolitik eigentlich nichts öffentlich werden darf. Warum eigentlich, wenn es in der Kreis- und Stadtrats- oder Gemeinderatspolitik ja geht? Transparenz vor Räson heißt da das Motto für mich als Leser.

Ich kenne viele der Reporter nicht; das muss ihnen als Vorschusslorbeer gegben werden. Auch, dass andere wie eben Weinreich bis in die tiefen Abgründe der Macht - hier im Sport wie Olympia oder Weltfußball - hinabgestiegen ist. Bei ihm habe ich durchaus das Gefühl, dass er uns alles verraten hat, was er erfahren konnte, was es zu erfahren gab. Wer Herrhausen auf dem Gewissen hat, ist wohl weniger auf eine Person reduzierbar; wer Rohwedder genauso oder wer wirklich die NSU-Mitglieder gedeckt und die Morde ermöglicht hat.

Aber was ist eigentlich mit dem Lokaljournalismus? Ich habe weniger das Gefühl, dass ich wenig über Merkel, Gabriel oder Trittin weiß als vielmehr, dass es Defizite darüber gibt, wer mich lokal wirklich regiert. Wirtschaft, Kultur oder die Vereine vor Ort mit ihren durchaus sehr differenten Interessen? Wer initiiert einen Volksentscheid gegen die wie auch immer starke oder geringe Bebauung des ehemaligen Flughafengeländes in Berlin-Tempelhof? Was ist gegen Bebauung zu sagen, wenn dann immer noch so viel Grün das Bild prägen wird, so dass Berlin als die grünste Großstadt der Welt die nächsten Jahrzehnte top bleiben wird? Oder ist es doch anders? Wer verhindert wirkliche Aufklärung darüber? Ich bin gespannt, wer sich von den
Stern-, Neo-, SZ-, FAZ-, Spiegel-Novizen da mal ranwagt. Ans Lokale, denn nur hier und in Brüssel wird über unser Leben entschieden; nicht im Bundestag oder in den Parteizentralen. Dort wird unser Leben verwaltet.

Einen schönen Beitrag, was man erwarten kann und was man nicht lesen will, steht übrigens hier: http://www.thilo-baum.de/lounge/die-wunderbare-welt-der-medien/bitte-mitmachen/