Europa ist unsexy

Von Andreas Theyssen am 21. Mai 2014

Die Europäer sollen ein neues Parlament wählen – in einer Zeit, in der die EU so unbeliebt ist wie selten zuvor. Dabei war die Union nie nötiger als heute

Europa. EU. Brüssel. Wenn man als Redakteur sicher sein will, dass die Vorgesetzten ein Thema abschmettern, dann muss man seinen Themenvorschlag nur mit einem dieser Worte verknüpfen. Für Chefredakteure und Ressortleiter sind sie Synonyme für publizistisches Valium, jenen Stoff, der Leser, Hörer und Zuschauer vergrault. Also lieber nichts über Europa bringen.

Europa. EU. Brüssel. Wenn man an Stammtischen für Emotionen sorgen will – und zwar für negative -, dann muss man nur eines dieser Worte erwähnen. Diese Bürokraten, die sich selbst um Glühbirnen und Gurkenkrümmungsgrade kümmern. Diese Subventionsverschleuderer. Diese Euro-Pfeifen, die immer noch die Schuldenstaaten im Süden päppeln. Das sind die Reaktionen, die unweigerlich kommen.

Europa. EU. Brüssel. In der Menschheitsgeschichte gab es kein faszinierenderes politisches Projekt als die Europäische Union. Inzwischen 28 unabhängige Staaten haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam eine Zone des Wohlstandes und des Friedens zu bilden. Und das ausgerechnet in Europa, einem Kontinent, auf dem sich bis in die jüngere Vergangenheit die Völker gegenseitig in blutigen Kriegen zerfleischten, auf dem Millionen von Menschen starben.

Dennoch ist dieses Projekt bei den Menschen, die es bevölkern, völlig in Verruf geraten. Europa nervt, interessiert nicht – nur 2,25 Millionen Zuschauer wollten gestern Abend das EU-Spitzenkandidaten-Duell im TV sehen -, erzeugt Widerstand, wie das europaweite Erstarken von EU-Skeptikern und -Gegnern wie der AfD belegt. Was ist schief gelaufen?

Eine Menge. Die Brüsseler Bürokraten mischen sich in zu viele Alltagsdinge ein. Die politische EU ist in einigen Bereichen immer noch vordemokratisch, zu unklar legitimiert und geregelt sind die Rollen von Kommission, Parlament, Staats- und Regierungschefs. Und der Euro wurde viel zu früh eingeführt; die Wirtschafts- und Finanzunion hätte zwingend vor der Währungsunion eingeführt werden müssen.

Es liegt aber auch an uns, den EU-Bürgern. Wir echauffieren uns über Petitessen, informieren uns – zum Beispiel, wenn wir den deutschen Ausstieg aus dem Euro fordern – nicht über ökonomische Zusammenhänge. Wir sind immer noch im nationalstaatlichen Denken verhaftet. Und über all dem haben wir die großen Zusammenhänge aus den Augen verloren: dass wir in einer Zone des Wohlstandes und des Friedens leben – eben dank der EU.

Wie wichtig dies ist, führt uns gerade Wladimir Putin vor. Russlands Präsident verfährt mit der Ukraine nach Gutdünken, zwackt dem Nachbarland mit Hilfe seiner Soldaten die Krim ab und lässt in der Ostukraine munter Separatisten zündeln. Er kann mit den außenpolitischen Mitteln des 19. Jahrhunderts agieren, eben weil Kiew alleine steht, in kein Bündnis eingebettet ist. Unvorstellbar, dass Putin so mit einem EU-Land verfahren könnte. Und sei es noch so klein.

Wir Deutsche sollten ganz rasch den Gedanken verwerfen, dass uns soetwas nicht passieren könne, weil wir ja ungleich größer sind als die Ukraine. Wir sind alleine nicht in der Lage, einem Aggressor aus der Nachbarschaft zu widerstehen. Militärisch ist die Bundesrepublik etwa im Vergleich zu Russland zu schwach, Deutschland ist zu exportabhängig und zu abhängig von Putins Gas. Nur im Bündnis – sei es die EU, sei es die Nato – ist Deutschland sicher vor Nachbarn, die in Einflusssphären und Territorialansprüchen denken, also in den imperialistischen Kategorien der letzten Jahrhunderte.

Helmut Kohl, den der Zweite Weltkrieg sehr geprägt hat, sagte einmal mit dem ihm eigenen feuchtäugigen Pathos: „Europa ist ein Frage von Krieg und Frieden.“ Er hatte recht. Und wer dies versteht, dem können Europa, EU, Brüssel nicht egal sein.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, erlebte während des Kosovo-Krieges 1999, wie sehr Mazedonier und Kosovaren EU und Nato als Versprechen von Frieden und Wohlstand verstanden. Und wundert sich seitdem, wie wenig die EU-Bürger selber sich dessen bewusst sind.

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Michael Siedenhans am 21. Mai 2014

Der europäische Frieden seit 1945 wird von uns Babyboomern viel zu gering geschätzt. Deswegen gibt es auch keine Alternative zur Europäischen Union - auch wenn uns im Alltag deren Folgen ärgern und nerven.