Nie wieder Deutschland!

Von Stefan Tillmann am 26. Mai 2014

Nachdem die Fußball-Saison endgültig vorbei ist, beginnt die Vorfreude auf die Weltmeisterschaft. Nicht für alle. Unser Autor wird die Bundesliga vermissen, für die Nationalmannschaft kann er sich nicht erwärmen. Den Hype findet er befremdlich

Nun ist sie endgültig vorbei die Fußball-Saison, die Bundesliga, die Meisterschaft, der Pokal, die europäischen Vereinswettbewerbe. Ja, auch die Nacht von Lissabon, dieses tragisches Madrider Stadtderby. Viele werden erleichtert sein, denn das heißt, die Weltmeisterschaft kommt. Die Menschen werden zu Karstadt gehen, eines dieser Trikot-Imitate kaufen oder doch ein Original für 80 Euro, sie werden sich schwarz-rot-goldene Schminke ins Gesicht malen und Deutschland-Fahnen aus dem Fenster hängen. Das 0:0 und das 1:1 zwischen dem HSV und der Spielvereinigung Fürth werden dann weit, weit weg sein. Die Menschen werden den Fernseher einschalten oder sich vor einen dieser Leinwände stellen. Und wenn dann Bastian Schweinsteiger im fernen Brasilien den grünen Rasen betritt, werden sie laut „Deutschland“ schreien.

Ich nicht. Ich kann die deutsche Nationalmannschaft nicht leiden. Nein, ich bin kein Deutschland-Hasser, das war ich auch nie. Und erst recht bin ich keiner dieser chronischen Nationalmannschaftshasser, der zum Länderspiel gegen Ghana seine Mitmenschen mit afrikanischer Schminke im Gesicht nervt. Ich war früher ein großer Fan, bei der EM 1988 war ich beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Italien im Stadion, ich war neun und stand im Fanblock auf einem Punica-Kasten, den mein Vater hineingeschleppt hatte. Das war damals noch möglich. Zwei Jahre später fuhr ich mit meinem Vater und einem Schulfreund nach Mailand und sah bei der WM ’90 das 1:1 gegen Kolumbien, überhaupt sah ich sehr viele 1:1 im Stadion, auch beim Achtelfinale gegen Argentinien 2006 stand es nach 90 Minuten 1:1.

Inzwischen hat sich etwas geändert. Fußballspiele und insbesondere Länderspiele sind keine Auffangbecken mehr für Asoziale auf und neben dem Platz. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Auf der anderen Seite hat dieser Hype so gut wie nichts mehr mit dem Sport zu tun. Die Menschen, die Länderspiele gucken, sind die gleichen, die auch die deutschen Spiele in der Champions League ab dem Halbfinale gucken und blind zur deutschen Mannschaft halten. Ich vermute dabei weniger ein Comeback des Nationalismus, wobei ich diesen auf der Fanmeile und in Berliner U-Bahnen nach Spielen gegen Polen schon zu spüren bekam. Dennoch finde ich es seltsam, dass nun jeder den allgemeinen Fußball-Hype zum Anlass nimmt, um eine nationale Identität zu feiern, auch wenn viele mit dem Sport nach wie vor wenig anfangen können. Ich persönlich mag die aktuellen Spieler der Nationalmannschaft nicht, mir fehlen Typen wie Lasogga, und ich kann mir einen Monat vor der WM noch nicht vorstellen, wie ich Spielern wie Mario Götze, Marko Reus oder Manuel Neuer zujubeln soll, die ich ansonsten überhaupt nicht leiden kann.

Dann lieber Bundesliga, Stadtderbys oder noch besser: Zweite Liga, Fortuna Düsseldorf, das wahre Leben. Auch dort geht es um Identität, Gemeinschaft und Stolz, doch die Menschen, die einen Fußballverein seit Jahren begleiten und lieben, die wollen kein Spektakel, die wollen keine Party, keine Schminke im Gesicht. Die wollen ehrliche Arbeit, und sie verzeihen auch Misserfolg, wenn es nicht läuft. All das ist bei der aktuellen Nationalelf anders. Die Spieler sind erfolgsverwöhnt, bei wichtigen Spielen verstecken sie sich gerne oder suchen hilfesuchend den Trainer, wenn es nicht läuft. Und die so genannten Fans der Nationalmannschaft sind ungeduldig, wenn sie kein Spektakel bekommen, sie pfeifen oder wenden sich ab auf die Tanzfläche, ist ja eh nur ein Spiel, ist ja alles nicht so wichtig. Dann lieber Relegation, lieber Zweite Liga. Denn das ist mehr als nur ein Spiel.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, wird diesen Text vermutlich verfluchen, wenn er in ein paar Wochen – wie eigentlich immer – doch noch vom Fieber gepackt wird.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 12 Bewertungen (3,83 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.