Die HuffPoisierung von Netflix

Von Falk Heunemann am 29. Mai 2014

Die Hoffnungen auf den Streaming-Dienst Netflix sind hoch – zu hoch. Ihm droht in Deutschland ein ähnliches Schicksal wie der einstigen Online-Journalismus-Revolution Huffington Post

Jaja, ein deutsches „House of Cards“ wäre schon schön, wir haben es kapiert. Auch wir wollen eine anspruchsvolle Serie mit Politik, Tiefgang, Shakespearehaften Dramen und einem Hauptdarsteller wie Kevin Spacey. Und das gern auch nicht von den schnarchigen Öffentlich-Rechtlichen oder den Discounterfernsehmachern von RTL und Sat1. Also, sei herzlich willkommen in Deutschland, liebes Netflix, du Hoffnung all jener, die Qualitätserien liebhaben. Und jener, die die Medienrevolution über das Netz herbeisehnen.

Allein: Sie werden wohl enttäuscht werden. Leider.

Das Problem fängt schon bei „House of Cards“ an – dass ähnliches für deutsche Zuschauer produziert werden wird, ist nicht zu erwarten. Wie gesagt: Leider. Und das nicht nur, weil es keinen deutschen Kevin Spacey gibt. Denn die rund 100 Mio. Dollar, die die Serie gekostet hat, lohnten sich für den Streamingdienst nur, weil sie auf Englisch war. Sie kann so weltweit gesehen und verkauft werden. Mit einer deutschsprachigen geht dies nicht so einfach. Also wird das Portal nur einen Bruchteil dieser Summe für die Deutschen ausgeben können.

Zudem: So hoch gelobt das Konzept von Netflix ist, so beschränkt ist bislang der Erfolg. Jenseits von „House of Cards“ hat der Serienverbreiter kaum eigenes anzubieten. Wie auch, das Investitionsbudget des Unternehmens beträgt zwischen 150-190 Mio Dollar im Jahr, wird also zur Hälfte von Kevin Spacey aufgebraucht. Serienhits wie „Breaking Bad“, „Game of Thrones“ oder „Mad Men“ kommen immer noch vergleichsweise herkömmlichen Sendeanstalten (AMC, HBO). Der Bezahlsender HBO investiert jedes Jahr rund eine Milliarde Dollar in eigene Produktionen.
Nun muss das nicht so bleiben, je mehr Netflix wächst, desto mehr Geld könnte das Unternehmen auch für eigene Serien einsammeln. Nur: Gerade auf dem deutschen Markt wird das Wachstum zu gering sein.

Die große Mehrheit der Deutschen hat nicht gerade auf die Amerikaner gewartet. Es gibt ja bereits Alternativen an Streaming-Diensten, wie Maxdome, Watchever oder seit kurzem Amazon Prime Instant Video. Auch dort ist Bingewatching – Komagucken von Serien – oder das Stöbern in Spartenformaten längst möglich. Dazu kommt, dass der Bezahlsender Sky sein Streamingangebot kräftig ausbaut. Diese haben einen erheblichen Vorsprung auf dem Markt. Netflix wäre – anders als in den USA – nicht einer der ersten, sondern einer der letzten. So wie die deutsche Huffington Post. Auch haben sich die Platzhirsche bereits die Rechte an vielen bekannten Serien gesichert. Amazon erwarb erst kürzlich die Lizenzen für die HBO-Hits „The Wire“ oder „Sopranos“.

Was kann Netflix da wirklich Neues dagegen setzen? Vielleicht Serien in Originalfassung. Da allerdings darf man sich auch nicht zuviel vormachen. „Big Bang Theory“, „Game of Thrones“ und andere schauen einige sich durchaus gern an – sicher aber nicht die Millionen, die nötig wären, um marktentscheidend zu sein. Zumal die Englischversteher oft auch wissen, wie man die Folgen über kostenlose, zweifelhafte Quellen bezieht, sofort nach der Erstausstrahlung. Und der große Rest begnügt sich mit den deutschen Varianten im Free-TV – sonst würde ProSieben ja auch nicht wieder und wieder und wieder und wieder „How I Met Your Twoandahalf Big Bang Theory“ wiederholen, drei mal täglich, von Mitternacht bis Mitternacht.

Es wäre ja schön, wenn Netflix tatsächlich die Etablierten erschüttern würde. Wenn es gerade die milliardenschweren Öffentlich-Rechtlichen dazu bringt, endlich mal wieder Qualität zu riskieren und die Quote auch mal zu ignorieren. Wenn Fernsehmacher den Mut zum Risiko wiederentdecken, und zu komplexen Stoffen.

Realistisch ist das allerdings nicht. Wie gesagt: Leider.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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