Der digitale Darth Vader

Von Thomas Schmoll am 10. Juni 2014

Bild.de und Focus Online liegen im Clinch über das Thema Abschreibe. Die rechtliche Frage ist die eine. Die andere lautet: Wo liegt beim copy and paste die Schmerzgrenze? Es ist höchste Zeit, darüber zu diskutieren

Im Zeitalter des digitalen Journalismus benötigt es nicht mehr viel, dass ein Wortgefecht gleich zum Krieg oder zumindest zum Kleinkrieg erhoben wird. Und da, wo das Böse am Werk ist, wirken bekanntlich fiese Typen im Hinter- oder Vordergrund. Von höchster Stelle, zumindest gemessen an Visits, ist Daniel Steil nun bescheinigt worden, zu eben jener Bande elender Schurken zu gehören. Der Chefredakteur von Deutschlands reichweitenstärkstem Newssportal Bild.de, Julian Reichelt, hat seinen Artverwandten bei Focus Online, Daniel Steil, angeklagt, „auf die dunkle Seite gewechselt“ zu sein. Und das, obwohl Steil doch „eigentlich ein netter Kollege“ sei. So formulierte es Reichelt im Branchendienst turi2 auf die – Achtung Wortspiel! – Steilvorlagenfrage: „Warum hält Springer still, wenn Focus Online mit wachsender Begeisterung bei Bild plus Exklusivthemen abgreift?“

Auch wenn hier dem einen oder anderen zunächst einmal die Gegenfrage einfallen mag, auf welcher Seite sich der Chefredakteur von Bild.de wähnt, so ist Reichelts Gepolter mehr als verständlich. Denn die Dreistigkeit, mit der Steils Redakteure sich bei Bild plus bedienen, ist haarsträubend. Auch wegen dieses Ausmaßes an Frechheit betrachten Branchenkenner den Chefredakteur von Focus Online schon länger als Darth Vader. Steil kennt ganz offenkundig tatsächlich weder eine Schmerz- noch eine Schamgrenze. Er ordnet alles dem Ziel unter, sein Portal auf Wachstumskurs zu halten. Alles scheint ihm recht zu sein, die Reichweite zu steigern – und sei es noch so platt und billig. Es bedurfte nicht erst des Schumi-Tickers, um zu erkennen, dass google-optimierter Journalismus à la Focus Online zum reinen Selbstzweck verkommen ist, Klickzahlen zu puschen.

Doch man muss auch die andere (dunkle) Seite sehen: Wenn auch besonders dreist, macht Steil am Ende „nur“ das, was mehr oder weniger die Norm ist. Das Internet ist ein Selbstbedienungsladen. Hier muss gar nicht erst die Website heftig.co angeführt werden, um eben jene fragwürdige Entwicklung im Journalismus anzuprangern, von Websites überall in der Welt abzupinnen, weil das leichter, schneller und billiger ist, als eigene Geschichten zu recherchieren und aufzuschreiben. (Ich bekenne hier ausdrücklich, im Glashaus zu sitzen.)

Damit es nicht auffällt, bedienen sich die Protagonisten eines uralten Tricks zur Verschleierung ihrer Missetaten: Man gibt der Sache einen anderen Namen. Im Journalismus des digitalen Zeitalters heißt copy and paste Kuratieren. Aber bloß weil der mehr oder weniger dreiste Klau nicht Diebstahl genannt wird und im strafrechtlichen Sinne – außer bei gröbsten Verstößen gegen journalistische Normen – tatsächlich keiner ist, ist er nicht weniger schlimm. Abschreibe – egal, ob freundliche oder feindliche Übernahme – ist gängige Praxis, auch wenn die gemopsten Wörter mit redaktionellen Girlanden wie Quellenangaben geschmückt werden.

Es ist ja nicht so, als würde bild.de (oder wer immer) das World Wide Web nicht nach spektakulären Geschichten abgrasen und nur selbst recherchieren. Gegen diese Praxis ist prinzipiell nichts einzuwenden, wenn es sich um ein faires Geben und Nehmen handelt. Abschreibe ist nicht gleich Abschreibe. Schließlich ist eine geklau… äh, eine kuratierte Geschichte Werbung für den Urheber derselbigen.

Seit Jahrzehnten ist es Brauch, dass „Spiegel“, „Süddeutsche Zeitung“, „Stern“ oder eben „Bild“ ihre exklusiven Vorabmeldungen den Nachrichtenagenturen übermitteln. In manchen Redaktionen nennt man sie Klappern. Klappern gehört zum Handwerk, wie wir alle wissen. Es geht darum, größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Als Redakteur bei AP und Reuters habe ich erlebt, dass PR-Leute, auch von Springer, angerufen und fordernd gefragt haben: „Haben Sie unsere interessante Meldung zu XY gesehen? Machen Sie noch was dazu?“ Denn je öfter die Nachricht in Funk und Fernsehen verlesen oder in Zeitungen gedruckt wurde, desto höher war der Werbeeffekt, zumindest der vermeintliche Werbeeffekt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Oder?

„Bild“ gibt nach wie vor Vorabmeldungen, die gedruckt werden und auch bei Bild plus erscheinen, an die Agenturen, die sie verbreiten und damit für gigantisch viele professionelle Newsportale und Blogs, bei einer Topnews sogar im Ausland, zugänglich machen. Insofern ist der, wenn auch scheinheilige, Einwand Steils nachvollziehbar, der Kai Dieckmanns Kritik an Focus Online auf Twitter mit der Frage konterte: „Ihr habt sie (die Meldung – der Verfasser) doch selbst mit Sperrfrist raus gegeben – was ist daran jetzt peinlich?“ Schließlich bietet er, Steil, doch „nur“ eine Meldung von hohem Publikumsinteresse seinen Lesern an. Wer könnte ihm das krumm nehmen?! Bild.de auf alle Fälle.

Peinlich ist, wie gesagt, das Ausmaß der Abschreiberei. Und genau darum geht es. Reichelt nennt das „digitale Hehlerei“. Die Diskussion um einen mutmaßlichen oder tatsächlichen Rechtsbruch ist die eine Frage. Die andere lautet: Wie weit darf Kuratieren gehen? Wo liegt die Grenze? Im Inland? Weltweit? Insofern müssen wir Journalisten, auch wenn das viele nicht gerne hören werden, Reichelt dankbar sein, Steil offen angeprangert und die Diskussion in Gang gebracht zu haben, auch wenn es dem Bild.de-Chef vermutlich nicht um die Generaldebatte ging, sondern allein um sein Produkt.

Denn letztendlich steht dahinter der grundsätzliche Konflikt, welcher Kurs sinnvoll ist und Zukunft hat. Das Modell von Focus Online, Umsatz durch vermarktbare Reichweite zu generiern? Oder die Strategie von Bild plus, Geld für Inhalte zu verlangen? Der Disput zeigt, dass beide Varianten ihre Lücken und Tücken haben. Das ist nicht neu. Statt sich aber weiter zu beharken, wäre ein Waffenstillstand die beste Entscheidung, nämlich die Einigung auf ein Modell. Aber danach sieht es momentan nicht aus. Schade. Denn so hat Darth Vader keinen Grund, die Seite zu wechseln.

Thomas Schmoll, Ex-AP, Ex-Reuters, Ex-Springer, Ex-FTD, Ex-Stern, lebt und schreibt in Berlin, verfolgt die Entwicklung der Branche mit einiger Sorge und weiß auch nicht, wie sie zu retten ist.

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