Wohin wandert der DAX?

Von Ludwig Heinz am 10. Juni 2014

Es ist geschafft. Der DAX hat die Marke von 10.000 Punkten geknackt. Endlich, muss man sagen. Denn viele Börsianer hatten ja schon vor Jahren damit gerechnet, dass dieses Ereignis unmittelbar bevorstünde. Das erste Mal im Jahr 2000, als die Hightech-Euphorie die Aktiennotierungen nach oben trieb, bevor die Dotcom-Blase platzte. Das zweite Mal 2007, bevor die Finanzkrise der damaligen Hausse den Garaus machte. Doch wie geht es nun weiter?

Der DAX hat die Marke von 10.000 Punkten geknackt. Was bedeutet das jetzt für die weitere Entwicklung des DAX? Nichts, sagen kühl denkende Strategen. Denn 10.000 sei eine Zahl wie jede andere und sage für sich genommen gar nichts aus. Doch die meisten Menschen – und deshalb auch viele Anleger – sind wahrscheinlich keine kühl denkenden Strategen. Auf sie übt die runde Zahl eine besondere Faszination aus. Aus diesem Grund ist damit zu rechnen, dass Investoren bei diesem DAX-Stand vermehrt aktiv werden. Die einen, weil sie glauben, dass es bei diesem Niveau kaum noch nennenswert nach oben gehen kann, die anderen, weil sie hoffen, dass nun der Weg frei ist bis zur Marke von 11.000 Zählern. Gut möglich, dass das in den kommenden Wochen zu stärkeren Kursschwankungen führt.

Auffällig ist, dass trotz der 10.000 Punkte keine Euphorie herrscht. Die fehlende Begeisterung der Börsianer dürfte damit zu tun haben, dass ihnen bewusst ist, was die Notierungen auf das historische Hoch getrieben hat. Kurstreiber waren weder überschäumende Konjunkturaussichten noch traumhafte Zuwächse bei den Unternehmensgewinnen, sondern primär das billige Geld, mit dem die großen Notenbanken dieser Welt die Märkte fluten.

Genau dieser Zusammenhang war vergangene Woche zu beobachten. An der Börse wurde nach den überraschend niedrigen Mai-Inflationszahlen für die Eurozone erwartet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer Ratssitzung am Donnerstag eine ganze Reihe neuer geldpolitischer Lockerungsmaßnahmen beschließen würde. Weil man sich nicht sicher war, ob die Notenbanker die Erwartungen tatsächlich erfüllen, dümpelten die Aktienkurse von Montag bis Donnerstag ohne große Ausschläge dahin. Als dann die Beschlüsse bekannt wurden, da sprang der deutsche Vorzeigeindex über die 10.000 Punkte, um diese Marke dann kurz darauf wieder zu unterschreiten. Insgesamt blieb also nur ein bescheidenes Kursplus, nachdem den Marktteilnehmern klar wurde, dass die EZB-Maßnahmen weitgehend den Erwartungen entsprachen.

In jedem Fall handelt es sich bei den EZB-Beschlüssen um geldpolitische Schritte, mit denen die Zentralbanker neues Terrain betreten. Sie senkten den Leitzins für Euroland von 0,25 auf 0,15 Prozent, womit der so niedrig ist wie nie zuvor. Gleichzeitig legten sie erstmals in der Geschichte der EZB einen negativen Einlagensatz für die Banken fest, das heißt: Banken der Eurozone, die Geld bei der Notenbank parken, müssen eine Strafzins von 0,1 Prozent zahlen. Auf diese Weise will die EZB die Banken dazu bringen, das Geld lieber in Form von Krediten an die Realwirtschaft weiterzureichen. Außerdem werden den Geldhäusern langfristige Kredite zum Fast-Nulltarif angeboten, verknüpft mit der Bedingung, damit Kredite zu vergeben. Darüber hinaus bereiten EZB-Chef Mario Draghi und seine Mitstreiter ein Programm vor zum Kauf von Asset-Backed-Securities, also von besicherten Wertpapieren.

An den europäischen Märkten für Staatsanleihen bewirkten die EZB-Beschlüsse weiter rückläufige Risikoaufschläge der Euro-Peripherie. Das wiederum begünstigte an den Aktienmärkten europäische Finanzwerte – besonders aus Frankreich, Italien und Spanien. Ungeachtet der Beschlüsse der EZB und der damit verbundenen Abschwächung des Euro, die üblicherweise die europäischen Aktienmärkte unterstützt, entwickelten sich der DAX und der EURO STOXX 50 relativ zum zuletzt sehr dynamischen amerikanischen S&P 500 in den letzten Tagen allerdings etwas schwächer. Das deutet darauf hin, dass die EZB-Maßnahmen und die Erwartungen im Vorfeld der Zinssitzung die jüngsten Indexrekorde an den Aktienmärkten nur zum Teil erklären. Die für die positive Entwicklung in Europa wichtige Stärke des US-Aktienmarktes resultiert vor allem aus der Kombination günstiger Konjunkturdaten in Amerika, der noch immer expansiven Geldpolitik der US-Notenbank Fed und einer Stabilisierung der Markterwartungen für die US-Unternehmensgewinne.

Untermauert wurden die günstigen Aussichten für US-Firmen in der vergangenen Woche durch positive US-Konjunkturzahlen. So stiegen von April bis Mai sowohl der ISM-Index für die Industrie (von 54,9 auf 55,4 Punkte) als auch derjenige für den Dienstleistungssektor (von 55,2 auf 56,3 Punkte). Dabei verbesserten sich jeweils auch die Auftragseingangskomponenten auf ohnehin schon hohem Niveau überproportional. Es zeigt sich, dass die Konjunkturdynamik in den USA nach der witterungsbedingten Schwäche im Winter wieder klar aufwärts gerichtet ist. In anderen Weltregionen verliefen die Trends zuletzt unterschiedlich. In China zeigten die Einkaufsmanagerindizes für die Industrie nach vorangegangener Schwäche ebenfalls weitere Besserungstendenzen, während der Composite-Einkaufsmanagerindex des Euroraums einen leichten Rückgang von 54,0 auf 53,5 Punkte hinnehmen musste. Auf weltweiter Ebene stieg der JPMorgan-Global-Manufacturing-Index moderat von 51,9 auf 52,2 Zähler bei überproportional verbesserter Auftragseingangskomponente.

In der neuen Woche stehen nur wenige Konjunkturdaten auf der Agenda, die den Aktienmärkten Impulse verleihen könnten. Für den Euroraum wird die Industrieproduktion von April veröffentlicht, dessen Marktwirkung aber begrenzt sein dürfte. Interessanter dürfte da schon der Index des Sentix-Investorenvertrauen der Eurozone sein. Aus den USA sind der Einzelhandelsumsatz und das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan zu nennen. Analysten gehen davon aus, dass die Zahlen deutlich besser ausfallen als für den jeweiligen Vormonat.

Insgesamt präsentieren sich die Konjunktur-Frühindikatoren weltweit auf erhöhtem Niveau stabil bis leicht aufwärts gerichtet. Das spricht dafür, dass Anleger weiterhin steigende Kurs-Gewinn-Verhältnisse bei Aktien akzeptieren, sodass sich der Kursaufschwung fortsetzen dürfte. Zusammen mit der expansiven Geldpolitik könnte das den DAX in den kommenden Wochen nachhaltig über die 10.000-Punkte-Marke treiben. Längerfristig spricht allerdings besonders das fortgesetzte Tapering der Fed, also die Kürzung der monatlichen Anleihekäufe, sowie die für Mitte 2015 erwartete Leitzinserhöhung in den USA für schwächer werdende positive Impulse an den Aktienmärkten.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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