Die Markus Lanze des Fußballs

Von Falk Heunemann am 26. Juni 2014

Warum ist es zum Massensport geworden, pauschal über die Kommentatoren bei der Fußball-WM herzuziehen? Weil über Politiker und Ausländer zu lästern langweilig und politisch unkorrekt ist?

Es ist noch gar nicht so lange her, da erregte sich Fernsehdeutschland über einen gewissen Markus Lanz. Es gefiel nicht, dass er die arme Sahra Wagenknecht ausreden lassen wollte. Es gefiel nicht, dass er sie unterbrach, und dennoch eine halbe Stunde zu Wort kommen ließ. Vermutlich gefiel auch seine Stimme nicht, sein Tonfall, seine Krawatte, und überhaupt. Also gab es sogar eine Petition gegen ihn. Das ZDF hat, zum Glück, sie ignoriert.

Nun ist Fußball-WM, und weil Markus Lanz derzeit nicht auf Sendung ist, müssen derzeit offenbar die Spielkommentatoren für die Kollektivkritik herhalten. Mal sind sie den Kritikern zu emotional, mal zu langweilig, mal sagen sie zu viel, mal zu wenig. Wer etwas auf sich hält, der jammert über Tom Bartels, Bela Rethy, Steffen Simon.

Nicht immer ist die Kritik unberechtigt. Ja, auch ein Bela Rethy interpretiert mal eine Szene falsch. Ja, ein Tom Bartels jubelt manchmal zu sehr über Robben. Und ja, ja, ja, Wolf-Dieter Poschmann gibt den Anschein des Ahnungslosen.

Aber gerade bei letzterem zeigt sich, wie überzogen die Kritik ist. Erstens, weil man schon spätnachts einen der Digitalkanäle einschalten muss, um ihn zu hören. Aber vor allem: Wenn man es tut, merkt man, sooo schlimm ist er gar nicht. Er ordnet ein, nennt schwache Spiele „schwach und enttäuschend“, erklärt die Gründe dafür an Beispielen, und manchmal schweigt er sogar. Er lässt sich ertragen.

Und auch die anderen sind nicht so schlecht, wie ihre Kritiker gern tun. Sie interpretieren Spielszenen und Schiedsrichterentscheidungen, erwähnen Geschehen abseits des Platzes und räumen auch mal Unwissen ein. Das war schon mal schlimmer.

Dabei ist ein Live-Kommentar ganz schön schwer. Man möge es gern mal selbst probieren, zwei Mal 45 Minuten ein Spiel zu begleiten, ohne in Floskeln zu verfallen, sich zu verhaspeln, den Faden zu verlieren, ohne Szenen zu verpassen, ohne ständig nur das zu beschreiben, was man ohnehin sieht und ohne gestelzt und aufgesetzt zu klingen. Ohne zu klingen wie ein angetrunkener Stammtischnachbar. Oder auch, ohne ständig Irrelevantes von sich zu geben. Das merken etwa jene, die mal auf Marcel-ist-Reif.de gehen. Dort kommentieren Laien aktuelle WM-Spiele. Und zeigen, wie wenig Fehler die Profis tatsächlich machen. Die Zuhörer merken das übrigens auch, kaum einer der Laien-Sprecher hat bei Spielen mehr als ein paar Dutzend Konsumenten.

Aber warum dann diese pauschale, scharfe Kritik an den echten WM-Kommentatoren? Es ist offenbar schick geworden, sich über Fernsehfiguren lustig zu machen. Das kann jeder, es ist lustig, folgenlos und verbindet. Gerade, wenn sie regelmäßig – wochentags als Talkshow-Gastgeber oder alle zwei Jahre bei internationalen Turnieren mit Millionenpublikum – im Fernsehen zu sehen sind und damit nahezu berechenbar neue Anlässe zur Schmähkritik liefern. Das Kommentatoren-Lästern gehört einfach dazu, ohne groß darüber nachzudenken, warum eigentlich. Oder es gar konkret zu begründen.

Früher machte man sich über Politiker lustig, noch früher über Schwarze, Polen und Franzosen. Aber das eine ist langweilig geworden und das andere nicht mehr opportun. Also müssen TV-Kommentatoren dran glauben.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

 

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alikatze am 26. Juni 2014

Vielen Dank für Ihre Ausführungen, die ich im Großen und Ganzen teile. Es passt aber auch zu vielen richtigen Kommentaren und Meineungen zu einer "Kultur" des Kritisierens oder "bashens", wie sie an vielen Orten und am lautesten in Netz-Foren und -Kommentaren zu hören sind. Was fehlt oder zu leise klingt ist konstruktive Kritik - die auch dem kritisierten die Möglichkeit gibt, zu reflektieren und bei Bedarf an sich zu arbeiten.
Ich bewerte live-Kommentare auch nicht als die Krone des Textens. Sie sind eben eine der schwierigen Disziplinen der Improvisation. Und dafür, finde ich, machen "unsere" Kommentatoren das gut und viel gefälliger, als das, was man ab und zu mal aus den benachbarten Sprecherkabinen hört.
Was ich von den Kommentatoren erwarte ist, dass sie z.B.die Spielernamen einigermaßen korrekt aussprechen - da gibt es ja zur Not die Lautschrift. Es wirkt unvorbereitet oder lässt auf mangelnden Respekt schließen, wenn z.B. die Iranischen Spieler Haghighi (Alireza und Reza) "Hagigi" und nicht "Hariri" ausgesprochen werden. Klar, das ist Kleinkram und nicht existenziell, aber es trennt die guten von den sehr guten ;-)

Hausverwaltung Essen am 1. Juli 2014

M. E. liegt es an der einfachheit des Bashings übers Internet.
Es ist einfach einen Artikel zu posten, ein Like bei einem negativen Kommantar zu setzen.
So ergibt es eine Eigendynamik, die es vorher nie gab.