Nein zum Burka-Verbot

Von Martin Benninghoff am 9. Juli 2014

Klar, Burkas sind eine Zumutung! Allerdings weitaus mehr für die Frauen, die darin stecken, als für Betrachter, die den Anblick des Kleidungsstücks nicht ertragen können. Vor allem aber drängt ein Burka-Verbot die Frauen noch viel mehr ins Abseits

Wer behauptet schon ernsthaft, am Beispiel der Burka müssten wir Religionsfreiheit und ihre Grenzen diskutieren? Eine Burka – und in abgeschwächter Form auch der Niqab – sind grausame Kleidungsstücke, weil sie Individuen entmenschlichen. Ein Kopftuch verdeckt die Haare, aber nicht das Profil, die Augen, die Konturen. Eine Burka allerdings macht aus einem Menschen mit all seinen Vorzügen und Schwächen, Eigenarten und Talenten eine amorphe Masse, die austauschbar wird wie ein Heer geklonter Soldaten. Das ist common sense in Deutschland, in Europa, übrigens auch in manchem arabischen Staat (zumindest bisher), und nur wenige Extremisten werden die Burka in Schutz nehmen.

Ihr Verbot, wie es in Frankreich unter anderem herrscht, ist aber dennoch falsch! Und die Debatte, die seit einigen Tagen wieder geführt wird, ist noch falscher. Viele Kommentatoren begrüßen das französische Verbot der Vollverschleierung auf öffentlichen Plätzen und seine Bestätigung durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nämlich ausschließlich aus der eigenen, egoistischen Perspektive der Zumutung. Henryk M. Broder hat diesen postpotenten Egozentrismus neulich in der „Welt“ so auf den Punkt gebracht: „Jede Gesellschaft hat das Recht, Spielregeln und Grenzen der Zumutbarkeit festzulegen.“

Es geht also darum, sich selbst zu schützen vor einem unangenehmen Anblick. Schon 2007 hatte der im Alter irrlichternde Ralph Giordano über Burka-Trägerinnen von „menschlichen Pinguinen“ gesprochen, obwohl dabei nicht ganz klar wurde, ob die doch durchweg als niedlich und putzig bekannten Tiere der richtige Verweis in diesem Kontext waren. Aber sei’s drum, Giordano und Broder empfinden die Burka als Anmaßung, die sie aus Eigensinn nicht ertragen können. Aber ist es eine Lösung, die Frauen zu beleidigen? Wohl kaum.

Persönlich und emotional ist das ja verständlich, als politische Richtschnur aber doch ziemlich lächerlich, weil die Entmenschlichung der Frau selbst in diesem Argument noch – wahrscheinlich unwissentlich – weitergeführt wird: Es ist nämlich augenfällig, dass kaum noch über die Frau unter der Burka gesprochen wird. Leider wird auch zu wenig in den Medien berichtet: Was hat sie zu erdulden? Was denkt sie? Was treibt sie an? Ist sie in einer echten Notlage oder hat sie sich – aus welchen Gründen auch immer – tatsächlich frei dazu entschieden, ein solches Kostüm anzuziehen? Wer nur über die eigene Zumutbarkeit spricht, interessiert sich offenbar allenfalls für ein Phänomen, das als abstoßend empfunden wird, nicht aber für den Burka tragenden Menschen, der in Wahrheit als einziger wirklich selbst betroffen ist.

Vergessen wir nicht: Die Burka ist ein Randphänomen, laut Schätzungen tragen in Frankreich weniger als 2000 von mehreren Millionen muslimischen Frauen die Ganzkörperkutte. Sie ist ein stoffgewordener Auswuchs einer frauenverachtenden Ideologie, die sich in extremen Winkeln des Islam breitgemacht hat. Die Frage ist nur: Können wir diese Ideologie bekämpfen, wenn wir die Frauen, die eine Burka tragen müssen, um die wenigen Kontakte bringen, die sie zur Außenwelt noch haben? Wir drängen sie endgültig in den privaten und abgeschlossenen Raum, wenn wir ihr Auftauchen auf öffentlichen Plätzen mit Strafzahlungen und gesellschaftlicher Ächtung sanktionieren. Wir isolieren sie weiter, wenn wir uns über sie nur lustig machen oder sie verunglimpfen. Der Anblick einer Zumutung, wie manche empfinden, ist dann zwar vermieden – das Unglück aber geht im Verborgenen weiter. Damit kann sich keine demokratisch-menschenrechtliche – oder in anderer Lesart christlich-nächstenliebende – Gesellschaft abfinden.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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