Das Down-under-Syndrom

Von Stefan Tillmann am 4. August 2014

Der Fall des australischen Pärchens, das ein behindertes Kind bei der  thailändischen Leihmutter ließ, zeigt nicht nur ein abartiges Verhalten der Eltern. Es stellt auch die massenhafte Abtreibung von Trisomie-21-Kindern infrage

Es ist eine sehr moderne Tragödie, die sich da zwischen Australien und Thailand abspielt: Ein australisches Pärchen lässt sich von einer Leihmutter Zwillinge austragen, nimmt am Ende aber nur ein Kind und lässt das andere bei der Leihmutter: weil es Trisomie 21 hat. Das Pärchen wurde weltweit beschimpft, dabei ist der Fall durchaus komplex und wirft moralische Fragen nicht nur nach der Leihmutterschaft auf, sondern auch nach der massenhaften Abtreibung von Trisomie-21-Kindern.

Fakt ist wohl: Nachdem das Paar per Voruntersuchung erfahren hatte, dass ein Kind Trisomie 21 – also das Down-Syndrom – haben wird, bat es die Leihmutter, das Kind abzutreiben. Dabei ist es bei Zwillingen durchaus wahrscheinlich, dass beide Kinder sterben. So weit kam es nicht. Die Thailänderin weigerte sich, insofern – und so argumentieren viele nun auch – ist es nur folgerichtig, dass sie das Kind behält und die Australier es nicht nehmen – sie hatten es ja bereits abgelehnt. Am Ende hat die Leihmutter ein Kind, das sie offenbar will und die leiblichen Eltern haben ein Kind nicht, das sie nicht wollten.

Unabhängig davon, was dieses am Ende sehr kaltherzige Verhalten über die leiblichen Eltern aussagen mag, stellt sich die Frage, ob das Ergebnis nicht für alle Beteiligten besser ist, als die gängige Praxis der massenhaften Abtreibung von Trisomie-21-Kindern. Jedes 800. Kind hätte ungefähr das Down-Syndrom. Doch viele werdende Eltern prüfen ihr Ungeborenes. Wenn die Nackenfaltmessung auffällig ist, kommt die Fruchtwasseruntersuchung. Kommt es dann zur Trisomie-21-Diagnose, werden mehr als 90 Prozent aller Schwangerschaften abgebrochen, obwohl die meisten Frauen über der 16. Schwangerschaftswoche sind.

Die gesetzliche Vorschrift – dass „Lebensgefahr oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren“ bestehe – dürfte auch nur selten zutreffen. Vielmehr scheint der Umgang mit der Krankheit ein Auswuchs einer perfektionistischen Wohlstandsgesellschaft zu sein, in der alles möglich ist, die auch für Trisomie-21-Kinder problemlos sorgen könnte, in der aber für Unperfekte offenbar kein Platz ist.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, hat bei seiner Tochter keine Nackenfaltmessung machen lassen, da er sie auch bei Trisomie 21 behalten hätte.

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Franz Müller am 6. August 2014

Als ob "Perfektion" das Thema wäre.
Und als ob es für alle Beteiligten in Summe nicht besser wäre, wenn statt Kindern mit Schädigungen gesunde Kinder auf die Welt kommen würden. Wenn ich die Absicht habe, zwei Kinder zu bekommen, warum soll ich dann mutwillig eines in die Welt setzen, das es mir schwer machen wird, und das es selbst viel schwerer haben wird als ein gesundes Kind, und das mir so viel Konzentration abverlangen wird, dass ich sogar dem anderen, gesunden Kind nicht die Aufmerksamkeit widmen können werde, die ihm zustehen würde? In so einem Fall ist Abtreibung einfach die beste Lösung, zu dem frühen Zeitpunkt weiss der Fötus nicht einmal, dass es ihn als Mensch nicht geben wird.
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Selbstverständlich sollen das Eltern für sich entscheiden, aber Kritik durch Unbeteiligte an Menschen, die sich in so einem Fall für Abtreibung und gegen eine unnotwendige Belastung für alle Beteiligten entscheiden, hat einen recht üblen Beigeschmack.

Zaunkoenigin am 14. September 2014

Sie sind wirklich der Meinung, dass Frauen, die ein Kind mit Trisomie 21 abtreiben das tun, weil es bequemer ist? Wieviel haben Sie zu diesem Thema recherchiert? Mit wie vielen betroffenen Menschen (die, die abgetrieben haben und die, die Kinder betreuen/aufziehen) haben Sie gesprochen? Haben Sie die möglichen Randerscheinungen rund um die Betreuung eines behinderten Kindes berücksichtigt? Haben Sie bedacht, was mit Menschen mit Trisomie 21 wird, wenn sie irgendwann einmal alleine in der Welt stehen?
Ich glaube nicht, dass die Masse der Frauen es sich beim Thema Abtreibung leicht macht. Auch nicht bei Trisomie 21. Fakt ist doch, dass in der Regel die Familien und manchmal nur die Frauen (weil sie entweder Single sind, oder der Partner eine Geburt nicht mittragen möchte) sind, die die Last bis ans Ende ihrer Tage tragen müssen. Ja Last, denn ein behindertes Kind bedeutet Einschnitte in die Finanzen und in den Alltag. Nichts ist mehr wie es war und es wird es auch nie wieder sein.

Das schreibe ich, obwohl ich, wie Sie der Meinung bin, dass Trisomie 21 kein Abtreibungsgrund sein müsste. Aber ich denke auch, dass, um keiner mehr sein zu müssen, viel mehr von uns als Gesellschaft getan werden muss.

Kurz und gut, Ihr Artikel kratzt mir zu sehr an der Oberfläche. Auch was dieses australische Paar angeht. Moral ist eben nicht so einfach in ein paar Sätzen zu beleuchten.

Trotzdem, danke für das Aufgreifen dieses Themas!