Die falschen Zahlen der Videodienste

Von Falk Heunemann am 14. August 2014

Portalen wie Maxdome, Netflix und Videoload gehört die TV-Zukunft in Deutschland, behauptet eine neue Umfrage. Das schürt falsche Vorstellungen, denn die wahren Zahlen sagen etwas anderes – sofern man sie findet

Bitkom meint es sicher gut. „40 Millionen Deutsche schauen Videos per Stream“, verkündete der Verband der Internetunternehmen jetzt, sicher nicht ohne Stolz. Das wären schließlich mehr als das WM-Finale Deutschland-Argentinien gesehen haben – angeblich 35 Mio, laut Quotenmessung der GfK.

Doch genausowenig wie man den GfK-Zahlen trauen kann (haben wirklich 45 Mio. Menschen in Deutschland kein Finale geschaut?), so wenig hilfreich ist die Umfrage des Bitkom. Sie erzeugt falsche Erwartungen, bei Zuschauern wie bei Unternehmen. Und verstellt den Blick auf die Probleme von Video-on-Demand (VoD) in Deutschland.

Dabei klingen die Bitkomzahlen gut. Zu gut. „Video-Streaming ist in fast allen Altersklassen weit verbreitet“, jubelt Christian P. Illiek aus dem Verbandspräsidium und zitiert viele. Viele Zahlen: „87 Prozent der 14- bis 29-jährigen Internetnutzer rufen Videos per Stream ab. Gut drei von vier der 30- bis 49-jährigen (78 Prozent) tun dies, bei den 50- bis 64-jährigen sind es zwei Drittel (65 Prozent). Sogar jeder Dritte ab 65 Jahren (34 Prozent) schaut Video-Streams im Netz.“ 87 Prozent, 78 Prozent, 65 Prozent – das klingt präzise, genau, unbestreitbar. Und unglaublich.

Sie kommen vom Hamburger Meinungsforschungsinstitut Aris, das für Bitkom auch schon herausgefunden hat, dass Arbeitnehmer nicht mit ihrem Chef auf Facebook befreundet sein wollen (57 Prozent),, dass viele nicht auf ihr Smartphone verzichten wollen (61 Prozent) oder dass Berufstätige im Schnitt 18 Mails pro Tag bekommen.

Nur 18? Tatsächlich?

Zweifelhafte Umfrage

Nun legen Bitkom und Aris leider nicht viel mehr über diese Erhebungen offen als dass es repräsentative Umfragen gewesen seien, mit rund 1000 Befragten. Das allein wäre kein Problem, bei Umfragen zu Bundestagswahlen werden ähnlich viele befragt.

Allerdings: Wahlumfragen werden gewichtet, mit dem tatsächlichen Abstimmungsergebnis bei der letzten Wahl. So können Verzerrungen herausgefiltert werden, etwa weil die Antwortenden die SPD nicht mögen – sie aber doch wählen. Oder umgekehrt. Oder dass sie sagen, sie hätten VoD-Portale wie Maxdome, Watchever oder Videoload schon mal gehört oder haben es als App auf ihrem Fernseher. Und meinen damit aber nur, dass sie diese kennen und gar nicht wirklich nutzen.

Man müsste also prüfen, wie viele Kunden diese Portale haben und das vergleichen mit der Bitkom-Studie. Laut dieser nutzen schließlich 19 Prozent der Deutschen VoD-Angebote, 17 Prozent zahlen dafür. Das wären bei 40 Millionen Streamern (laut Bitkom) also bis zu zehn Millionen. (Die anderen 30 Millionen sind übrigens vor allem Youtube-Gucker, Oder Clickfish-Fans. Portale also, die sich auf Minivideos spezialisiert haben. Die in eine Reihe mit VoD-Angeboten zu stellen, ist gewagt, aber hier nebensächlich.)

Wie geht es der Branche wirklich?

Haben Maxdome und Co zehn Millionen Nutzer? Merkwürdigerweise schweigen die VoD-Anbieter dazu. Watchever spricht von rund 25 Mio Nutzungsstunden, nicht aber über die Zahl der Kunden. Vor einiger Zeit rechnete Watchever-Chef Stefan Schulz vor, sein Unternehmen gewinne im Schnitt 2000 bis 4000 Kunden hinzu. Wie viele er verliert, sagte er nicht. Wohl aber, dass er „die halbe Million Kunden“ fest im Blick habe.

Als Marktführer gilt allerdings Maxdome. Doch auch die Tochter von ProSiebenSat1 schweigt über Nutzerzahlen, nennt lieber stolz die Zahl 60.000. So viele Filme und Serienfolgen seien im Angebot. Auch im Geschäftsbericht der P7S1 Medien AG findet sich nichts Konkretea. Maxdome gehört zum Bereich Digital&Adjacent. Dieser machte im 2. Quartal 2014 einen Umsatz von 149 Mio. Allerdings, wie der Quartalsbericht betont, vor allem dank des „Travel-Clusters“, also Reiseportalen wie ferien.de oder mydays. Maxdome wird in einem Nebensatz erwähnt. Das klingt nicht nach einer Erfolgsgeschichte.

Zumal, wenn man auf die Zahlen vom Verband der Videoverkäufer BVV blickt: Demnach wurden vergangenes Jahr auf Video-Plattformen rund 34 Mio. Euro durch Abonnements erlöst und 68 Mio. durch den Einzelabruf von Videotiteln. Zum Vergleich: Der DVD-Umsatz beträgt eine Milliarde pro Jahr, der von BluRays 410 Mio. Euro.

Solche Zahlen deuten also stark darauf hin, dass die Umfragezahlen von Bitkom nicht mehr wert sind als die Powerpoint-Folien, auf denen sie präsentiert werden.

Die Gründe für das bisherige Scheitern

Das wird Interessierte nicht davon abhalten, sie herum zu zeigen. Sie werden erzählen, was für ein fantastisches Wachstumspotenzial dieser Markt in Deutschland hat, wie offen die Deutschen für solche Angebote bereits sind. Und wie gern sie bereits dafür zahlen.

Statt blind an Umfragen und an das Wachstum zu glauben, sollten die Anbieter jedoch selbst genau nachmessen. Denn Video-on-Demand ist in seiner jetzigen Form ein Nischenmarkt. Das liegt weder an der Technik – dank Smart-TV und Tablet-Apps ist der Zugang so einfach wie nie – noch an der Infrastruktur. Die Übertragungsgeschwindigkeiten reichen aus, die Bezahlungswege sind unkompliziert.

Das Problem sind die Inhalte: Blockbuster-Filme wiederum sind kaum in den Abo-Paketen drin und kosten fast so viel wie eine Kauf-DVD (die Extras bietet). Aktuelle Serien, erst recht in Originalfassung,  sind ebenfalls Mangelware. Beim kostenlosen Myvideo etwa wird Son of Anarchy in deutsch als vierte Staffel gezeigt, in der englischen Fassung aber nur die erste und zweite. Die deutschen Episoden kommen auf rund 50.000 Zuschauer, die englischen auf wenige tausend. Nicht viele, aber immerhin.

Vor allem aber: Watchever und Maxdome haben leider immer noch kaum etwas, was frei empfangbare Sender nicht ohnehin schon bieten. Amazon Prime investiert immerhin in eine Reihe von eigenen Serien, bislang scheint dort aber das Budget nicht für gute Drehbücher gereicht zu haben.

Mit diesen Problemen müssen sich die Anbieter beschäftigen und sie auch öffentlich diskutieren. Sie zu lösen, wird sicher nicht einfach, die Lizenzrechte sind komplexer als bei Musik, selbst Inhalte zu produzieren ist teuer und riskant. Aber diese Schwächen einzugestehen, wäre immerhin ein Schritt dazu zu überlegen, wie sie überwunden werden können. Das aber ist den Anbietern und ihrem Verband Bitkom wohl nicht werbewirksam genug.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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