Boykottiert Russland!

Von Andreas Theyssen am 29. August 2014

Moskau führt Krieg gegen die deutlich kleinere und schwächere Ukraine. Das sollte niemand einfach hinnehmen. Weitere Sanktionen müssen her, und jeder einzelne kann dazu beitragen

Gibt es eigentlich noch irgendeinen Zweifel daran, dass Russlands Präsident Wladimir Putin Krieg gegen die Ukraine führt? Russische Truppen besetzen die Krim und Putin lässt die Halbinsel annektieren. Russische Militärkonvois dringen tief in ukrainisches Territorium ein, beobachten britische Journalisten und Nato-Satelliten. In russischen Garnisonen werden tote Soldaten beerdigt, in St. Petersburg liegen in einer Klinik rund hundert kriegsverletzte Soldaten, berichten russische Medien. Und die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine erklären offen, dass sie Seite an Seite mit russischen Soldaten kämpfen. Wie vieler Beweise bedarf es noch?

Zur Erinnerung: Es gab keine Kriegserklärung der Ukraine an Russland, keinerlei militärische Provokationen, keinerlei Einmarsch ukrainischer Truppen nach Russland, bevor all dies begann. Somit ist klar: Die Ex-Supermacht Russland spielt Katz und Maus mit dem kleinen Nachbarland.

Wladimir Putin kann nach Gusto agieren, weil er weiß: Die Nato, der einzige Gegner, den er militärisch fürchten muss, wird nicht auf Seiten der Ukraine in den Krieg eingreifen. Niemand in ihren Mitgliedsstaaten will einen europäischen oder gar Weltkrieg. Und das ist auch gut so. Denn solch ein Krieg würde weite Teile Europas – und Russlands – verwüsten. Die seit fast 70 Jahren andauernde Phase des Friedens und des Wohlstands in Europa würde brachial zu Ende gehen.

Auch aus diesem Grund versucht die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, bei Sanktionen gegen Moskau zu bremsen, Truppenstationierungen an der Nato-Ostgrenze zu verzögern und einen Gesprächskanal zu Putin offen zu halten.

Merkel sollte inzwischen erkannt haben, dass dies sinnlos ist. Denn um miteinander zu reden, muss man eine gemeinsame Sprache haben. Die aber spricht Putin nicht. Er agiert wie ein Halbstarker: unsicher, komplexbeladen, und deshalb unberechenbar. Er trickst, lügt und betrügt. So versprach er am Mittwoch beim Gipfel in Minsk, alles für einen Frieden in der Ostukraine tun zu wollen – und am Donnerstag eröffneten russische Truppen an der ukrainischen Schwarzmeer-Küste eine neue Front. Mit so einem Mann kann man nicht reden.

Was also tun?

Man darf die Ukraine bei ihrer Verteidigung gegen den übermächtigen Nachbarn nicht alleine lassen. Der Westen wird nicht umhin kommen, sie finanziell und mit militärischer Ausrüstung zu unterstützen, damit sie überhaupt eine Chance hat, sich zu verteidigen. Nicht nur im Interesse Kiews, sondern auch im Interesse der baltischen Staaten und der Republik Moldau, die ebenfalls starke russische Minderheiten im Land haben. Und im Interesse der EU- und Nato-Staaten Polen und Rumänien, die sich ebenfalls von der neuen russischen Großmannssucht bedroht fühlen.

Ignoriert Schalke!

Der Westen wird nicht umhin kommen, seine Sanktionen gegen Moskau zu verschärfen. Vor allem die Finanzsanktionen sind ausgesprochen wirkungsvoll. Sie schneiden den russischen Staat von seinen Devisenreserven ab und russische Unternehmen von Krediten für bitter nötige Investitionen. Auch Visa für russische Geschäftsreisende nur noch sehr restriktiv zu vergeben, ist ein probates Mittel.

Jeder, den es stört, dass mitten im Frieden ein Land Territorium eines Nachbarn besetzt und annektiert, kann zu diesen Sanktionen beitragen. Man kann überprüfen, wie viel russisches Gas der eigene Energieversorger einsetzt – und gegebenenfalls den Versorger wechseln. Man kann sich genau überlegen, ob man noch zu Spielen des Bundesligisten Schalke 04 geht – eines Vereins, der sich von russischen Gaskonzern Gazprom sponsern lässt. Und man kann sich überlegen, ob es im Supermarkt unbedingt russischer Wodka sein muss – oder nicht auch finnischer sein kann.

Ohne Zweifel: Es ist eine Politik der Nadelstiche. Aber in der Summe kann sie die russische Wirtschaft schwächen – und in Folge auch die Unterstützung der Russen für Putins Rückfall in den Imperialismus. Vor allem aber sind all diese Sanktionen und Sanktiönchen um Dimensionen besser als ein Krieg mitten in Europa.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, ist Fan der russischen Küche und Stammgast eines russischen Lokals. Das wird er auch bleiben. Aber auf dort angebotene Importprodukte wie die Limonade Kwas oder Moskwa-Bier verzichtet er inzwischen.

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