Guckst du, Putin

Von Andreas Theyssen am 5. September 2014

Wie tickt Russlands Präsident Wladimir Putin? Was treibt ihn im Fall der Ukraine? Diese Fragen stellt sich die Welt seit Monaten. Jetzt hat Putin die Antwort selber gegeben. Sie ist erstaunlich simpel

Angela Merkel war regelrecht verzweifelt. Kurz nach der Besetzung der Krim und nach mehreren Telefonaten mit Russlands Präsident Wladimir Putin entfuhr ihr, der Mann im Kreml lebe in einer anderen Welt. Das ist durchaus zutreffend, denn einen Nachbarn zu überfallen und sich ein Stück von dessen Territorium einzuverleiben, wirkt reichlich aus der Zeit gefallen. Zumindest seit 1945.

Aber in welcher Welt lebt Putin? Das fragt sich der Rest der Welt seit Monaten und verstärkt, seit er dieser Tage erneut seine Soldaten in die Ukraine einrücken ließ, diesmal Richtung Mariupol. Ist es die Welt des Imperialismus? Die Welt des Revanchismus? Die Welt des Stalinismus? Die Welt des Sowjetunionrevitalismus?

Es ist viel simpler, und Putin hat es dieser Tage selber erklärt. Denn bei einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso drohte er dieser Tage: „Wenn ich will, nehme ich Kiew in zwei Wochen ein.“ So erzählt es Barroso, so bestätigte es der Kreml.

Und so wissen wir nun, dass Putin mental nicht etwa in einer anderen Epoche lebt und dass bei ihm im Oberstübchen alles klar ist, denn er lebt in einer Welt, die wir nur allzu gut kennen. Oder zumindest jene unter uns, die einmal Kaya Yanars Comedy-Reihe „Was guckst du“ gesehen haben.

Putin befindet sich mental in einem Milieu, das uns aus Berlin-Wedding, Hamburg-Mümmelmannsberg oder München-Hasenbergl bestens vertraut ist. Es ist ein Milieu, in dem adoleszente Männer sich bevorzugt durch Worte wie „voll krass“ artikulieren, deren Wertesystem vornehmlich besteht aus der Demonstration von Coolness und dem Einfordern von Respekt. Ein Milieu, in dem Diskussionen bevorzugt mit der Faust geführt werden.

Dass Russlands Präsident sich zumindest semiotisch zu diesem Milieu hingezogen fühlt, hat er in der Vergangenheit wiederholt demonstriert. Etwa, wenn er sich beim Judo fotografieren ließ oder mit einer Waffe in der Hand oder mit freiem Muskeloberkörper beim Fischen und Reiten.

Nun hat er sich auch semantisch in dieses Milieu begeben. Denn sein „Wenn ich will, nehme ich Kiew in zwei Wochen ein“ ist inhaltlich identisch mit dem, was man beispielsweise in Mümmelmannsberg ausdrückt mit den Worten: „Isch hab den Längeren, guckst du!“ Und so wissen wir nun dankenswerterweise, in welcher Welt Wladimir Putin sich bewegt, zu welchem Milieu er sich hingezogen fühlt. Und auch, wie er tickt.

Dankenswerterweise ? Natürlich, denn das Miteinander in diesem Milieu folgt recht simplen Gesetzen, die so gar nichts zu tun haben mit diplomatischen Umgangsformen, Verständnis oder Appeasement. Es gilt das Recht des Stärkeren, sei es physisch, sei es verbal. Und so könnte schon ein recht simpler Satz aus dem Wedding-Vokabular genügen, um die Fronten in der Ukraine zu klären. Er lautet: „Voll auf die Fresse? Guckst du, Putin!“

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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