Terroristen – Made in Europe

Von Martin Benninghoff am 8. September 2014

Im Falle islamistischer Rückkehrer vertrauen wir alle darauf, dass die Sicherheitsbehörden Anschläge verhindern können. Doch wer sich darauf verlässt, ist schon verlassen

Ich hab’s getan, mir dieses schreckliche Video angeschaut, das die Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley – zumindest ansatzweise – zeigt. Ein Zeugnis der unglaublichen Blutlust völlig verrohter Menschen, denen offenbar nichts, aber auch rein gar nichts mehr in einem angeblich heiligen Krieg heilig ist.

Vielleicht musste ich mir auch deshalb das Grauen mit eigenen Augen anschauen: Um zu begreifen, wozu Menschen in der Lage sind, die ansonsten in bloßen Textnachrichten gesichtslos bleiben. Wie viele Verbrechen dieser Art bleiben unterhalb der Wahrnehmungsschwelle europäischer Beobachter, wenn es keine Bilder gibt? Und ich gehe weiter: Welche Verbrechen bleiben unterhalb der Wahrnehmungsschwelle europäischer Beobachter, wenn Opfer und Täter nicht westlich sind?

Dass das Opfer US-Amerikaner war, ist nun die Strategie der IS-Mörder: eine Strafaktion gegen das große ideologische Feindbild Amerika. Dass der Täter offenbar britischen Ursprungs ist, rückt die Aktion näher an Europa ran. Eine perfide Drohung der IS-Terroristen: Seht her, wir kommen aus Euch, und seht her, wir kommen vielleicht auch wieder zurück zu Euch. Die Warnung mag als perfider PR-Trick geplant sein, der die Wirkung in den europäischen Bevölkerungen sicherlich nicht verfehlt. „Wir müssen uns auf die Möglichkeit von Anschlägen in Europa einstellen“, verkündete Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg-Maaßen kürzlich. Klar, dass hierbei die Sicherheitspolitik sofort – und ja auch richtigerweise – in den Mittelpunkt rückt.

Dennoch, wir dürfen uns nicht damit begnügen, erneut nur die Maschinerie der Sicherheitspolitik in Gang zu setzen (sie ist natürlich längst im Gange). Was nahezu fehlt, ist eine grundlegende Debatte darüber, wie wir gemeinsam die Radikalisierung vornehmlich junger Männer stoppen. James Foleys Mörder mit Londoner Akzent dürfte doch Warnung genug sein, dass der Islamismus, den die IS-Milizen in ihren schwarzen Kutten im Irak und in Syrien in blutrünstigen Terror ummünzen, eben kein ferner Konflikt mehr ist, der uns nichts angeht.

Und das geht nur, wenn wir alle begreifen, dass die Jungs und wenigen Mädels, die in die Islamistenausbildungslager fahren, unsere Jungs und Mädels sind. Made in Europe sozusagen. Ganz gleich, ob sie einen palästinensischen, marokkanischen oder deutschen Abstammungshintergrund haben.

Wenn sie auf Reisen sind, ist es schon fast zu spät, aber nur fast. Fakt ist aber, dass wir als Gesellschaft viel früher präventiv gegen den Radikalisierungswahn dieser Gruppen vorgehen müssen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon, wie die nimmermüden sogenannten Islamkritiker abwinken und von Prävention nichts wissen wollen. Zu blauäugig. Zu teuer. Warum bloß noch Geld in die Hand nehmen für Probleme, die wir uns importiert haben?

Das aber wäre grundfalsch und würde nur zeigen: Nur wer begreift, dass gewalttätige Islamisten aus Deutschland unser hausgemachtes Problem sind, kann effektiv etwas gegen die radikalisierten Rückkehrer aus IS-Lagern machen.

Die Ansätze zur Prävention sind kein Allheilmittel, und auf den ersten Blick wirken sie nahezu banal. Vielleicht sind sie es auch. Vielleicht gibt es bessere Möglichkeiten. Aber immer steht am Anfang eine Debatte, und die müsste in Deutschland endlich breit und in der Bevölkerung geführt werden: Wie können wir etwas gegen die Radikalisierung mancher unserer Jugendlichen tun? Wie lösen wir ein Problem, wie lösen wir UNSER Problem?

Ein paar Ansätze:
– Die Gesellschaft muss deutlicher Hass ächten, egal ob er in religiöser oder sonstiger ideologischer Sprache daherkommt. Vor allem im Netz finden sich die Kommunikationskanäle gewaltbereiter Islamisten. Können wir ihnen im Netz auch etwas entgegensetzen? Kreieren wir eine Kultur, die es nicht hinnimmt, andere in die Ecke zu stellen! Das fängt bei uns zuhause an und darf sich nicht auf politische Sonntagsreden beschränken.
– Wir sollten alle gründlich nachprüfen, ob wir die Muslime wirklich als normalzugehörig zu Europa empfinden und dementsprechend behandeln. Wer sich abgelehnt fühlt, wird möglicherweise in die Arme radikaler Bauernfänger getrieben. Islamistische Gruppierungen versprechen Halt und Stärke – ein besonders attraktives Paket für „heimatlose“ Jugendliche, die nach Struktur und Selbstvertrauen lechzen. Islamistische Gruppen sind in dieser Hinsicht mit rechtsradikalen Gruppierungen zu vergleichen, die gestrauchelten Jugendlichen Halt und Selbstwertsteigerungen anbieten.
– Lasst uns offensiv die Moscheegemeinden in Deutschland mit einbinden, auch wenn die oft fremd und konservativ sind. Dort sitzen die Eltern von Kindern, die drohen, in die Radikalisierung abzurutschen. Diese Eltern brauchen unsere Hilfe, weil sie selbst oft verzweifelt sind, wie sie ihre Kinder schützen können. Es gibt erste „runde Tische“ von muslimischen Eltern, die das Abrutschen ihrer Kinder in den Terrorsumpf befürchten. Sie brauchen Unterstützung, mindestens aber unser Interesse.
– Nehmen wir ordentlich Steuergeld in die Hand für Präventivprogramme, die sich lohnen, weil sie spätere Kosten im Anfang verhindern.

Mit dem letzten Punkt meine ich nicht unbedingt die Hotline, bei der aussteigewillige Islamisten anrufen können (die wird nach wie vor wenig frequentiert), sondern Projekte wie das deutsche „Hayat“ in Berlin. Das berät und coacht Angehörige von radikalisierten Jugendlichen – mit Erfolg. Die Mitarbeiter kennen die Tricks, mit denen die Ausbilder in den Islamisten-Camps versuchen, die Jugendlichen von ihren Familien abzukoppeln. Und sie munitionieren die Familien in diesem Kampf um den Einfluss auf den Sohn oder die Tochter, etwa vor Skype-Gesprächen oder Chatunterhaltungen. Am effektivsten aber wirken derlei Beratungsangebote bei jungen Leuten, deren Abrutschen in die Szene droht, aber noch nicht gänzlich abgeschlossen ist.

Über „Hayat“ wird übrigens schon im Ausland berichtet. Auf einer Debattenseite der „New York Times“ wird auf das Projekt hingewiesen, in England soll derzeit ein ähnliches Projekt entstehen. Das ist sicherlich spät, aber noch nicht zu spät. Wie die deutsche Extremismusexpertin Claudia Dantschke völlig richtig einschätzt, muss der Radikalismus schon im Entstehen bekämpft werden, weil es sonst extrem schwierig ist, ideologisch gefestigte Islamisten wieder zurückzuholen. Und vor allem: Er muss international bekämpft werden. Es wäre ein wichtiger Schritt, ein europaweites Netzwerk im Sinne „Hayats“ zu installieren, das der in Englisch verbreiteten Islamisten-Propaganda im Netz wirksam etwas entgegenzusetzen hätte.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt.

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Jürgen Thiede am 13. September 2014

Ich bin sehr dafür, Sicherheitspolitik durch Prävention zu ergänzen. Den Mörder von James Foley jedoch hätte wohl keine Präventionsmaßnahme davor bewahrt, sich zu radikalisieren und ISIS anzuschließen. Der 23-jährige Abdel-Majed Abdel Bary konnte sich als „als normalzugehörig zu Europa empfinden“ und gehörte nicht zu den „gestrauchelten Jugendlichen“, denen es an Halt und Selbstwertgefühl mangelt. Bis zum letzten Jahr wohnte er bei seiner Familie im einem 1 Million Pfund teuren Haus in Maida Vale im Westen Londons und war ein viel versprechender Rapper, dessen Musik von BBC Radio 1 verbreitet wurde. Der 'Hip Hop Jihadist' ist eines von 6 Kindern des Ägypters Adel Abdul Bary (oder Adel Abdel Bari), der 1993 in Großbritannien Asyl erhielt – wobei wir wieder bei der Sicherheitspolitik wären. Denn Vater Bary wurde 1995 von einem ägyptischen Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt und muss sich seit Ende 2012 in den USA für die Bombenanschläge von 1998 auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania verantworten, bei denen 224 Menschen starben. Leider hat man in Großbritannien (wie in Deutschland) nicht genau hingesehen, wem man da Asyl gewährte und was der neue Bürger in seinem Asyl trieb. Und es ist auch kein Zeichen besonderer Rechtsstaatlichkeit, wenn sich der Angeklagte 13 Jahre lang gegen seine Auslieferung an die USA wehren konnte.

Zaunkoenigin am 14. September 2014

danke für die Ergänzung, Herr Thiede. Wobei ich der Meinung bin, dass das Eine das Andere nicht ausschließt und diese Terrorgruppe nicht das wäre was sie ist, wenn es "nur" Menschen wie Abdel-Majed Abdel Bary geben würde. Die Masse macht's. Und deshalb möchte ich den Artikel von Herrn Benninghoff lediglich um 2 Punkte ergänzen. Nämlich,
- dass Ansätze zur Prävention auf alle sogenannte Randgruppen angewendet werden (Menschen als Randgruppe zu behandeln birgt immer das Risiko der Radikalisierung dieser Gruppe) und,
- dass ein Weg gefunden werden muss, dass besagte Randgruppen eine Möglichkeit für sich finden, ebenfalls offener auf ihr Umfeld zuzugehen.

Jürgen Thiede am 15. September 2014

Ich bezweifle, dass das bei Problem bei "Randgruppen" zu suchen ist, die falsch behandelt worden wären. Der SPIEGEL stellt in seiner neuen Ausgabe Nr. 38 aufgrund einer Analyse der Sicherheitsbehörden über Radikalisierungshintergründe und -verläufe bei deutschen Dschihadisten fest: "Fast zwei Drittel der Ausgereisten sind in Deutschland geboren... Keineswegs waren alle der radikalisierten Muslime in Deutschland perspektivlose Randfiguren der Gesellschaft. Mehr als hundert von ihnen hatten zum Zeitpunkt ihrer Ausreise einen Schulabschluss in der Tasche, davon 41 das Abitur; 43 hatten ein Studium aufgenommen... Nur selten erkannten Verwandte, nicht-islamische Freunde, Lehrer oder Sozialarbeiter, dass sich die Menschen unter ihren Augen schleichend veränderten."

Zaunkoenigin am 15. September 2014

Oh, entschuldigen Sie. Ich hätte wohl konkreter "Randgruppe" definieren sollen. Hier bezog sich Randgruppe auf die ethnische/religöse Zugehörigkeit. Insofern könnte meine Überlegung durchaus ein Motiv sein. Nur, weil man in einem Land die Möglichkeit der beruflichen Entfaltung hat, bedeutet das noch lange nicht, dass sich dort auch angenommen/zugehörig und akzeptiert fühlt. Da gehört dann schon noch ein Stück mehr dazu.

Zugegeben, Ihre aktuellen Zahlen regen zum weiter denken an. Was veranlasst Menschen Krieg zu führen obwohl sie von diesen Ungerechtigkeiten gar nicht direkt betroffen sind? Wie entsteht Hass? Wie werden Hemmschwellen abgebaut? Wie entsteht Fanatismus?

Gilt für diese Menschen nicht, dass niemand etwas zerstört oder riskiert zu zerstören was ihm gut tut?

Jetzt würde mich aber dann doch interessieren wo Sie die Ursachen sehen.

Jürgen Thiede am 16. September 2014

"Ethnische/religiöse Zugehörigkeit" macht in diesem Zusammenhang offensichtlich keinen Unterschied: die "Terroristen - made in Europe" müssen keinen Migrationshintergrund haben, und der Fundamentalismus ist nicht allein ein muslimisches Phänomen, sondern auch bei Juden und Christen zu finden.
Der Terrorismusforscher Professor Peter Neumann vom King's College, London, sagt: "Die Frage ist nicht so sehr, warum hassen sie die westliche Gesellschaft, sondern warum fühlen sie sich nicht zuhause hier. Und natürlich haben all diese Leute irgendwann eine Krise gehabt, haben sich gefragt, wo gehöre ich hin. Und die Antwort kam dann eben nicht, nach Deutschland, nach Großbritannien oder nach Frankreich; die Antwort kam dann, ich weiß es nicht, ich fühle mich hier nicht zuhause. Ich fühle mich nicht unbedingt zuhause dort, wo meine Eltern oder meine Großeltern herkommen. Das ist nicht unbedingt immer ein westliches Land, wo gehöre ich hin. Und dann beginnt das Suchen und wenn sie dann im falschen Moment in die falschen Hände geraten, mit einem Menschen, der die falsche Antwort bereithält, dann sind sie eben ganz schnell Islamisten."