Auf der Mauer, auf der Lauer – Arsenij Jazenjuk

Von Andreas Theyssen am 12. September 2014

Der Ministerpräsident der Ukraine ist ein Mann, der Lehren aus der Geschichte ziehen kann. Und so weiß er jetzt: Gegen wilde Horden helfen nur massive Mauern

Wenn unsere Enkel in einigen Jahrzehnten im Mauermuseum von Luhansk stehen, dann werden sie es einmal besser haben als wir. Wir stehen heute in den Museen und Gedenkstätten von Berlin und wissen auch nach dem Besuch nicht so recht: Wer hatte denn nun damals die Idee, diese tolle Mauer zu bauen? Der näselnde Spitzbart? Der Oberossi aus dem Saarland? Oder doch der Glatzköpfige aus dem Kreml?

Unsere Enkel hingegen werden einmal ganz genau wissen, wessen Idee es war, die Grenze zwischen der Ukraine und Russland durch Mauern, Zäune, Wachtürme, Sperrgräben und Patrouillenwege zu markieren: Arsenij Jazenjuk, seinerzeit Premierminister in Kiew.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Das muss sich Jazenjuk gedacht und deshalb tief ins Geschichtsbuch geguckt haben. Und als er dort las, dass wilde Horden (Mongolen) aus der benachbarten Steppe dereinst China bedroht haben, dachte er sich: Hey, das ist ja wie bei uns. China hat damals eine 6600 Kilometer lange Mauer gegen die Plage errichtet. Hey, muss sich Jazenjuk gedacht haben, unsere Grenze zu den Wilden aus dem Osten (Russen) ist bloß 2000 Kilometer lang; ein Klacks!

So löblich es im Allgemeinen ist, aus der Geschichte zu lernen, in diesem Fall war Jazenjuk leider ein wenig zu gründlich. Er hat sein Geschichtsbuch von vorne zu lesen begonnen. Hätte er nur 75 Jahre zurückgeblättert, wäre ihm aufgefallen, dass militärische Befestigungen schon seit 1940 ziemlich out sind.

Damals hatten die Franzosen Angst vor den wilden Horden aus dem Osten (Deutsche). Und so hatten sie zwei Jahrzehnte lang ein gigantisches Bollwerk an ihrer Ostgrenze errichtet. Mit Bunkern, Forts, Geschützstellungen, Kasematten und allem Pipapo. Maginot-Linie hieß dieses Wunderwerk der Militärarchitektur.

Nur: Als die Wilden aus dem Osten dann wirklich kamen, fuhren sie einfach um diese Mauer herum. Und so, wie der Kreml-Wladi gerade drauf ist, wird er auch einfach um die Ukrainische Mauer herumfahren. Selbst, wenn er deshalb durch Polen durch muss.

Arsenij Jazenjuk hat wohl noch einen zweiten Fehler begangen – er hat im Geschichtsbuch nämlich nicht weit genug gelesen. Hätte er es getan, wäre ihm aufgefallen, dass die Chinesische Mauer dem Reich der Mitte letztendlich nichts genutzt hat. Als die wilden Horden dann kamen, haben sie – so die Legende – einfach einen Torwächter bestochen, der sie einließ; sie blieben gleich für 300 Jahre. Vielleicht aber hat Jazenjuk auch gedacht: Hey, das kann uns nie passieren, denn Korruption ist in meinem Land völlig unbekannt.

Aber egal. Jedenfalls hat Arsenij Jazenjuk ein Zeichen gesetzt. In Zeiten, in denen die Kids nur noch auf Facebook rumdaddeln und Bücher allenfalls noch aus verordneten Museumsbesuchen kennen, hat der Mann aus Kiew aller Welt demonstriert, dass er das gedruckte Wort in Ehren hält. Auch ein Verdienst.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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Thomas Nichterlein am 12. September 2014

Und wenn es gar keine militärische Befestigung werden soll, sondern eine, die einsickernde staats-kriminelle Russen abhält? Diese Art Befestigung ist grade schwer en vogue. Man kann sich da höchstens noch drunter durchbuddeln.

Andreas Theyssen am 12. September 2014

Die "staats-kriminellen Russen" fahren dummerweise gerne mit Panzern oder Manschaftspanzern herum und haben häufig eine RPG dabei. Damit kommen sie durch jede Mauer und jeden Zaun.