Der Tag, an dem ich Egon Krenz kaufte

Von Andreas Theyssen am 7. November 2014

Mit dem Mauerfall begann für Journalisten eine spannende Zeit. Sie arbeiteten in der DDR allerdings unter Bedingungen, die heute unvorstellbar sind. Ein ehemaliger Korrespondent berichtet

Der Anruf aus Berlin kommt am späten Abend. „Du, die Mauer ist auf“, schreit eine Freundin in einer Telefonzelle in den Hörer. „Du spinnst“, sage ich. „Doch, schalt den Fernseher ein“, kommt es zurück.

Den Abend hatte ich mit Kollegen in einer Münchner Kneipe verbracht – und rein gar nichts mitbekommen. In jener Zeit, als es kaum Handys und keine Smartphones gab, nicht ungewöhnlich.

Den Umbruch in der DDR hatte ich intensiv begleitet. Ich berichtete für meine Zeitung von der österreichisch-ungarischen Grenze, als die ersten DDR-Flüchtlinge illegal herüberkamen. Ich empfing in Passau diesen gigantischen Konvoi aus Trabis, Wartburgs und Ladas, als die Ungarn einige Wochen später offiziell ihre Grenze öffneten. Ich stand in Hof auf dem Bahnsteig, als der erste Zug mit den Prager Botschaftsflüchtlingen einfuhr. Und ich hatte staunend in der „Bild“-Zeitung verfolgt, wie das Blatt Erich Honecker auszählte („3…2…1…“) und der dann tatsächlich gestürzt wurde; Jahre später erfuhr ich, dass der im SED-Zentralkomitee sehr gut vernetzte Dresdner Wissenschaftler Manfred von Ardenne das Blatt über den geplanten Putsch vorab informiert hatte. Der Fall der Mauer aber erwischt mich unvorbereitet.

Die halbe Nacht sitze ich vor dem Fernseher, verfolge die Bilder aus Berlin. Und heule. Meine halbe Verwandtschaft lebt in der DDR, anderthalb Jahrzehnte habe ich jeden Sommerurlaub dort verbracht. Ich brauche nicht die Bilder aus Berlin, um zu verstehen, was der Mauerfall für die Menschen in Ostdeutschland bedeutet. Was ich in dieser Nacht noch nicht begreife: Der Mauerfall wird auch mein Leben brachial verändern. Vor mir liegen Monate, die zu den journalistisch spannendsten gehören, in denen ich aber unter Bedingungen arbeite, die im 21. Jahrhundert unvorstellbar sind.

Der Traum vom Tastentelefon

Zweieinhalb Monate später bin ich in Ost-Berlin. Im DDR-Außenministerium habe ich gerade meine Akkreditierung abgeholt; die Münchner „Abendzeitung“ hat mich als ihren Korrespondenten geschickt. Ich schaue im Internationalen Pressezentrum vorbei, in dem Günter Schabowski am Abend des 9. November aus Versehen die Mauer geöffnet hat, um zu schauen, ob irgendwelche Termine anstehen. Ein handgemaltes Schild kündigt eine Pressekonferenz mit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow an. Er ist gerade aus Moskau zurückgekehrt und präsentiert den Plan für eine Konföderation der beiden deutschen Staaten. Eine Sensation.

Ich rase nach West-Berlin. Gleich hinter dem neuen Grenzübergang Potsdamer Platz schreibe ich im Auto meine Story per Hand auf Papier, telefoniere sie anschließend aus der gelben Telefonzelle an die Münchner Redaktion durch. Als ich fertig bin, raunzt mich ein Mann im breitesten Sächsisch an: „Wenn Sie so lange telefonieren müssen, dann gehen sie gefälligst in ein Postamt.“

Das Telefon wird in den kommenden Monaten das Thema sein, das mich am meisten beschäftigt. Das Dienstleistungsamt des DDR-Außenministeriums hat mir als Büro eine Ein-Raum-Wohnung im 10. Stock eines Plattenbaus im Bezirk Lichtenberg zugewiesen. Dort gibt es auch ein graues Telefon mit Wählscheibe, aber die wenigen Telefonleitungen zwischen DDR und Bundesrepublik sind hoffnungslos überlastet. Manchmal wähle ich eine Stunde lange immer wieder die 16-stellige Nummer der Münchner Redaktion bis ich endlich durchkomme, um meine Texte durchzutelefonieren. Nachts träume ich von einem Tastentelefon mit Wiederwahltaste; aber die gibt es nicht im noch real existierenden Sozialismus.

Später spendiert mir meine Zeitung ein C-Netz-Telefon. Es ist ein aktentaschengroßer Akku mit Telefonhörer und Antenne. Und wenn ich ihn dicht genug ans Fenster meines Plattenbau-Büros stelle, loggt sich dieses Telefon sogar ins Westberliner Mobilfunknetz ein, zumindest gelegentlich. Eine unglaubliche Erleichterung.

Mit C-Netz-Telefon und Akustikkoppler

Ein paar Wochen später bin ich unglaublich stolz auf mich. Weil ich eine bahnbrechende Entdeckung gemacht habe. Wenn ich den Hörer des C-Netz-Telefons (gibt es heute nicht mehr) auf den Akustikkoppler (gibt es heute nicht mehr) meines Laptops schnalle, kann ich meine Texte über die Combox (gibt es heute nicht mehr) direkt ins Münchner Redaktionssystem senden. Und die Übertragung bricht auch nur drei-, viermal pro Versuch ab. Ein echter Zeitgewinn.

Bleibt das nächste Problem. Woher bekomme ich meine Stories? Einen Anschluss für Nachrichtenagenturen habe ich nicht – zu teuer. Internet? Steckt Anfang 1990 noch in den Kinderschuhen. Emails? Fehlanzeige. Meine Informationsquelle sind die Nachrichten von RIAS 2, einem Westberliner Sender, den ich in meinem Plattenbau gut empfangen kann. Halbstündlich informiert er darüber, was in der DDR los ist. Welcher Wendepolitiker als Stasi-Spitzel enttarnt wurde, dass die Koalition zerbricht, was bei den 2+4-Gesprächen zur Wiedervereinigung passiert. Regelmäßig überschlagen sich die Nachrichten, und nach ein paar Wochen bekomme ich Magenschmerzen, sobald ich auch nur das Jingle der RIAS 2-Nachrichten höre.

Die andere Informationsquelle ist: einfach irgendwo hinfahren und Leute anquatschen. In der Regel funktioniert das, manchmal laufe ich aber auch auf. Zum Beispiel als ich zum Demokratischen Aufbruch (DA) will, einer der neuen DDR-Parteien. Die Zentrale sitzt im Berliner „Haus der Demokratie“, und als ich auf der Suche nach den Büros durch die Flure irre, frage ich eine hektisch vorbeirennende Frau, wo ich den DA finden kann. Ihre Antwort im Vorbeilaufen: „Weiß ich auch nicht.“

Wie mich Angela Merkel verarscht

Erst Tage später merke ich, dass die Frau mich verarscht hatte. Sie war die Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs. Ihr Name: Angela Merkel.

Andere Recherchen sind verblüffend einfach. Einmal verrät mir eine Ministeriumssprecherin beim Kaffee, dass es in der DDR eine Versorgungskrise mit Lebensmitteln gibt. Oder: Nach dem Messer-Attentat auf Oskar Lafonatine recherchiere ich, wie gut DDR-Politiker geschützt sind. Ich rufe im Ministerrat an, dem Pendant zum Bundeskanzleramt. Dort gibt man mir die Durchwahl des Chefs des Personenschutzes. Und der, ein ehemaliger Stasi-Mann, erzählt mir völlig offen, wie die Politiker geschützt werden, sogar Details über den Schutz der Ehefrau von Ministerpräsident Lothar de Maiziére verrät er. In der Bundesrepublik wäre das undenkbar.

In Leipzig recherchiere ich eine Geschichte über Taubenzecken. Da die Häuser marode und die Dächer undicht sind, nisten sich in den Dachstühlen Tauben ein, die wiederum Zecken einschleppen, die in den darunter liegenden Wohnungen auch Menschen befallen und üble Krankheiten hervorrufen. Eine Bürgerinitiative macht dagegen mobil. Am Ende meiner Recherche fragt eine Vertreterin der Bürgerinitiative schüchtern: „Bekommen wir jetzt ein Informationshonorar?“ Ich bin perplex. Dass ich über das Taubenzecken-Problem berichte, liegt doch in ihrem Interesse. Weshalb soll ich da etwas zahlen? „Wir dachten, das ist bei Westmedien so üblich“, sagt sie.

Striptease unterm DDR-Parlament

Diesen Eindruck haben viele DDR-Bürger. Ein bekannter Konsistorialrat der evangelischen Kirche lässt sich für Informationen ein Honorar auf das Konto einer Westberliner Bekannten überweisen. Ein Info-Honorar verlangt auch der Geschäftsführer eines Stripclubs im Palast der Republik, dessen Mitarbeiterinnen direkt unter der Volkskammer, dem DDR-Parlament, die Hüllen fallen lassen. Und dann gibt es die Geschichte mit Egon Krenz.

Ein paar Tage vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ruft mich aus München ein Ressortleiter an. „Mach uns die Geschichte ,Die Nacht, in der Erich Honecker Bundesbürger wurde’.“ Hübsche Idee, sage ich, aber ich habe keine Möglichkeit an Honecker ranzukommen. Der Mann saß damals abgeschirmt in einem Pfarrhaus im brandenburgischen Lobetal. Aber, so sage ich, ich sehe eine Chance bei Egon Krenz, Honeckers Nachfolger als SED-Chef; dessen Telefonnummer habe ich. „Mach das“, kommt es zurück aus München. „Die Geschichte ist mir 1000 D-Mark wert.“

Ich rufe Krenz an, schildere ihm, was wir wollen – und hole mir eine Abfuhr. Keine Zeit, sagt er. Ich lasse 20 Minuten verstreichen, rufe erneut an. „Was ich vergessen habe“, sage ich: „Wir würden für die Geschichte auch 1000 D-Mark zahlen.“ Plötzlich hat Krenz Zeit. Kurz vor der Wiedervereinigung sitze ich mit ihm in seinem grauen Bungalow am Pankower Majakowski-Ring, am Ende unseres Gesprächs blättere ich ihm 1000 D-Mark hin, und er unterschreibt die Quittung, die ich für die Abrechnung mit dem Verlag brauche. Als ich die Geschichte schreibe, gibt es die DDR nicht mehr. Nur das Problem mit der miserablen Telefonverbindung gen Westen bleibt mir noch viele Monate erhalten.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, war von Januar 1990 bis Juni 1994 Korrespondent der Münchner „Abendzeitung“ für die DDR und später die Neuen Bundesländer.

Bildunterschrift: Daheim bei Egon Krenz. DDR-Korrespondent Andreas Theyssen beim ehemaligen SED-Chef kurz vor der Wiedervereinigung 1990. (Foto: Thomas Böhme)

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